Fontane trifft Dürrenmatt

raab still

© Droemer

Normalerweise verliere ich wenige Worte über die Gestaltung der Bücher, die ich lese, aber hier lohnt es sich, eine Ausnahme zu machen. Zuerst wirkt das Cover wie eine ästhetische Umsetzung des Sprichworts „stille Wasser sind tief“. Wir sehen ein ruhiges Gewässer, auf dessen Oberfläche  das Wort „Still“ geschrieben steht, der Titel dieses Krimis von Thomas Raab. Das „t“ wird dabei zum Kreuz, dem Symbol des Todes. Nun passt das Titelbild nicht nur hervorragend zum Sprichwort, beide passen auch ganz hervorragend zum Inhalt des Romans. Und das in vielfacher Hinsicht.

Wie würde ein Kind, das beschlossen hatte, vom Anbeginn seiner Existenz dieser Welt vorwiegend ins Gesicht zu brüllen, handeln, wenn es erst des Handelns fähig wäre?

Ein nicht enden wollender Schrei hallt durch das kleine Dorf, er kündet von der Geburt Karl Heidemanns. Ein Schrei, der wochenlang nicht endet und allen Bewohnern den Schlaf raubt, bis der Vater des Jungen die Ursache dafür erkennt: Der Junge möchte einfach nur seine Ruhe. Fortan vegetiert der kleine Karl in einer zum Hochsicherheitstrakt umgebauten alten Sauna im Keller sein Dasein, nur umgeben von Dunkelheit, Malstiften und Büchern. Klassikern. Er scheint zufrieden zu sein, bis er irgendwann seinen Blick von den Buchseiten erhebt, und auf seine Umgebung richtet. Denn so schön ihm die Welt der Literatur vorgekommen ist, so grausam scheint ihm die da draußen zu sein. Erlösung gibt es in ihr keine. Oder doch?

Was dem Krimileser zuerst auffallen wird, ist die Sprache. Sehr klassisch kommt sie daher, wie in den Geschichten, die Karl Heidemann verschlingt. Bildhaft und poetisch schildert der Autor dessen Welt, die dadurch wirkt, wie einem Roman von Theodor Fontane entrissen, obwohl der Roman Anfang der Achtziger beginnt. Der Dichter wird neben Goethe und Schiller auch am häufigsten direkt zitiert. Der Protagonist äußert sich quasi nie selbst in wörtlicher Form, seine Sprache bleibt die meiste Zeit die des inneren Monologs. Es ist diese radikal subjektive Erzählweise, die diese Geschichte, den Blick in die Gedankenwelt eines Mörders, überhaupt erst möglich macht.

„Alles still! Die Dorfeshütten

Sind wie Gräber anzusehn,

Die, von Schnee bedeckt, inmitten

Eines weiten Friedhofs stehn.“

(Auszug aus „Alles still“ von Theodor Fontane)

Apropos Mörder. Der erste Mord im Buch bleibt ein Versuch. Der zweite Mord ist ein Selbstmord. Karl Heidemann bleibt zuallererst Opfer und Zuschauer, bevor er selbst zum Täter wird. Er erkennt im Tod den einzigen Ausweg aus der Misere des Lebens, erlebt ihn als Geschenk, bevor er irgendwann auch mit dessen Schrecken konfrontiert wird. Mord nabelt ihn von den Eltern ab, lässt ihn zum Ausgestoßenen werden, raubt ihm die Heimat und auch seine Perspektive. Er fühlt sich unverstanden und ungerecht behandelt. Bis er auf ein junges Mädchen trifft.

Wir haben es hier mit einem Potpourri zu tun: Die Sprache ist, wie bereits erwähnt, eine klassische. Die Motive, das Irren durch den nächtlichen Wald, eine Art Schlafwandeln, aber auch der Tod, sind vor allem die der Romantik. Schaut man sich die Erzählung an, lässt sie sich als Entwicklungsroman lesen – Kindheit, Konfrontation mit der Welt, das Hinausgehen in diese Welt… und dann? Ja, dann kommt in der Regel die Versöhnung mit eben dieser Welt. Aber man sollte nicht vergessen, dass „Still“ auch als Kriminalroman gelesen kann. Gegen Ende stellt sich der Text zunehmend in die Tradition eines ganz speziellen Autoren dieses Genres: Nach einer unerwarteten Zwischensequenz landen wir schließlich bei Friedrich Dürrenmatt.

Der Rest eines Lebens. Unbekannte Größe. Der Tod zieht keine roten Kreise um das Datum eines Kalenderblattes, sondern spaziert im Verborgenen stets neben den Menschen her, lässt sie hoffen, es ginge weiter und weiter, und weiter.

Karl wechselt die Gründe für das Töten, nie aber im Kern. Es bleibt immer das Böse im Menschen, das ihn um- und antreibt. Selbst im Guten erkennt er nur die Abwesenheit des Bösen, so wie in der Dunkelheit die Abwesenheit des Lichts, dem er nicht traut, in der Stille die Abwesenheit des Lärms, den er nicht auszuhalten vermag. Der Autor erinnert den Leser penetrant oft an Karls Gründe, an all das Schlechte auf dieser Welt, dass aus ihm den gemacht hat, der er ist: Ein zutiefst moralischer Mörder. Auch wenn seine Moralvorstellungen mitunter seltsame Auswüchse hervorbringen. Von Seite zu Seite mausert sich dieser dickliche, stumme Junge, der eine Spur von Leichen hinter sich herzieht, zum zumindest bemitleidenswerten Wesen. Seine Geschichte bewegt und weckt gleichzeitig ursprüngliche Ängste. Der Leser bleibt am Ende sprachlos zurück. Um nicht zu sagen: Still.

„Still“ von Thomas Raab ist bei Droemer im Hardcover erschienen.

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