A Country for Old Men

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© Heyne

Jetzt haben ja wirklich schon alle diesen Roman besprochen. Die Kritiker überschlagen sich quasi seit Erscheinen und versichern sich gegenseitig, schon lange auf die Übersetzung eines neuen James Lee Burke gewartet zu haben. Was stimmen mag. Ich persönlich gehöre nicht dazu. Vielleicht weil ich bei Erscheinen des letzten Burke in unserer Sprache noch gar keine Krimis gelesen habe, vielleicht aber auch weil ich noch nicht lange genug in diesem Genre unterwegs bin. Trotzdem, das ganze Lob macht natürlich neugierig, und nachdem ich „Regengötter“ nun endlich beendet habe, kann ich mich der Euphorie nur anschließen. Aber der Reihe nach.

Sheriff Hackberry Holland ist ein harter Knochen, aber das, was er hinter einer Kirche an der Grenze zu Mexiko vorfindet, verschlägt sogar ihm die Sprache: Die von Maschinengewehrfeuer durchsiebte Leichen asiatischer Frauen und Mädchen liegen dort aufgedunsen und lieblos zugescharrt in der Mittagshitze. Der Provinzcop, der mit seinen annähernd 80 Jahren eigentlich längst in Rente sein sollte, macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Massaker. Und nach dem anonymen Anrufer, der ihn überhaupt erst auf das Geschehen aufmerksam gemacht hat. Zusammen mit seiner Kollegin Pam durchforstet er jeden Trailer und jede zwielichtige Kaschemme nach Antworten. Doch auch die großen Jungs interessieren sich für den Fall.

„Sehen sie sich mal die Bilder hier an. Eigentlich werden sie der Realität nicht gerecht. Der Gestank von verwesendem Menschenfleisch lässt sich nämlich nur sehr schwer mit der Kamera einfangen.“

James Lee Burke ist bekannt dafür, dass er seine eigene Biographie mit der seiner Hauptfiguren verknüpft. So ist Hackberry Holland nicht nur in etwa gleich alt wie der Autor, sondern hat auch, wie er, ein lange andauerndes Alkoholproblem hinter sich gelassen, dessen Schatten ihn immer noch ab und zu einholen. Überhaupt haben alle Figuren im Buch mit ähnlichen Dingen zu kämpfen. Sei es die Ödnis und Perspektivlosigkeit der texanischen Landschaft oder eine verlorene Liebe, ein Sumpf aus kriminellen Machenschaften, aus dem sie sich mit eigener Kraft nicht mehr zu befreien wissen, oder der Schrecken eines vergangenen Krieges. Und nein, nicht Vietnam. Bei Burke sind es Korea und Irak, je nach Generation.

Das wir uns nicht falsch verstehen: Das Werk wird nicht aufgrund irgendwelcher Innovationen gelobt. Der Autor bietet dem Leser klassische Genre-Literatur mit altbewährten Archetypen und einer zwangsweise auf einen Showdown zulaufenden, größtenteils linearen Handlung. Die Qualität liegt hier, ähnlich wie bei Pizzolattos „Galveston“ oder „True Detective“, in der Langsamkeit der Erzählung. Burke nutzt das Erzähltempo jedoch nicht nur, um die Atmosphäre zu verdichten. Das passiert quasi nebenher. Vielmehr füllt er die Seiten, deren Anzahl die Komplexität der eigentlichen Handlung bei weitem sprengt, mit peniblen Charakterstudien seiner Haupt- und Nebencharaktere. Und Landschaftsbeschreibungen. Man fühlt sich ein bisschen wie bei „Spiel mir das Lied vom Tod“, nur dass wir es hier, wie auch im Roman selbstreferentiell bemerkt wird, mit einem waschechten John Wayne zu tun haben.

„Da soll noch mal jemand behaupten, dass Westernfilme ein ausgestorbenes Genre sind.“

Überhaupt sind die Figuren das Herzstück dieses düsteren Krimis: Zum alten Sheriff gesellen sich ein traumatisierte Veteran, der sich in den Alkohol flüchtet, eine Barschönheit mit dem Traum von einer Musik-Karriere, ein Killer, der glaubt im göttlichen Auftrag zu handeln, ein Stripclub-Besitzer, der unter dem Pantoffel seiner Ehefrau steht und viele weitere Unikate auf beiden Seiten des Gesetzes. „Regengötter“ ist demnach auch ein mehrstimmiger Roman. Die verschiedenen Perspektiven liefern uns nicht nur ein differenziertes Bild des Geschehens, sondern lassen auch tief in die Seele ihrer Umgebung blicken. Burkes Amerika ist eine ausgebrannte Tankstelle.

„Woran liegt es eigentlich, dass mir dieser Landstrich wie eine Open-Air-Klapsmühle vorkommt?“

Es ist ein umfangreiches Werk. Der Stoff, aus dem heute Miniserien gemacht werden. Wer einen temporeichen Thriller für zwischendurch sucht, ist hier falsch. Ansonsten kann ich „Regengötter“ jedem empfehlen, der auf stimmige, authentische Krimikost mit liebevoll ausgearbeitetem Setting steht. Der Roman erinnert von der Atmosphäre her ein bisschen wie in McCarthys „No Country For Old Men“ – oder der Verfilmung der Coen Brothers, die wahrscheinlich deutlich mehr Menschen kennen. Etwas Mythos, etwas Wirtschaftskrise und eine Prise Apokalypse. Und ein Protagonist, dem man noch deutlich mehr Fälle wünscht. Auch wenn er dafür eigentlich schon zu alt ist..

„Regengötter“ von James Lee Burke ist bei Heyne im Premium Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Daniel Müller.

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