Heimlichtuerei im Hinterzimmer

lehane bargeld

© Diogenes

Es ist noch nicht so lange her, da hat der Münchner Kunstmann-Verlag einen der ganz großen amerikanischen Krimiautor exhumiert: George Vincent Higgins. Ein fantastischer Erzähler, der uns mitnimmt in die Hinterzimmer der Bostoner Unterwelt, wo die Kleinganoven unter sich sind, und die Waffen Worten weichen müssen. Seitdem ich das Dialogfeuerwerk „Die Freunde des Eddie Coyle“ gelesen habe, ist „Reservoir Dogs“ von Tarantino für mich nur noch eine Hommage. Wenn auch eine großartige. So ging es mir über einige Seiten auch mit „The Drop – Bargeld“, dem neuen Roman von Dennis Lehane.  

Es beginnt mit einem Hund. Bob, Barkeeper im „Cousin Marv’s“, findet auf dem Heimweg einen misshandelten Welpen halbtot in einer Mülltonne.  Mit ihm tritt auch Nadia in sein Leben. Nadia gehört das Haus, vor dem der Hund ausgesetzt wurde. Und die Mülltonne. Bob, der schon mit Menschen so seine Probleme hat, ist mit dem Vierbeiner total überfordert und bittet kurzerhand Nadia, ihm noch ein paar Tage Zeit zu verschaffen. Zeit, in der er herausfinden möchte, ob er für ein anderes Wesen sorgen kann.

Nein, das ist nicht der Teil, der mich an Higgins erinnert hat. Das ist eher der Teil, bei dem ich mir dachte: Nicht schon wieder die alte Leier. Einsamer Mann nimmt Streuner auf und zack, Liebesgeschichte. Nach dem Motto: Der kümmert sich so rührend um diesen Hund, der muss ein guter Mensch sein. Zum Glück ist Lehane nicht so simpel gestrickt. Aber ganz ehrlich, bei all dem Lob, dass ich hier gleich noch abladen werde – der Hund hätte nicht sein müssen. Diese plumpe, vierbeinige Metapher passt so gar nicht in die ansonsten so feinsinnig erzählte Geschichte.

Marv, dem das „Cousin Marv’s“ mal gehörte, ist der Cousin von Bob. Er lebt immer noch ein bisschen in der Vergangenheit, in der Bob und er mal eine Gang hatten. Bis dann die richtigen Gangs kamen, und nicht nur die Straßen, sondern gleich auch seine Kneipe übernahmen. Seitdem steht er für die Tschetschenen hinter dem Tresen. Die waschen und lagern ihr Geld in den zahlreichen Kneipen der Stadt, den sogenannten „Drop Bars“. Wann es welche Kneipe trifft entscheiden sie spontan. Natürlich stehen ausgerechnet an dem Tag, an dem es das „Cousin Marv’s“ trifft, plötzlich zwei bewaffnete Männer in der Tür und halten die Hand auf. Fünftausend sind futsch und ein unangenehmer Besuch der Gangsterbosse ist so sicher, wie das Amen in der morgendlichen Messe, die Bob jeden Tag besucht.

Ein erfolgreicher Mann konnte seine Vergangenheit verbergen, aber ein erfolgloser Mann verbrachte den Rest seines Lebens damit, nicht in seiner zu ersaufen.

Ein Überfall, eine uralte Geschichte, eine stehen gebliebene Uhr. Alles hängt hier irgendwie zusammen. Der Autor verwebt die zwielichtige Atmosphäre krimineller Geschäfte mit der Strahlkraft der großen Fragen der menschlichen Existenz: Wer bin ich? Was mache ich hier? Und was will ich eigentlich? Trotzdem ist es ein Buch der kleinen Gesten geworden. Wie auch Higgins versteht Lehane es meisterhaft, Dialoge zu schreiben. Im Gegensatz zum lakonischen Altmeister haben seine Figuren allerdings eine Tiefe, die weit über coole Sprüche hinausgeht. Die Coolness, die dem Kleinganoventum einmal angehaftet haben mag, ist hier nur noch am Rande zu spüren. Lehanes Figuren sind fast ausnahmslos von der Krankheit „Melancholie“ befallen. Es sind Menschen, die auch mal schweigen können, wenn es nichts mehr zu sagen gibt. Und hier liegt die große Stärke des Buchs: Das authentische Milieu und die komplexen Charakterzeichnungen, die unerwarteten Wendungen und die liebevolle Hommage an eine Bostoner Legende machen es zwar zu einem sehr guten Krimi, aber erst das, was zwischen den Zeilen passiert, machen es zu dem, was es ist: Einem der besten Romane der letzten Jahre.

Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte: Lehane hat ein Drehbuch geschrieben, das auf einer seiner Kurzgeschichten basiert, nur um dann daraus auch noch diesen Roman zu basteln. Zweitverwertung könnte man meinen, ja, aber wenn das Ergebnis so gut ist – geschenkt.  Den Film habe ich zugegebenermaßen noch nicht gesehen, aber der Film, der beim Lesen in meinem Kopf ablief, war die knapp 20 Euro Eintritt allemal wert.

„The Drop – Bargeld“ von Dennis Lehane ist gerade bei Diogenes im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Steffen Jacobs.

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5 Gedanken zu “Heimlichtuerei im Hinterzimmer

  1. Pingback: Dennis Lehane: The Drop. Bargeld | crimenoir

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