Gesellschaftskritik als Destillat

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© Polar

Die Wut. Irgendwann packt sie jeden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es fängt manchmal mit einer Unannehmlichkeit wie einem Gerichtsbesuch an, den man sich eigentlich hätte sparen können. Dabei wollte Detective Sergeant Bob Tidey nur gemütlich ein Bier trinken gehen, als er Zeuge wird wie zwei seiner Kollegen sich mit zwei jungen Besoffenen prügeln. Jetzt muss er sich fragen lassen, ob und was er gesehen hat. Waren die Schlagstöcke wirklich nötig gewesen? Er lügt, dem Frieden auf der Wache zuliebe, aber die Kameras haben alles gesehen. Und das ist erst der Anfang.

„Die Wut“ von Gene Kerrigan war 2012 für den Gold Dagger Award nominiert, 2014 erschien der Roman endlich auf Deutsch. Zu verdanken haben wir das einem neuen Gesicht in der Verlagslandschaft – dem Polar Verlag. Dessen Webauftritt fungiert nicht nur als Werbeplattform für die eigenen Veröffentlichungen, sondern auch als Magazin, das sich generell mit dem Genre des Krimi Noir beschäftigt. Sollte man sich ansehen. Aber ich schweife ab, zurück zum eigentlichen Thema.

Ich habe immer geglaubt, nach dem Warum zu fragen, sei Teil der Stellenbeschreibung

Detective Sergeant Bob Tidey erhält, kaum aus dem Gerichtssaal raus gekommen, den Auftrag, den Mord an einem Banker aufzuklären. Schnell stellt sich heraus, dass dieser mit dem Geld anderer Leute spekuliert hat – und das über seine beruflichen Befugnisse hinaus. Außerdem scheint die Tat mit einem völlig anderen Mord an einer unwichtigen Nebenfigur der Dubliner Unterwelt zusammenzuhängen. Als wäre das nicht genug, meldet sich auch noch eine Nonne bei ihm, mit der mal bei einem früheren Fall zu tun hatte. Die hat einen verdächtigen Van vor ihrem Haus entdeckt, und möchte, dass das Auto von der Polizei genauer unter die Lupe genommen wird. Rein provisorisch. Währenddessen planen der frisch aus dem Knast entlassene Kleinganove Vincent Naylor und sein Bruder Noel den nächsten großen Coup. Sie wollen einen Geldtransporter überfallen.

Es ist von Anfang an klar, dass sich die Erzählstränge von Bob Tidey und den Naylor-Brüdern früher oder später überschneiden werden. Und während der Polizist sich mit immer mehr ungeklärten Fragen konfrontiert sieht, und die beiden Ganoven ihrem Ziel immer näher kommen, gibt es eine kleine Figur, die unbewusst eine Katastrophe auslöst. Ausgerechnet eine Nonne. Wissend, dass sie durch einen kleinen, unbedeutend wirkenden Anruf dafür gesorgt hat, dass Menschen sterben mussten, erinnert sich Maura Coady an eine noch viel tiefer liegende Schuld. Eine Schuld, die sie lange verdrängt hatte. Und dann gibt es da auch noch den, der nicht gestorben ist und immer noch frei herumläuft.

Es war nicht nur die physische Verletzung – da waren die, die in sich verschwanden. Die, die sich nicht wehren konnten, die, die – ich habe einige reden gehört, im Radio, in den vergangenen paar Jahren, Leute, die geweint haben, all die Jahrzehnte später, Menschen, die verwirkte Leben lebten, Menschen, die so verletzt waren, dass sie ganze Teile ihres selbst vertrocknen und absterben ließen. Das war das Schlimmste, was wir getan haben.

Plötzlich sind die Verfehlungen der katholischen Kirche ein Thema. Und die steigenden Immobilienpreise. Die Wirtschaftslage. Das Jahrzehnt, das auf den Aufschwung folgte. In scheinbar nur der Atmosphäre dienenden Nebensätzen wird die eigentliche Intention des Autors deutlich. Aber auch in der eigentlichen Handlung. Wir erinnern uns an den Banker. Der Fall soll plötzlich zu den Akten gelegt und kein Wort mehr darüber verloren werden. Tidey erkennt, dass da etwas faul sein muss. Er sieht sich mit der Frage konfrontiert, was „das Richtige tun“ eigentlich bedeutet. Vor allem, was es für ihn persönlich bedeutet. Aber er hat längst die Kontrolle verloren, denn es lässt sich nicht mehr aufhalten. In der Straßen tobt ein blutiger Rachefeldzug.

Vincent wusste, er war nicht nur der Mann mit der Waffe und der Wut. Er war ein Mann, der das Richtschwert trug. Und das Geschenk des Lebens.

Kerrigan erzählt in seinem Roman ein Stück irische Gegenwart. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt, entsteht das glaubwürdige Porträt eines Landes, das wie fast alle europäischen Staaten sowohl mit seiner Vergangenheit, als auch mit seiner Zukunft zu kämpfen hat. Immer wieder legt der Autor den Finger in offene Wunden und drückt ordentlich zu. Dass er solche Themen ausgerechnet in Form eines Kriminalromans verhandelt, ist nicht weiter verwunderlich. In Zeiten, in denen sich eine Vielzahl von Romanciers dem Individuum und dessen Platz in der Welt annehmen, sind es oft die Krimis, die uns daran erinnern, was für eine Welt das eigentlich ist. So auch dieser. Die Faszination speist sich dabei aus dem messerscharfen Realismus, mit dem Kerrigan seine Sätze zurechtstutzt. Darüber mag die Spannung vielleicht an der ein oder anderen Stelle etwas in Vergessenheit geraten sein,  aber wie sagt man so schön: Einer muss es ja tun.

„Die Wut“ von Gene Kerrigan ist gerade als Premium Paperback im Polar Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Antje Maria Greisiger.

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3 Gedanken zu “Gesellschaftskritik als Destillat

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