Home Invasion Revisited

Annas Die Farm

© diaphanes

Wehe dem, der hier wie ich als Erstes an „Unsere kleine Farm“ denkt. Denn statt Idylle und Bauernhofromantik erwarten den Leser in Max Annas‘ Debütroman „Die Farm“ Kugelhagel und soziale Härte.  Mit einer schnörkellosen, atemlosen Schreibe liefert der in Köln geborene Schriftsteller, der mittlerweile in Südafrika lebt, ein unglaublich spannendes Kammerstück ab. 

Franz Muller ist Farmer und hat gerade miterlebt, wie die Person, die neben ihm stand, erschossen wurde. Er robbt ins Haus, zu seiner Familie, seinen Angestellten und den Menschen, die sich gerade ebenfalls aus irgendwelchen Gründen dort aufhalten. Wer sind diese Leute, die jetzt das Haus unter Beschuss nehmen? Was sind ihre Absichten? Und wie wird Franz Muller wieder Herr der Lage, so wie er es gewohnt ist? Er beginnt die Personen, denen er vertraut, zu bewaffnen. Aber wen schließt das ein? Warum sind überhaupt so viele Leute im Haus? Arbeitet etwa jemand mit denen da draußen zusammen? Vertrauen, das ist natürlich auch eine Frage der Hautfarbe.

Schon zu Beginn, wenn auf die Aussage „Ich bin ja kein Rassist“ das obligatorische „Aber“ folgt, ist klar: Hier geht es nicht nur um Unterhaltung. In erster Linie erzählt uns Max Annas zwar eine klassische „Home Invasion“-Story, aber da ist mehr, da ist ein nicht zu übersehender sozialkritischer Ton. Viele Autoren verwenden solche Zwischentöne, um ein positives Gefühl beim Leser zu erzeugen. Der Autor möchte ihm zurufen: Sieh her, meine Moralvorstellungen decken sich mit deinen, deine Empörung ist auch meine, aber die Welt ist schlecht und ich muss das hier festhalten. Das, und dafür bin ich dankbar, ist hier nicht der Fall. Annas lässt die Moralkeule im Sack. Rassismus, Kriminalität, wirtschaftliche Ungerechtigkeit, Korruption und viele andere negative Phänomene der jüngeren Zeit werden in „Die Farm“ zwar aufgegriffen, aber zu keinem Zeitpunkt findet eine Wertung durch den Autor statt. Dadurch behält die Geschichte ihre Glaubwürdigkeit.

Was diesen Krimi aber erst so richtig gut macht, ist das irre Tempo. Die Perspektive wechselt beinahe auf jeder Seite. Manchmal auch mehrmals. Die Uhr läuft stetig mit, wenn auch nicht immer linear. Und man weiß einfach nichts – weder über die Motive, noch über die Protagonisten und deren Widersacher. Nach und nach werden die Figuren zu Personen – und dann wird es draußen langsam dunkel. Dem ersten Toten, der immer noch in der Nähe der Haustür liegt, folgen bald weitere. Und weitere.

Acht Stunden der Ungewissheit für die Besetzung dieses zermürbenden Psychodramas, keine zwei Stunden für den geübten Leser. Lange habe ich ein Buch nicht mehr so zügig durchgeackert. Man will unbedingt wissen, was auf der nächsten Seite passiert. Denn immer dann, wenn die Situation klarer zu werden scheint, spannt der Autor einen so lange auf die Folter, bis man die Szene, die nach Auflösung riecht, wirklich aus jeder Perspektive erfahren hat. Zum Glück ist das bei dem gerade mal 188 Seiten umfassenden Text meistens eine relativ kurze Zeit.

„Die Farm“ von Max Annas ist bei diaphanes im Premium Paperback erschienen.

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4 Gedanken zu “Home Invasion Revisited

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