Und wenn sie nicht gestorben sind…

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© Bastei Lübbe

Was ist wohl aus den ganzen Märchengestalten geworden, die unsere Kindheit bevölkert haben? Ist Hans heute immer noch im Glück, oder hat die Weltwirtschaftskrise auch ihn in den Ruin getrieben? Hat der schöne Prinz, der einmal ein Frosch war, heute immer noch heimlich Appetit auf Fliegen und fährt dann, wenn keiner hinschaut, seine überdimensional große Zunge aus? Und was machen eigentlich Hänsel und Gretel?

Die walisische Autorin P.J. Brackston hat sich in „Es war einmal ein Mord“ auf die Spur des Geschwisterpaares begeben. Was sie herausfand: Gretel ist mittlerweile 35 Jahre alt, lebt in Gesternstand (Bayern) und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Privatdetektivin. Wenn sie nicht gerade Fälle löst, oder ihren mordsmäßig fülligen Leib in teure Designerkleidung presst, lässt sie sich von ihrem alkoholkranken Bruder Hänsel deftige Hausmannskost zubereiten. Als eine ältere Dame Gretel damit beauftragt, ihre heißgeliebten Katzen (!) aufzuspüren, wird ihr gemütliches Dorfleben aber mal so richtig durcheinandergewirbelt. Dabei wollte sie doch nur ein bisschen schnelles Geld…

Ganz ehrlich – würde ich nicht am 8. Dezember mit einer Kollegin zusammen eine Sendung zum Thema „Märchen & Krimi“ auf die Beine stellen, ich hätte dieses Buch nie angefasst. Da ich aber nun mal nach einem Buch gesucht habe, dass diese beiden Genres verbindet, landete es entgegen jeder Wahrscheinlichkeit in meiner Tasche – trotz der Katze auf dem Cover. In meiner Welt ist das so etwas wie ein Warnhinweis (Ausnahmen bestätigen die Regel, Herr Rammstedt). Da sich das Buch nun schon einmal in meinem Besitz befand, und sich diese Dinger ja. wie wir alle wissen. nicht von alleine lesen, habe ich einen Blick riskiert. Und jetzt, auf dem Gipfel der Spannung, kann ich nur verkünden: Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.

Reißt ihnen die Ohren mit Salatzangen ab!

Schnell wird dem Leser klar, dass es (gottseidank) um mehr geht, als um ein paar entlaufene Haustiere. Gretel kommt, kaum dass sie aus dem Haus ist, einer Verschwörung auf die Spur, in die der „hutzelige“ König und seine Familie verstrickt zu sein scheinen. Das weckt schon eher ihren Ermittlerinstinkt. Dumm nur, dass der Adel sie lieber von Foltermeister Schmerz („Schmerz ist der Name, Pein das Metier!“) verhören lassen möchte, um sie anschließend auf diverse Arten zu töten. Was tut man da? Fliehen, logisch. Kaum entkommen, geschieht ein brutaler Mord vor ihren Augen, die Gendarmerie ist ihr auf den Fersen und die Katzengeschichte wird immer abstruser. Oder wie soll man erklären, dass in den Resten des kürzlich verbrannten Hauses der Familie Hund (!!) ein Katzenhalsband am Arm eines toten Mannes gefunden wurde, dem ein Finger fehlt? Und wer ist dieses todtraurige Mädchen, das ihr dauernd über den Weg läuft?

Gold ist mir lieber. Bei Gold weiß man, woran man ist.

Nicht die Geschichte ist es, die diesen Krimi so unterhaltsam macht. Die Autorin vermiest einem den Plot dadurch, dass sie ihre Leser allzu oft an die Hand nimmt. Ist mal etwas passiert, das einer Erklärung bedarf, wird diese zwei Sätze später in aller Ausführlichkeit geliefert. Das geht einem irgendwann so richtig auf die Nerven – immerhin ist doch jeder, der sich in einen Krimi stürzt, selbst gerne mal ein bisschen Detektiv. Außerdem schlägt es gehörig auf die Spannung und damit natürlich auch auf die Lesemotivation. Aber zum Glück ist das ja nicht alles, worauf es bei einem guten Roman ankommt. Mir hat vor allem die schludrige Art gefallen, mit der sich P.J. Brackston dem Stoff nähert. Mit viel derbem Humor und einer ordentlichen Prise Gegenwart wird das bayrische Märchendorf zu einem Sammelsurium der schlechten Gewohnheiten. Fettsucht, Alkoholismus, Versicherungsbetrug, Prostitution, Glücksspiel, Kapitalismus… alles findet seinen Platz. Und dann gibt es noch die schönen Referenzen an die Ursprungsmärchen. Köstlich zum Beispiel, wie Gretel ernsthaft darüber nachdenkt, Hänsel im Schlaf den Finger abzusäbeln. Auch im Umgang mit den Bezügen zum Grimmschen Kosmos, die sie uns Lesern hin und wieder wie Brotkrumen hinwirft, beweist die Autorin, nunja… Fingerspitzengefühl. So verkommt „Es war einmal ein Mord“ zu keinem Zeitpunkt zu einem Klassentreffen der Märchen und Mythen – trotz der Unmengen an Bier, die für eine solche Festlichkeit zur Verfügung ständen. Hier wird nicht einfach nur ein Franchise ausgeschlachtet. Darauf trinke ich.

Ein Schnaps ist immer noch das beste Katerfrühstück.

Nach der Lektüre habe ich erstmal wieder in meiner Ausgabe von Grimms Märchen geblättert (die mit den Zeichnungen von Nikolaus Heidelbach). Erstaunlich, wie nahe Brackston mit ihrem ungewöhnlichen Krimi dem Ton dieser schönen Geschichten kommt. Ein großes Lob hierfür gebührt auch Frauke Meier, die diesen „kratzbürstigen Regionalkrimi“ so wunderbar eigen ins Deutsche übersetzt hat („Herrgottsakra!“). Der zweite Teil, „Gretel and the Case of the Missing Frog Prints“, erscheint im Januar in den USA. Vielleicht wird dort ja eine weitere meiner Eingangsfragen beantwortet. Was Hänsel und Gretel machen weiß ich ja jetzt.

P.S.: Wen das Thema interessiert, der kann am 8. Dezember um 15 Uhr den Wüste Welle Livestream einschalten. Vielleicht lesen wir auch ein bisschen aus diesem Buch. Oder verlosen es. Und dann senden wir glücklich bis ans Ende unserer Tage.

„Es war einmal ein Mord“ von P.J. Brackston ist bei Bastei Lübbe im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Frauke Meier.

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