Abseits der Zivilisation

mccarthy kind gottes

© Rowohlt

Es gibt wenige Gefühle, die einen so sehr verletzen können, wie das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. So ergeht es Lester Ballard, dem wir zum ersten Mal begegnen, als er mit vorgehaltener Waffe das Recht einfordert, auf dem Fleckchen Erde wohnen zu dürfen, das schon seine Eltern bevölkerten. Genauer gesagt in dem Haus seiner Kindheit, das eigentlich gerade versteigert werden soll. Er erzwingt lediglich ein Aufschub, denn wer nicht dazugehört, wird früher oder später immer an den Rand gedrängt. Alles nur eine Frage der Zeit.

Es war still im Zimmer. Nach einer Weile ließ der Mann hinter dem Schreibtisch die Hände sinken und faltete sie im Schoß. Mr. Ballard, sagte er, Sie müssen sich entweder eine andere Lebensweise suchen oder einen anderen Ort auf der Welt, wo Sie so leben können.

Ist man erst einmal der Außenseiter, sind zwischenmenschliche Beziehungen schwierig. Die einzige Bezugsperson, die Cormac McCarthy seiner Hauptfigur zugesteht, ist ein Schrotthändler, dessen Töchter sich, um es mit Papst Franziskus zu sagen „wie die Karnickel vermehren“. Dieser ständig betrunkene Zeitgenosse scheint sich aber nur vordergründig darum zu scheren, und suhlt sich in der eigenen Verwahrlosung bis zum Impuls-Inzest. In der hässlichen Welt, die dem Leser in „Ein Kind Gottes“ skizzenartig auf die Leinwand der eigenen Imagination geworfen wird, gibt es nichts, was nicht möglich ist, kein Abgrund, der zu tief ist, als dass er nicht jemanden los schickt, ihn zu erkunden.

Hätte es dunklere Regionen der Nacht gegeben, er hätte sie gefunden.

Wo zwischenmenschliche Beziehungen schwierig sind, ist Liebe ein Ding der Unmöglichkeit. Aber wohin mit dem Bedürfnis nach (körperlicher) Nähe? Eines Abends entdeckt Ballard auf einem Streifzug ein Auto. Es steht auf einem Hügel, die Scheinwerfer sind an, Musik tönt aus dem Inneren, aber auf den ersten Blick ist niemand zu sehen. Er inspiziert das Fahrzeug und entdeckt die nackten Leichen zweier Liebender, die sich scheinbar auf dem Höhepunkt des Liebesaktes aus dieser Welt verabschiedet haben. Kurzerhand wirft sich Ballard die hübsche junge Frau über die Schulter und marschiert nach Hause. Eine folgenschwere Tat. Denn so eine Leiche hält nicht ewig.

Wer soll so etwas lesen? Und warum? Das ist die Frage, die man sich durchaus stellt, sofern man nur den Plot dieses kleinen Romans hört. Wer den Autor kennt, der weiß um dessen Fähigkeit, archaische Geschichten in einfacher, poetischer Sprache zu erzählen. Die Schönheit der Sätze, mit der McCarthy uns erzählt, was an Schrecklichkeit und Morbidität kaum zu überbieten ist, lässt etwas zu, was man angesichts der Taten Ballards kaum zu vermuten wagt: Echtes Mitgefühl. Denn so kauzig, eigenbrötlerisch und „krank“ er sein mag, man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, er hätte eine Alternative. Außer still zu ertragen.

Im Frühjahr oder bei wärmerem Wetter, wenn der Schnee in den Wäldern taut, erscheinen die Spuren des Winters auf schmalen Sockeln wieder, und der Schnee offenbart als Palimpsest alte, verborgene Wanderschaften, Kämpfe, Todesstätten. Wieder ans Licht gebrachte Wintergeschichten, als wendete sich die Zeit auf sich selbst zurück.

Das ist kein Krimi im klassischen Sinne. Gerade deswegen passt dieses bereits 1973 erschienene Roman aber bestens in eine Reihe mit „Still“ und den Werken von Jim Thompson, die mich zuletzt beschäftigten. Hier stellt sich nämlich die Frage, was einen Menschen überhaupt so weit treibt, zum Mörder zu werden. Wer sich auf diese kaum zweihundert Seiten lange Tour de Force einlässt, der hat am Ende vielleicht eine Ahnung davon. Menschen erschaffen Monster, in denen sich ihre eigene Unmenschlichkeit manifestiert. Wie wir unseren Mitmenschen begegnen, verändert alles. „Ein Kind Gottes“ legt davon Zeugnis ab. Wer mutig genug ist und sich nicht vor der Dunkelheit fürchtet, die in diesem Buch herrscht, der trete ein.

„Ein Kind Gottes“ von Cormac McCarthy ist bei Rowohlt im Premium Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Nikolaus Stingl.

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Ein Gedanke zu “Abseits der Zivilisation

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