Die Literarisierung des Banalen

cynan jones graben

© Liebeskind

Jetzt habe ich es geschafft, drei Monate lang etliche Krimis zu lesen, ohne einen aus der Hand legen zu müssen – und dann passiert es mir ausgerechnet mit einem, den ich sehnlichst erwartet habe. Dabei hat „Graben“ des walisischen Autors Cynan Jones eigentlich schon mit dem Cover gewonnen. Ein Blick dahinter offenbart jedoch selbst dem wohlwollenden Leser ziemlich schnell, dass äußere Schönheit auch 2015 immer noch kein Indikator für innere Werte ist. Und dass sogar der Liebskind-Verlag sich mal einen Ausrutscher leisten kann. Aber zur Sache:

Das Buch verspricht eine Parabel über den urtümlichen Kampf zwischen Gut und Böse, in Form der Auseinandersetzung zweier Männer auf einer abgelegenen Farm. Einer von ihnen jagt illegal Dachse und wirft sie Hunden sprichwörtlich zum Fraß vor. Der andere, der Besitzer der Farm, hält sich während der täglichen, kaum zu bewältigenden Arbeit primär in Erinnerungen auf. Er hat gerade erst seine Frau verloren. Darüber hinaus sinniert er bei jeder noch so kleinen Gelegenheit über das Leben an sich. Womit wir schon mal einen Schwachpunkt des vorliegenden Werks ausgemacht hätten: Der Protagonist wirkt streckenweise wie jemand, der die Welt um sich herum bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Erzählung einsetzt, noch nie bewusst wahrgenommen hat. Somit findet er alles erwähnens- beziehungsweise denkenswert.

Er sah auf die Uhr. Zum ersten Mal schien ihm aufzufallen, dass sie römische Zahlen hatte, auch wenn ihm klar war, dass er das doch gewusst haben musste. Eine Weile faszinierte und verwirrte ihn dieser Gedanke, dieses neue Erkennen.

Mich hat der Gedanke schlicht gelangweilt. Womit wir schon bei der nächsten Schwäche wären: Es ist für das Erzeugen einer gewissen Stimmung, für das Verorten des Geschehens bestimmt von Wichtigkeit, simple Vorgänge zu beschreiben, welche die Handlung nicht unbedingt voranbringen. Ich habe nichts gegen eine langsame Erzählweise. Hier kommt allerdings hinzu, dass die Beschreibungen sich mitunter über mehrere Miniatur-Absätze von zwei bis drei Zeilen ziehen, was den Lesefluss erheblich beeinträchtigt. Überhaupt formuliert der Autor eigentlich jeden dritten Satz so, als wäre er das Ende von irgendetwas. Der Text wirkt dadurch gestottert, zäh, als würde er ständig den Faden verlieren und wieder neu aufnehmen.

Die Katze kam zu ihm und setzte sich, und eine Weile saßen sie so im gemütlichen Klang des Regens da. Die Nähe der Katze war fast zu viel.

Apropos zu viel. Die Erzählung an sich ist sehr schlicht. Die Sprache leider überhaupt nicht. Den kleinsten Dingen wird hier riesige Bedeutung beigemessen. Christoph Schröder meint in seiner Rezension in der Frankfurter Rundschau, es würde dem Leser hier viel Platz zum Denken gelassen. Das kann ich so nicht bestätigen. Vielmehr wird durch das permanente Deuten jeder kleinen Textfaser die Fantasie des Lesers komplett überflüssig gemacht. Wie ein Klappentext, der uns sagt, was für ein Buch wir vor uns haben, verrät der Text selbst, welche Bedeutung er haben möchte. Das ist schade und führt schnell zu Verdruss.

Unerträglicher ist aber die Metaphernwut und Vergleicheritis, die es mir Seite um Seite schwerer machte, den Autor zu mögen. Auch hier kommt wieder der Drang durch, alles bedeutsamer erscheinen zu lassen, als es ist. Was okay wäre, wenn da nicht die Häufung wäre. Man hat permanent das Gefühl, dass Cynan Jones hier mit der Brechstange große Literatur schaffen wollte. Alles wirkt aufgeblasen, es bestehen keine wirklichen Verknüpfungen zwischen den Sätzen, es entsteht kein Textfluss. Man vermisst ein Gespür für Timing. Und Sprachgefühl. Egal welche Metapher oder welcher Vergleich, man hat immer den Eindruck, er hätte die richtigen Wörter um Zentimeter verpasst. Insgesamt gerät so alles in Schieflage.

Das Lamm war wie ein uraltes, schlafendes Etwas

Teilweise gefallen ihm seine eigenen Einfälle scheinbar so gut, dass er sie nicht mehr rechtzeitig loslassen kann.

Sie schien vorzeitig gealtert zu sein, schien eine merkwürdige, äußerliche Vorstellung von Altsein angenommen haben, so wie Teenager das mit dem Erwachsensein tun. […] Sie bestellte Hosen mit Gummizug und komische Schuhe, die sie unverhältnismäßig altern ließen, nicht anders als Jugendliche in Erwachsenenkleidung, und sie legte sich einen Satz an Alte-Leute-Phrasen zu, die sie mit wehmütiger Akzeptanz von sich gab, auch darin einem Teenager ähnlich, der älter klingen will. […] Wie bei einem Teenager, der schließlich doch erwachsen wird, aber die kleinen Charakterzüge aus der Kindheit bisweilen noch durchscheinen lässt, war an seiner Mutter, die nun tatsächlich alt geworden war, wieder etwas Mädchenhaftes, wie er erkannte.

Ach du liebes Kind. Hier war ich dann mit meiner Geduld am Ende, nach über sechzig Seiten bangem Hoffen. Wer weiß, was mich noch erwartet hätte. Leider hat auch das Aufschlagen zufälliger Seiten keine Besserung gebracht, was zumindest bedeutet, dass der Autor seinem Stil bis zum Schluss treu bleibt. Ich hätte gerne gesehen, ob Peter Torberg beim Übersetzen ab und zu das Gesicht verziehen musste. Ich bei der Lektüre jedenfalls schon, weshalb ich jedem nur raten kann: Lest erst einmal rein, das Buch ist ohnehin sehr zügig gelesen, man bekommt dementsprechend schnell einen ersten Eindruck. Dass der Mann in seiner Heimat Preise gewinnt, ist mir persönlich unerklärlich und mag an seiner Sprache liegen, die in Übersetzungen ja nie wirklich reproduziert werden kann. Oder aber an der walisischen Literatur selbst, über die ich zu wenig weiß, und daran, wer dort in den Gremien sitzt. Aber genug genörgelt. Viel lieber möchte ich noch einmal betonen, wie viele großartige Bücher der Liebeskind-Verlag uns Krimilesern bereits beschert hat. Wer sich „Graben“ jetzt schenken möchte, der kann einfach bedenkenlos zu David Peace, Pete Dexter, James Sallis oder Daniel Woodrell greifen. Ich würde es tun.

„Graben“ von Cynan Jones ist bei Liebeskind im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Peter Torberg.

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5 Gedanken zu “Die Literarisierung des Banalen

  1. Pingback: Kim Zupan: Die rechte Hand des Teufels | crimenoir

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