Der ewige Kampf

thompson die verdammten

© Heyne

Tom Lord ist der Marshall von Pardee, einer texanischen Kleinstadt, in der jeder jeden kennt. Eigentlich hatte er Arzt werden wollen, wie sein Vater vor ihm, aber das sollte nicht sein. Ironischerweise wurde sein Vater nämlich schwer krank. Tom, der sich bereits mitten im Medizin-Studium befand, musste abbrechen, um ihn zu Hause pflegen zu können. Die Geschichte, die uns Pulp-Großmeister Jim Thompson in „Die Verdammten“ erzählt, setzt ein, als Tom Lord zusammen mit seiner Freundin, einer ehemaligen Prostituierten, einen Ausflug macht. Irgendetwas scheint mit dem Wagen nicht zu stimmen. Er entscheidet, an einem Ölbohrturm Halt zu machen, um nach dem Wagen zu sehen und ihn gegebenenfalls zu reparieren. Angeblich.

„Kann mir keinen besseren Mann vorstellen, wenn es hart auf hart kommt. Aber Tom, Junge…“ Über den Rand seiner Brille bedachte er Lord mit einem stahlblauen Blick. „Gib acht auf dich. Da ist was, was an dir nagt. Lass es raus. Lass nicht zu, dass es dich auffrisst.“

Endlos lange Straßen, weites Land, hier und da etwas Industrie, Metallstreben, die in der Sonne liegen wie ausgebleichte Tierknochen. Die Landschaft, die dem Leser hier begegnet, ist karg und erinnert zuweilen an „Mad Max“. In dieser Einöde bewegen sich die Figuren mit einer Langsamkeit und Ruhe, als könnte nur die Zeit ihnen etwas anhaben. Thompson reanimiert „Lou Ford“ („Der Mörder in mir“) als „Tom Lord“ und lässt damit einen seiner kontroversesten Charaktere auflaufen. Wie immer bei Thompson sind es vor allem die Psychogramme seiner Figuren, die die Handlung am Leben erhalten, welche sich am ehesten als eine Art Neo-Western verstehen lässt.

Der Mord geschieht zu Beginn. Im Streit tötet Tom Lord  Aaron MacBride, den Leiter der Ölgesellschaft, von dem er sich, wie man in einer Rückblende erfährt, betrogen fühlt. Dabei geht es weniger um Geld, sondern vielmehr um einen Verrat unter Freunden. Minutiös schildert der Autor die Beziehung der beiden Männer, und die daraus letztendlich resultierende Enttäuschung. Für beide Seiten. Überhaupt ist das Hauptmotiv in diesem Roman die Enttäuschung, und das schließt alle Figuren mit ein. Das, was auf die Enttäuschung folgt, sei es Wut, Trauer oder Verzweiflung, bringt ein unkontrollierbares, willkürliches Element mit in diese ohnehin schon explosive Ausgangssituation.

„Wenn du ihn schon umbringen musstest, hättest du das in deiner Freizeit erledigen können. Das County zahlt dir ein verdammt gutes Gehalt, damit … Aaron MacBride!?“, krächzte er. Seine Kinnlade klappt herunter. „Warum zum Teufel hast du das getan?“

Tom Lord widersetzt sich jeder Ermittlung, jedem Festnahmeversuch durch seine Kollegen. Er zieht sich in das Haus seines Vaters zurück. Der Leser erfährt währenddessen, dass der ermordete MacBride nur der Laufbursche eines korrupten Klüngels mit mafiösen Strukturen war, das sich jetzt anschickt, in die Handlung einzugreifen, um einem Skandal entgegenzuwirken. Sie haben Angst, dass gewisse Dinge ans Licht kommen. Treibende Kraft der folgenden Ereignisse ist aber MacBrides Frau, die den Mord an ihrem Mann nicht unaufgedeckt lassen möchte. Und vor allem nicht ungesühnt.

 „Wir sollten besser schnell heiraten, Tom. Eine Frau kann nicht gegen ihren Ehemann aussagen.“ Lord nickte. Träge erwiderte er: „Da gibt’s noch was, was eine Frau nicht kann.“ „Was?“ „Sie kann nicht aussagen, wenn sie tot ist.“

Hier muss etwas zum Frauenbild von Jim Thompson gesagt werden, denn das kann mitunter sauer aufstoßen. Vor allem in diesem Krimi, aber auch in seinen anderen Romanen, lassen sich die weiblichen Figuren grob in zwei Kategorien einteilen: Entweder sie sind ein Lustobjekt, dass dem Mann in jeder Hinsicht unterlegen ist und von ihm nur belächelt wird, oder sie sind farblose, auf irgendeine Art missgestaltete Personen, die kaum aktiv ins Geschehen eingreifen. Das mag der Zeit geschuldet sein, in der seine Werken entstanden sind, bestimmt auch seinem eigenen Weltbild, aber ganz ohne hochgezogenen Augenbraue lässt sich das heute nicht mehr lesen.

 „Jetzt pass mal auf, Pellino! Du benimmst dich wie ein halb garer Krimischreiberling! Der keine Ahnung hat, was er machen soll, weshalb er alle in einer Flut ersaufen lässt.“

Es folgt, was bei Thompson immer folgt: Der Protagonist verliert zunehmend den Verstand. Tom Lord trägt vor allem Konflikte mit sich selbst aus, er nennt das „Lord vs. Lord“. Der Rest der Welt scheint ihm nicht wirklich schaden zu können, sofern er ihn überhaupt wahrnimmt. Trotzdem bleibt es spannend, denn der Autor lässt für seine Verhältnisse extrem viele Fragen ungeklärt. Fans von Suspense kommen hier auf jeden Fall auch auf ihre Kosten, was ich jetzt über andere Thompson-Romane nicht unbedingt sagen kann. Außerdem sind die Beziehungen der Figuren untereinander so spannend, wie sie verworren sind. Gepaart mit einer Spirale der Gewalt, und der nach und nach enger werden Schlinge, die sich um den kollektiven Hals gelegt zu haben scheint, zieht das den Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann.

„Hm. Ich warte nicht gerne, aber ich habe auch nicht den Mumm, die Dinge gleich zum Showdown zu treiben.“

„Die Verdammten“ ist bestimmt nicht das stärkste Werk von Jim Thompson. Wer den Autor kennenlernen möchte, dem empfehle ich eher „Der Mörder in mir“ oder „In die finstere Nacht“. Trotzdem kann ich jedem dazu raten, sich diesen Krimi zuzulegen. Denn selbst dann, wenn Thompson an sich selbst gemessen nicht in Höchstform ist, sticht er die Konkurrenz noch mühelos aus. Und wer weiß, vielleicht macht gerade der eher konventionelle Plot es leichter, sich diesem Monolithen anzunähern.

„Die Verdammten von Jim Thompson ist Bei Heyne im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Gunter Blank.

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5 Gedanken zu “Der ewige Kampf

  1. Ha! Ich kenne Thompson nicht. Aber ich wurde gestern schon durch ein Buch auf ihn aufmerksam gemacht. Intuitiv habe ich „Der Mörder in mir“ auf meinen Wunschzettel gepackt. Dank dir bin ich mir jetzt sicher, dass das richtige Entscheidung war. Und danke für die Frauenbildvorwarnung. Als Eierstockträgerin bin ich da von Natur aus etwas empfindlich. 😉

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