Lost on the River

lansdale dunkle gewässer

© Heyne

Wie schreibt man über menschliche Abgründe? Während der Ton in vielen Krimis immer kühler, immer nüchterner und auf eine schmerzhafte Art und Weise realistischer wird, geht Joe R. Lansdale einen völlig anderen Weg. Sein Roman „Dunkle Gewässer“ ist gerade bei Heyne im Taschenbuch erschienen. Es handelt sich dabei um ein düsteres Südstaatenmärchen voller unvergesslicher Bilder und Figuren. In der Tradition von Autoren wie Mark Twain erzählt Lansdale eine Geschichte vom jugendlichen Streben nach Glück. Und wie schon bei Huck Finn und Tom Sawyer gilt auch hier: Man muss es manchmal in der Ferne suchen, dieses Glück.

Da ist Sue Ellen, die von ihrem annähernd zahnlosen Vater missbraucht wird, während die Mutter, betäubt von einem Gemisch aus Alkohol und Laudanum, lethargisch im Bett liegt und nichts tut – außer sich ab und zu von ihrem Mann schlagen zu lassen. Da ist Jinx, eine Farbige, die, wenn es nach Sue Ellens Eltern gehen würde, überhaupt nicht mit Menschen hellerer Hautfarbe verkehren dürfte. Da ist Terry, der homosexuell ist, an einem Ort, an dem Homosexualität noch als Werk des Teufels angesehen wird. Und dann ist da auch noch May Lynn, die Dorfschönheit, die mit einer Nähmaschine am Fuß aus dem Sabine River gezogen wird. May Lynn wollte eigentlich immer weg, um Schauspielerin in Hollywood zu werden. Jetzt ist sie tot. Die drei Freunde beschießen, dass wenigstens ihre Asche in Hollywood verstreut werden soll.

 Wir haben nicht so viele Freunde, dass uns eine davon egal sein könnte, nur weil sie tot ist

Plötzlich ist auch noch Geld im Spiel. Und Verfolger. Sue Ellen, Terry und Jinx packen ihre Siebensachen und machen sich auf dem Floß auf zur Traumfabrik. Die Mutter von Sue Ellen wird kurzerhand eingepackt und auf kalten Entzug gesetzt. Sie schippern alle gemeinsam den Sabine River hinunter und bemerken bald, dass da noch ein Schatten ist, der übers Ufer huscht. Ist das etwa der legendäre Skunk, der ihnen durch die Wälder folgt? Der Mann, über den man sich abends am Lagerfeuer schlimme Geschichten erzählt, den aber kaum jemand jemals gesehen hat?

Die Besonderheit dieses Buchs ist die Ambivalenz. In gewisser Weise ist es ein klassisches Jugendbuch über Freundschaft und das Erwachsenwerden, eine abenteuerliche Reise voller Mythen, Wünschen und schriller Figuren. Aber da ist auch die dunkle Seite des Buches, die Gewalt, der Rassismus, die sexuelle Unterdrückung und die explizite Sprache. Der Gegensatz erzeugt eine Wucht, die einem beim Lesen immer wieder aus der Bahn wirft. In ihm wird der Konflikt deutlich, den die Protagonisten austragen müssen: Die Welt, wie sie sie kennen, stellt für sie eine lebensfeindliche Umgebung dar. Sie bezweifeln die Werte und Normen, nach denen diese Welt funktioniert und treten den Protest an.

Terry sagt an einer Stelle im Buch zu Sue Ellen: „Ein farbiges Mädchen und ein Schwuler, da verkehrst du aber mit merkwürdigen Leuten.“ Und sie antwortet: „Das einzig Merkwürdige daran sind Leute, die das merkwürdig finden.“ Hier zeigt sich ganz deutlich: Wie fast jeder Autor, der uns in eine düstere, brutale Welt entführt, ist Lansdale ein hoffnungsloser Optimist und Romantiker. Bei allem, was er seinen Figuren antut – und es sind schlimme Dinge darunter – hofft er doch, dass am Ende alles gut wird. Auch wenn man das angesichts des Blicks, den er für das Autorenfoto aufgesetzt hat, kaum glauben möchte. Süffisant und mit den Augen eines Killers grinst er den Leser an, der sich gerade auf der letzten Seite des Romans befindet. Das irritiert ordentlich. Mein Tipp: Einfach die Hand drüber legen.

„Dunkle Gewässer“ von Joe R. Lansdale ist gerade bei Heyne im Taschenbuch erschienen. Die gebundene Ausgabe erschien im Tropen Verlag. Für die Übersetzung aus dem Amerikanischen zeichnet sich Hannes Riffel verantwortlich.

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