Eine Poetik des Todes

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© Knaur

Was für ein Buch. Ich gebe zu, es hatte mich nicht von Anfang an, aber Seite um Seite wurde ich mehr zum Gefangenen von Kim Zupans Roman mit dem furchtbaren, nichtssagenden deutschen Titel „Die rechte Hand des Teufels“. Dabei wollte ich doch nur mal kurz was Schnelles für zwischendurch, bevor ich mich an „Regengötter“ mache, den heißesten Anwärter für den Krimi des Jahres. Aber wie das eben manchmal so ist, kommt gerade dann ein Underdog um die Ecke und schnappt sich den Titel. Mal schauen, ob James Lee Burke da noch einen drauflegen kann. Schwer wird es allemal.

Der Blick auf den Klappentext mag erst einmal ein Gähnen provozieren. „Der alte Killer und der junge Sherriff – ein packendes Katz- und Maus-Spiel“. Ja nee, ist klar. Es geht also um einen harten Knochen, der von einem jungen, zielstrebigen Detective bearbeitet wird, bis er alle seine Geheimnisse preisgibt. Oder so etwas in der Art. Mit überraschenden Wendungen! „Zwischen den beiden Männern entspinnt sich ein Psychoduell, das die Wunden und Abgründe in ihrem Leben offenlegt …“ Aha. Im Westen nichts Neues. Zum Glück trifft das alles überhaupt nicht den Kern der Sache. Im Wesentlichen ist „The Ploughmen“, so der viel passendere englische Originaltitel, eine leise, düstere Ballade über zwei einsam umherirrende Seelen, deren Leben vom Tod vereinnahmt wird.

Es wehte und schneite die ganze Nacht, und das Land in der wolkenlosen Morgendämmerung würde neu und makellos sein, und alles, was darin verlorengegangen war, würde verloren bleiben, bis es nicht viel mehr zu finden gab als Knochen.

Da ist John Gload, der alte Mann mit den großen Händen, der Killer. Da ihm bisher nie ein Mord nachgewiesen werden konnte, ranken sich Mythen um die Zahl seiner Opfer. Die Erde scheint alle von ihnen verschlungen zu haben und sie nicht wieder hergeben zu wollen. Er sitzt in einem Stuhl auf seiner Veranda, als die Polizei eintritt, seelenruhig und mit gefalteten Händen im Schoß. Und da ist Val Millimaki, der junge Deputy mit den großen Augenringen, der mit seinem Hund Tom die Wälder durchstreift, auf der Suche nach Menschen, die vermisst werden. Der seit Wochen keinen von ihnen mehr lebendig nach Hause bringen konnte und sich deshalb nachts im Bett hin- und her wälzt, während er abwechselnd seine schlafende Frau beobachtet und an die Decke starrt. Beide Männer treffen im Gefängnis aufeinander und kommen ins Gespräch, während der Rest der Insassen und Wärter bereits in einen tiefen Schlaf gesunken ist. Der Beginn einer rätselhaften Beziehung.

Es ist nicht so sehr die Frage danach, wo der geheimnisvolle Alte jetzt seine Opfer vergraben, oder was er alles an schlimmen Dingen verbrochen hat, die der Geschichte ihren Drive gibt. Es ist vielmehr die Figur des Val Millimaki, die eine willkommene Abwechslung zu den üblichen Krimiklischees darstellt. Ja, er kann nicht schlafen und hat Probleme mit seinem Job, aber er wird darüber nicht zum kaltschnäuzigen, gefühlskalten Wrack. Er hadert auch zu keiner Zeit mit den Grenzen zwischen Richtig und Falsch oder Gut und Böse, dafür ist er viel zu sehr ein denkender Mensch. Und, man mag es kaum glauben, er raucht nicht einmal. Val ist den Toten sehr viel näher als den Lebenden, was der Beziehung mit seiner Frau zunehmend schadet. Die Gespräche zwischen den beiden gehören zum Besten, was ich dieses Jahr habe lesen dürfen. Selten hat ein Autor die Kluft des Zwischenmenschlichen so präzise und treffend beschrieben wie Kim Zupan. Dazu kommt, dass der Deputy die ganze Zeit über den Dingen zu schweben scheint. Nie richtig wach, nie richtig träumend wandert er durch die poetischen Bildlandschaften, die der Autor ihm vor die Füße wirft.

Es schien kein Mond, und als er die letzten Lichter der Stadt hinter sich ließ, war es, als trete er durch ein Portal, aus der zivilisierten Welt in eine, wo die Finsternis herrschte.

Der Sherriff beauftragt Millimaki damit, den Alten auszuhorchen. Das seltsame Band, das sich zwischen den beiden entwickelt, soll genutzt werden, um an Informationen zu gelangen. Die dienstälteren Kollegen werden neidisch, und lassen den Deputy ihren Unmut bei jeder Gelegenheit spüren. Der Konflikt mit seiner Frau verstärkt sich. Der Schlaf hält sich von ihm fern, trotz der ganzen Tipps, die er bekommt, und die er pflichtbewusst alle nacheinander und mit dem gleichen, unbefriedigenden Ergebnis ausprobiert. Und immer noch wird er von Zeit zu Zeit in die Wälder geschickt, weil er und sein Hund das zuverlässigste Team sind, wenn es darum geht, die zu finden, deren Spur alle anderen verloren haben. Immer mehr Tote werden aus dem Wald geschleppt, die Fotos von ihnen stapeln sich auf Vals Schreibtisch. Bald sind es nur noch die nächtlichen Gespräche mit dem Killer, die ihm etwas Ablenkung bieten. Und auch Trost.

Das Poetische, zuweilen fast lyrische an diesem Krimi hat mich ganz besonders beeindruckt. Die inneren Monologe und die ausführlichen Landschaftsbeschreibung bilden oftmals einen extremen Gegensatz zu der nüchternen Alltagssprache der Dialoge. Wobei sich auch hier manchmal Poesie finden lässt.

Ist alles okay? Deine Augen sehen aus wie zwei Pisslöcher in ’ner Schneewehe.

Die Geschichte entwickelt sich langsam, fast träge, ähnlich wie bei Nic Pizzolattos „Galveston“. Am Anfang tut man sich damit ein bisschen schwer, zugegeben. Aber die Tiefe, die dem Leser aus jeder Figur, aus jedem Halbsatz entgegenkommt, sucht seinesgleichen. Diesen Roman lesen ist wie in einen Abgrund zu fallen, vor dem man aus unerfindlichen Gründen keine Angst zu haben scheint. Man ist gespannt, was einen unten erwartet. Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, deshalb gehe ich nicht auf den weiteren Verlauf der Handlung ein, aber ich kann verraten, was den Leser bei der Lektüre erwartet: Der philosophischste, sprachmächtigste, aufwühlendste Krimi des Jahres.  Ein Buch, das man mit noch viel mehr Superlativen bewerfen will. Ungeheuerlich, dass das ein Debut sein soll.

„Die rechte Hand des Teufels“ von Kim Zupan ist gerade bei Knaur im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Marie-Luise Bezzenberger.

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8 Gedanken zu “Eine Poetik des Todes

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