Schmelztiegel Jazz

entfliehen kannst du nie

© Bastei Lübbe

Ahmed ist chronisch depressiv und verbringt seine Tage mit Kriminalromanen und Tee in einer kleinen Wohnung. Neben einem alten Antiquar, von dem er seinen Lesestoff bezieht, ist seine Nachbarin Laura sein einziger zwischenmenschlicher Kontakt. Er schlägt zwar regelmäßig ihre Einladungen zum Essen aus, gießt aber ihre Orchideen, wenn sie außer Haus ist. Als er Laura ermordet auf ihrem Balkon vorfindet, reißt der Schleier ein, der ihn schon viel zu lange von der restlichen Welt trennt, und Ahmed erkennt: Ein gemeinsames Leben mit ihr wäre möglich gewesen. Aber nun nicht mehr. Wütend über seine eigene Blindheit und die grausame Tat, macht er sich auf, den Protagonisten seiner Bücher nachzueifern. Er ist dem Mörder auf der Spur. Und er ist nicht alleine.

Karim Miské lässt seinen Roman „Entfliehen kannst du nie“ im Schmelztiegel von Paris spielen, wo Menschen aller Nationen und Religionen auf engem Raum miteinander auskommen müssen. Statt zwielichtigen Kneipen und dunklen Hinterhöfen bewegen sich seine Figuren in jüdischen Friseurläden, Antiquariaten, koscheren Restaurants, arabischen Gemüseläden und dem Gebetsraum der Moschee. Auch wenn Teile der Handlung in die Staaten verlegt wurden, ist von Anfang an klar: Das dargestellte Milieu ist ein typisch Europäisches. Miské gelingt es, mit viel Fantasie der Realität auf die Schliche zu kommen. Sein Paris ist multikulturell, international und vielfältig – aber auch verdammt gefährlich.

Eine aschkenasische Jüdin, ein versponnener Bretone und ein Araber mit Borderline-Syndrom. Das Dreamteam des 19. Arrondissements.

Als die Polizeikommissare Rachel Kupferstein und Jean Hamelot am Tatort eintreffen ist ihnen schnell klar, dass der sanftmütige Araber nicht der Täter sein kann. Nach und nach kommen sie einem kriminellen Netzwerk auf die Spur, dessen lose Enden schier unendlich zu sein scheinen. Da ist eine Rap-Crew aus dem Viertel, vier Freunde, deren Schwestern mit dem Opfer befreundet waren. Junge Erwachsene, die sich mittlerweile in den Kreisen der Salafisten herumtreiben. Außerdem war Laura eine Zeugin Jehovas, die ihren Eltern und deren Weltsicht den Rücken gekehrt, und seitdem in ständiger Angst vor Vergeltung gelebt hat. Und als wäre das nicht schon genug Grund zur Sorge, ist auch noch eine neue Droge im Umlauf. Eine Droge, die alles bisher Bekannte wie Smarties wirken lässt.

Die Figuren in diesem Roman sind mehr als ungewöhnlich. Zwei Polizisten, die statt ihrer Promotion über Scarface als (Anti-)Held der Sozialsiedlungen oder Hammet als Drehbuchautor lieber die Zulassungsprüfung der Ordnungshüter absolviert haben. Ein Araber, dessen Wohnung bis unters Dach mit Genreliteratur vollgestopft ist. Ein Hauptkommissar, der perfekte Kreise zeichnet um zen-mäßig runter zu kommen. Und viele viele mehr. Sie alle bevölkern die Seiten dieses feinsinnigen Krimis, der sich mit aktuellen Themen wie Salafismus, Radikalisierung von Jugendlichen und Islamisierung beschäftigt, ohne dem voreingenommenen Leser den Gefallen zu tun, dessen Ängste zu bestätigen. Denn es ist immer anders, als es scheint.

„Das Böse existiert, Hamelot. Und nur allzu oft organisiert es sich. Das Böse, Hamelot. Haben sie verstanden?“

 Der Titel, der im Original „Arab Jazz“ lautet, ist eine Hommage an James Ellroy und dessen Roman „White Jazz“, den vierten Band des L.A. Quartetts. Obwohl der Titel „Arab Jazz“ im Roman selbst vorkommt, hat Lübbe sich entschieden, ihn zu ändern. Was ich sehr schade finde. Schade ist auch, dass man die in die Handlung eingewobenen Rap-Texte in ein reim-dich-oder-ich-fress-dich-Korsett zwängen musste. Was im Original authentisch und stimmungsvoll wirken muss, wirkt so nur wie lächerliche Schuljungenlyrik. Trotz dieser kleinen Lappalien ist „Entfliehen kannst du nie“ eines der Highlights des sich zu Ende neigenden Jahres.

In jeder Zeile spürt man die Liebe des Autors zu Hammet, Chandler, Manchette, der Literatur und dem Film noir. Trotz aller intertextueller Bezüge und etlichen Verbeugungen vor den Klassikern des Genres ist ihm aber ein hochaktuelles Werk gelungen, das sich mit sozialen Nöten ebenso auseinandersetzt wie mit der politischen Situation. Ein poetischer, dichter und vor allem sehr eigenständiger Krimi, der den Leser in eine Welt entführt, die so komplex und undurchschaubar ist, dass Weltbilder im Minutentakt in sich zusammen fallen. Ein Pulverfass.

„Entfliehen kannst du nie“ von Karim Miské ist bei Bastei Lübbe im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Ulrike Werner.

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2 Gedanken zu “Schmelztiegel Jazz

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