Meine 10 Lieblingskrimis 2014

Jahresbestenliste 2014Man sollte sich den folgenden Beitrag als eine vierstündige Fernsehsendung mit Unmengen Verlagswerbung vorstellen. Oder man lässt es. Auf jeden Fall habe ich es endlich geschafft, mich für die obligatorischen zehn Bücher zu entscheiden, die mir letztes Jahr am besten gefallen haben. Im direkten Vergleich mit etlichen anderen Listen ist mir dabei vor allem eine Sache aufgefallen: Wie viel ich 2014 verpasst habe. Deshalb vorab ein großes „Sorry“ an David Peace, Oliver Bottini, Orkun Ertener, Bruce Holbert, Olen Steinhauer und und und. Neben ungelesenen Büchern finden sich auch keine Genreklassiker in der Liste, die 2014 erstmals aufgelegt wurden. Also auch kein Higgins, kein McIlvanney, kein Ross Thomas undsoweiter. Alle bereit?

Platz 10 | Die Wut
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© Polar

Willkommen, Polar-Verlag! Der Einstand ist gelungen. Dieser moderne irische Krimi Noir ist die zynische Bestandsaufnahme eines für seine Bewohner perspektivlosen Landes. Wir sehen einen Kleinganoven an einem zu großen Plan scheitern, einen Kommissar von seiner Linie abrücken um einen Fall zu lösen und eine Nonne, die eigentlich nur helfen wollte, und sich plötzlich mit ihrer längst verdrängten Vergangenheit auseinandersetzen muss. Verdrängung ist hier das große Thema. Ambivalente Personen und ein guter Plot machen das Ganze überaus lesenswert.

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Platz 9 | Die Farm
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© diaphanes

In Südafrika fliegen die Kugeln. Wer kann, flüchtet sich ins Farmhaus. Draußen wird es dunkel. Keiner weiß, wer da eigentlich schießt. Und die draußen fragen sich langsam auch, wie viele Leute eigentlich da drinnen sind. Wenn die Sonne aufgeht wird man sehen, wen es erwischt hat. Soziale Härte und ein unglaubliches Tempo, der kurzweiligste Roman des Jahres. Oder wie man heute sagt: Atemlos durch die Nacht.

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Platz 8 | Absolute Zero Cool
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© Nautilus

Ein irischer Meta-Krimi in der Tradition von Flann O’Brien. Die Figur muckt auf, will so nicht mehr leben, hat Verbesserungsvorschläge. Der Autor gibt zunehmend nach. Aber soll er wirklich zulassen, dass ein Krankenhaus in die Luft gejagt wird? Muss das sein? So wenig neu die Idee der Ebenenüberschreitung auch sein mag, so prächtig habe ich mich unterhalten. Geniale Dialoge und der beste mythologische Sexualroman im Krimiroman im Roman, den ich je gelesen habe. Öfter mal was Neues.

Platz 7 | 2/14
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© diaphanes

Sci-Fi-Dystopie-Pulp! Der Pillen fressende, sich die Hände ständig desinfizierende Bibliothekar namens Dewey Decimal ist eine DER Figuren des Jahres. Dabei tut er neben den genannten Dingen nicht viel. Vielleicht noch seine Bibliothek ordnen. Und seiner Vergangenheit nachjagen. Dabei wird ordentlich geballert und ganz ohne Kratzer kommt der Gute natürlich auch nicht davon. Achja, die Frau. Während mich „Boogie Man“ nicht mehr ganz so überzeugen konnte, stimmt hier alles. Hard-boiled bis zur Gasförmigkeit. Wann kommt endlich Teil 3?

Platz 6 | Lady Bag
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© Argument

Diese fluchende, Rotwein saufende Obdachlose hat sich in die Herzen aller Krimifans geschlichen. Verzweifelt versucht sie, bei Verstand zu bleiben, während sie einem Kriminalfall nachgeht, der irgendwie mit ihrem Ex-Freund zusammenzuhängen scheint. Der auch noch der Teufel persönlich ist. Liza Cody schildert mit menschlicher Wärme ein Milieu, mit dem wir normalerweise kaum Berührungspunkte haben. Das hat seit Helmut Kraussers „Fette Welt“ keiner mehr so gut getan. Und das Absurdeste: Das Buch hat einen Hund, der zur Abwechslung mal nicht nervt. Im Gegenteil.

Platz 5 | Entfliehen kannst du nie
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© Bastei Lübbe

Der Krimi zu Salafismus und brennenden Autos in Pariser Vorstädten. Zwei ungleiche Cops, die eigentlich Akademiker hatten werden wollen, ein stiller Araber, der tonnenweise Krimis verschlingt, und jede Menge Zeugen Jehovas, orthodoxe Juden und fundamentalistische Muslime. Aber aufgepasst: Wer seine Vorurteile bestätigt haben möchte, der wird es hier schwer haben. Ein wunderbar differenziertes Sittengemälde, das zu allem Überfluss auch noch spannend ist.

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Platz 4 | Regengötter
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© Heyne

Der Top-Favorit für den Krimi des Jahres. Ein alter Sheriff geht einem Massaker an asiatischen Frauen nach und kämpft mit seinen inneren Dämonen – und nebenher mit dem Trauma eines ganzen Landes. Multiperspektivisch, mystisch, monumental. Ein aus Stein gehauener John Wayne, der vor den Augen des Lesers bröckelt. Reines Genre, keine Schnörkel. Großartiges Buch.

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Platz 3 | The Drop – Bargeld
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© Diogenes

Eine kleine, feine Geschichte über Aushilfsgangster in Boston und die Schwierigkeit, sein Glück zu machen. Bob und sein Cousin Marv gehen getrennte Wege und kommen an unterschiedlichen Enden wieder raus. Neben ein paar Leichen gibt es hier wunderschöne Dialoge und mehr als einen Hauch George V. Higgins zu entdecken. Den Film habe ich immer noch nicht gesehen, aber den kann man sich nach der Lektüre wahrscheinlich auch sparen.

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Platz 2 | Galveston
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© Metrolit

True Detective gesehen? Sollte für Krimiliebhaber eigentlich verpflichtend sein. Wer sich aber lieber dem geschriebenen Wort zuwendet, der kann im Debutroman des Drehbuchautors schon mal einen Eindruck gewinnen. „Galveston“ erzählt die Geschichte eines Profikillers, der sich gerade noch einmal aus der Schlinge winden kann, die sein Boss schon um seinen Hals gelegt hat. Mit Schneeflocken in der Lunge und einer jungen Prostituierten im Schlepptau geht er seiner eigenen Läuterung entgegen. Auf ins Hinterland.

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Platz 1 | Die rechte Hand des Teufels
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© Knaur

Ein lyrischer, atmosphärisch dichter Krim über einen alten Killer und einen jungen Polizisten, die sich nachts im Gefängnis über allerhand Dinge unterhalten: Leichenverstecke, Kindheit, Ehefrauen. Was nicht allzu spannend klingt entwickelt einen unglaublichen Tiefe, während die Krimihandlung selbst irgendwann nur noch als lästige Fliege über den Köpfen der Protagonisten wahrzunehmen ist. Mir ist jedenfalls in diesem Jahr nichts so sehr an die Substanz gegangen wie dieses feine Werk mit dem gähnend langweiligen deutschen Titel.

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Es war ein gutes Jahr. Wenn 2015 genau so wird, werde ich irgendwann anfangen müssen, auch im Schlaf zu lesen. Oder, mit Krimi lesen mein Geld zu verdienen. Denn davon träumen wir Blogger schließlich alle insgeheim. Solche Listen sind ja ganz nett, aber dienen eigentlich mehr der Diskussion, als dass sie absolute Aussagen treffen sollen. Deshalb: Womit seid ihr einverstanden, was versteht ihr überhaupt nicht? Und was gibt es sonst zu sagen? Ich bin gespannt. Auf ein gutes neues Jahr.

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11 Gedanken zu “Meine 10 Lieblingskrimis 2014

  1. Eine schöne Liste, wir haben viele Überschneidungen. Miske hatte ich begonnen und dann weggegen, das Buch bekommt nun noch eine zweite Chance (war damals wohl nicht in Stimmung). Zupans Buch hätte es bei mir auch fast in die Liste geschafft, war mir dann aber doch zu „landschaftslastig“ (du weißt sicher was ich meine :)).

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    • Kann ich natürlich verstehen. Also das mit Zupan. Mich hat er glaube ich genau im richtigen Moment erwischt, keine Ahnung ob ich bei einer zweiten Lektüre ähnlich begeistert wäre. Miské hatte da ebenfalls Glück, denn auch dieses Buch packt einen nicht unbedingt sofort. Aber wenn man Weihnachten mit der Bahn durch die Gegend tingelt und „Ein Bulle im Zug“ leider doch nicht erworben hat, liest man eben „Entfliehen kannst du nie“. Denn wohin sollte man in so einer Regionalbahn auch gehen?

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  2. Nathan Larson und Max Annas sind auch auf meiner Liste. Die anderen hab ich nur angelesen und nicht geschafft, hätte aber gern. Man kommt ja zu nix, weil man ja auch noch schreiben muss … ein Elend mit der Literatur!

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  3. Den Film „The Drop“ kann ich wärmstens empfehlen. Es gibt in ihm so viel so viel zu entdecken, hat tolle Bilder und sehr gut gespielt. Denn Kino ist ja mehr als nur der Plot. 🙂

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