Der Dostojewski des Groschenromans

jim thompson

© Diogenes

James Meyer Thompson, genannt Jim, wird am 27. September 1906 in Anadarko, Oklahoma geboren. Sein Vater, der Sherriff der Stadt, ist zu dieser Zeit extrem spielsüchtig. Als er der Veruntreuung von Staatsgeldern wegen angeklagt wird, wandert er mitsamt seiner Familie nach Mexiko aus. Nach einiger Zeit kehren die Thompsons wieder in die USA zurück. Jims Vater nimmt einen Job auf den Ölfeldern von Texas an. Es ist die Zeit der großen Wirtschaftskrise. Das Leben ist rauh, karg und unbarmherzig und der mittlerweile zum Teenager herangewachsene Jim Thompson flüchtet sich ins Schreiben.

Der Vater ist den ganzen Tag aus dem Haus, das Geld reicht trotzdem nicht. Die Last, für die Familie zu sorgen, kann er alleine nicht tragen. Jims Texte werden zwar teilweise veröffentlicht, aber auch das damit verdiente Geld ist nicht genug: Er muss sich einen Job suchen. Neben der Schule arbeitet er fortan nachts in einem Hotel, wo er sich als Page um das Wohlergehen der Gäste kümmert.

Es ist die Zeit der Prohibition, und Thompsons Dienste werden von den Hotelgästen wertgeschätzt. Er verdient sich ein Vielfaches seines Gehalts durch Trinkgelder. Seine Zeit im Hotel lässt ihn aber auch selbst zum Trinker werden. Die Veranlagung trägt er wahrscheinlich schon lange in sich. So ermunterte ihn angeblich sein Großvater, jeden Morgen ein Glas Whiskey zum Frühstück zu trinken. Jedenfalls wird Thompson seinen Hang zum Alkohol nie wieder vollständig los.

Mit 19 hat Jim Thompson seinen ersten Nervenzusammenbruch. Er hangelt sich in den darauffolgenden Jahren von Job zu Job und landet mehrmals auf der Straße. Er raucht und trinkt übermäßig viel und es kommt oft zu Konflikten mit der Polizei. Dann tritt er in die Fußstapfen seines Vaters: 1926 wird Jim selbst zum Ölfeld-Arbeiter. Kurz darauf schließt er sich der kommunistischen Partei an.

Jim Thompson geht wieder aufs College, heiratet, wird Vater. Er versucht sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Weil seine Geschichten immer noch nicht genug Geld einbringen, arbeitet er in einer Fabrik, die Flugzeuge für die US-Army herstellt. Für den Einsatz im zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit entsteht sein autobiographischer Roman „Jetzt und auf Erden“. Darin beschreibt er unter anderem, wie er für sogenannte „True Crime“ Magazine kurze Texte verfassten muss, um sich über Wasser zu halten. Seine Frau und seine Mutter besuchen für ihn Schauplätze von Verbrechen in der näheren Umgebung und liefern ihm Bildmaterial.  Die Familie finanziert sich durch diese Geschichten. Das Buch dagegen wird ein Flop.

Erst in den 50ern stellt sich langsam der Erfolg ein. Sein Roman „Der Mörder in mir“ wird von den Kritikern gefeiert und verkauft sich gut. Thompson schreibt innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre wie im Rausch mehr als zehn weitere Krimis, darunter das ebenfalls sehr bekannte „In die finstere Nacht“. Er zieht mit seiner Familie nach Hollywood, wo der Regisseur Stanley Kubrick auf ihn aufmerksam wird. Kubrick engagiert ihn für die Drehbücher zu  „Die Rechnung ging nicht auf“ und „Wege zum Ruhm“. Aber gerade, als alles gut zu werden scheint, holt ihn die Vergangenheit wieder ein: Als Ex-Mitglied der kommunistischen Partei kommt Thompson unter Präsident McCarthy auf die „Schwarze Liste“. Die Filmstudios rufen nicht mehr an.

Dem Autor geht es zunehmend schlechter. Alkohol und Nikotin haben seinen Körper zerstört, mehrere Hirnschläge sind die Folge. Er schreibt fast nichts mehr, kann kaum noch sehen. Ein paar seiner Bücher werden verfilmt, aber den großen Erfolg haben andere. Am 7. April 1977 stirbt Jim Thompson. Seine Asche wird über dem Pazifik verstreut.

Thompson gilt heute als einer DER amerikanischen Krimiautoren. Seine Bücher besitzen Kultstatus. Kaum einer hat je wieder so gut darüber geschrieben, was in Kriminellen vorgeht, was sie zu Kriminellen macht. Seine Figuren sind gebrochene Seelen, deren angestaute Wut sich immer irgendwann entlädt. Zum Schrecken ihrer Mitmenschen.

Jim Thompson war ein großer, ein herausragender Schriftsteller, über alle Genregrenzen hinweg. Auch wenn die Welt erst ganz spät nach seinem Tod langsam damit beginnt, das zu bemerken.

Dieser Beitrag wurde in der Sendung vom 25.01.2015 gesendet. Beim vorliegenden Text handelt es sich um das Skript, die O-Töne und Sounds, die die einzelnen Teile verbunden haben, sind aus urheberrechtlichen Gründen nicht enthalten. In Deutschland sind Thompsons Bücher bei Diogenes und Heyne erschienen.

Rezension zu „Die Verdammten“

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5 Gedanken zu “Der Dostojewski des Groschenromans

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