Röntgenbild mit Schneeflocken

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© Metrolit

Man kann dem Metrolit-Verlag eigentlich nur gratulieren. Auf der Suche nach Stoff für eine verlagseigene Krimireihe stößt die Herausgeberin und Übersetzerin Simone Salitter auf den Titel „Galveston“. Der Autor des Romans heißt Nic Pizzolatto. Bei dem Namen klingelt erstmal gar nichts, wohl aber bei dem Titel. War sie in der titelgebenden Stadt nicht mit ihrem Mann Gunter Blank (Mitübersetzter und -herausgeber) während einer Texasreise Anfang der Neunziger schon mal gewesen? Na logisch, und in dem Hotel, in dem der Protagonist absteigt, waren sie sogar auch schon! Also ab in den Warenkorb damit, der Nostalgie wegen.

Nach der Lektüre haben sie sich wohl schleunigst die Rechte gesichert. Nicht, weil Pizzolatto der Erfinder und Drehbuchautor der millionenschweren, international hochgelobten und von vielen als revolutionär empfundenen Fernsehserie „True Detective“ ist. Das war zu dem Zeitpunkt nämlich noch Zukunftsmusik. Nein, der Grund dafür ist viel banaler: „Galveston“ ist einfach ein unglaublich gutes Buch.

Es beginnt mit Schneeflocken. Sie befinden sich auf den Röntgenaufnahmen von Roy Cadys Lunge. Roy Cady ist Profikiller für eine kriminelle Vereinigung in New Orleans und hat gerade erfahren, dass er Krebs hat. Aber in seiner Branche geht man nicht einfach in Rente, schon gar nicht, wenn man was mit der Frau vom Boss hatte. Roy erhält den Auftrag, einem Mitarbeiter des Syndikats einen Besuch abzustatten. Nur ein bisschen plaudern, die Waffe bitte im zuhause lassen – Eine Falle, natürlich. In dem Haus befinden sich noch andere Männer, außerdem zwei blutjunge Prostituierte. Eine davon ist schon tot, als Roy ankommt. Kurz gesagt, nicht gerade die Art Gäste, die man sich auf seiner eigenen Beerdigung wünscht. Nach einer kurzen Schießerei flieht er mit Rocky, der zweiten Prostituierten, durch die Hintertür.

Was folgt ist ein düsterer Roadtrip durch den dreckigen Süden. Rocky kommt, wie Cady auch, aus East Texas und so machen sie sich auf dem Weg vom sumpfigen New Orleans ins texanische Hinterland. Rocky konfrontiert sich mit ihrem Leben vor der Prostitution, während Roy damit beschäftigt ist, seine Paranoia in den Griff zu bekommen. Dabei wird er immer wieder von dem Menschen heimgesucht, der er mal war oder hätte werden können. Und irgendwann kommt Galveston. Der Ort, an dem es nicht mehr weitergeht, wo am Ende des Asphalts ein riesiges Meer liegt. Der perfekte Ort für einen Showdown.

Es handelt sich hier aber nun einmal um ein ungewöhnliches Buch. Pizzolatto dehnt die Genrekonventionen so lange aus, bis sie zwangsweise Risse bekommen. Seine Figuren haben eine Tiefe, die man nur selten findet. Mit wenigen Worten zeichnet er Bilder, die ein authentisches und symbolträchtiges Milieu lebendig werden lassen, ohne dabei zu irgendeinem Zeitpunkt klischeehaft zu wirken. Und dann diese bedrohliche Langsamkeit. Schon zu Beginn des Buchs kündigt sich ein Unwetter an. Die Wolken ziehen bereits auf den ersten paar Seiten auf, später ist der Donner deutlich zu hören. Man holt lieber die Wäsche rein, heute wird es nichts mit Schwimmbad. Dann wird der Donner lauter, und etwa in der Mitte des Romans sind so deutlich Blitze zu sehen, dass man sich wundert, warum die Seiten beim Umblättern nicht knistern. Man schaut aus sicherer Entfernung durch das Fenster nach oben und wartet auf die Sinnflut. Und dann – ja, dann passiert erstmal überhaupt nichts.

Der ZEIT gegenüber erzählte Pizzolatto, dass sein erstes Drehbuch für eine Fernsehserie überall abgelehnt wurde. Es handelt von zwei Typen, die in einem Donut-Shop arbeiten und sich den lieben langen Tag einfach nur unterhalten. Wahrscheinlich haben die Verantwortlichen bei den Sendern „Galveston“ nicht gelesen. Wenn einer so erzählen kann, dann kommt es auf Nebensächlichkeiten wie Setting oder Plot doch überhaupt nicht mehr an.

„Galveston“ von Nic Pizzolatto ist bei Metrolit im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Simone Salitter und Gunter Blank.

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