Von Menschen und anderen Tieren

millar bestien belfast

© Atrium

Auf den irischen Autor Sam Millar bin ich vor etwa einem halben Jahr aufmerksam geworden, als das, was heute meine Radiosendung ist, langsam begann Form anzunehmen. Damals hatte ich schon den Wunsch, im Zuge meines Projekts eine Sondersendung zum Thema Irland zu machen. Auf der Suche nach geeigneten Büchern stieß ich auf die Reihe um Privatdetektiv Karl Kane. Viel interessanter als der Klappentext schien mir damals das, was dort über den Autor zu lesen war:

In den 70er Jahren verbrachte er acht Jahre hinter Gittern, nach dem er auf dem Höhepunkt der Unruhen in Nordirland inhaftiert worden war. Wieder auf freiem Fuß, ging er in die USA, wo er 1992 einen der schwersten Raubüberfälle in der US-amerikanischen Geschichte initiierte und über sieben Millionen Dollar erbeutete. Millar wurde gefasst, später begnadigt und kehrte nach Belfast zurück, wo er seitdem Kriminalromane schreibt.

Das ist ein Ding. Ein Krimi-Autor, der vorher Krimineller war. Natürlich habe ich mir den ersten Band, „Die Bestien von Belfast“, umgehend bestellt. Denn wer größenwahnsinnig genug ist, so einen Coup in Betracht zu ziehen, der schreibt bestimmt keine langweiligen Bücher. Es ist demnach nicht sonderlich verwunderlich, dass mir dieser äußerst dreckige Krimi wunderbar gefallen hat.

Hier und da lagen Knochen und Fleisch verteilt, bildete schwarzes, getrocknetes Blut eine Collage auf der Oberfläche des niedergedrückten Grases. Fetzen eines Kleides. Überbleibsel eines Albtraums. Insekten taten sich unbeeindruckt gütlich.

Schon der Beginn ist nur schwer zu schlucken. Man wird Zeuge einer Gruppenvergewaltigung. Eine Frau liegt geschunden am Boden, die Täter sind gnadenlos unmenschlich, es kommen auch noch aus dem Zoo entlaufene Riesenhunde ins Spiel. Spätestens dann ist klar: Wer keinen starken Magen hat, der sollte um dieses Buch einen großen Bogen machen. Wer aber denkt, hier geht es mal wieder nur darum, möglichst brutal zu sein, und deshalb aufgibt, der begeht einen großen Fehler. Ja, „Die Bestien von Belfast“ ist Krimi-Kost für Hartgesottene. Aber, und das ist entscheidend, es ist dabei ein unterhaltsames, vor guten Ideen und erinnerungswürdigen Szenen nur so strotzendes Stück Literatur.

„Wieso musst du andauernd Leute aufziehen?“, fragte Wilson. „Wenn jemandem ein Schlüssel aus dem Arsch ragt, kann ich einfach nicht anders“, entgegnete Karl.

Gestatten: Karl Kane, Privatdetektiv, Protagonist. Klassisch anmutend, mit dem obligatorischen Hinterzimmer-Büro und der sexy Sekretärin, mit der er sich außerdem das Bett teilt. Sein Auftraggeber ist ein ominöser Mann mit viel Geld, dem ein Mord schlaflose Nächte bereitet. In einem Park wurde die Leiche eines Mannes gefunden, dem drei Kugeln im Kopf steckten. Kane hinterfragt nicht großartig, sondern freut sich riesig über den Klienten – denn, wer hätte es gedacht, er ist pleite. Und ja, er raucht auch – damit wäre die Klischee-Kiste voll und bereit zur Abholung. Der Autor weiß aber was er da tut, er kokettiert mit der Privatdetektiv-Schablone und füllt sie mit sprühendem Charme und jede Menge Witz. Karl Kane ist ein notorischer Sprücheklopfer mit dem Herz am rechten Fleck und einem zynischen Dauergrinsen im Gesicht. Mitunter nervt das zwar nicht ausschließlich die anderen Figuren, der Mehrwert ist aber um ein Vielfaches größer.

Was Kane ausmacht ist, dass er im Gegensatz zu vielen Marlowe-Klonen zu jedem Zeitpunkt wie ein echter Mensch anmutet. Er kann sich nicht so wirklich von seinem ehemaligen beruflichen Umfeld lösen (er war natürlich Polizist) und hält seinen Ex-Kollegen die Treue – auf die ein- oder andere Art. Außerdem kämpft er darum, dass seine Tochter aus geschiedener Ehe seine neue Freundin endlich akzeptiert. Das Telefonat, dass er mit seiner Tochter führt, gehört zu den stärksten Dialogen des Buchs. Die weiche Schale, die sich unter der rauen Haut des Privatdetektivs verbirgt, lässt ihn zur Identifikationsfigur werden. Eine Eigenschaft, die vielen knochenharten, lässigen Ermittlern in anderen Kriminalromanen abgeht. Kane ist eine geschundene Seele und trägt seine Wunden offen zur Schau.

 „In zwei Jahren bin ich so drauf wie dieser verrückte Hawking, der auf dem Mond gewesen ist. Der kann heute nur noch wie ein Scheiß-Dalek reden.“ „Hawking? Du meinst Stephen Hawking? Der ist nicht auf dem Mond gewesen. Er hat schwarze Löcher entdeckt.“ „Schwarze Löcher. Wen juckt der Scheiß?“

Es ist ein interessanter Mix, den Sam Millar seinen Lesern hier vorsetzt: Ein klassischer hard-boiled Detektiv-Roman inklusive ständiger Flucherei und absurden Sex-Szenen trifft auf Versatzstücke des Psychothrillers und eine Extra-Portion Trashtalk der Marke Tarantino. Der Autor stellt jedem Kapitel zusätzlich noch ein meist längeres Zitat aus Literatur oder Wissenschaft voran, das gut zu den kommenden Ereignissen passt. Hierbei beeindruckt weniger, wie gut die ausgewählten Textstellen Stimmung erzeugen, als die Tatsache, aus wie vielen unterschiedlichen, thematisch scheinbar Lichtjahre voneinander entfernten Quellen sie stammen. Da stellt sich mir die Frage, ob der das alles aus der Knast-Bibliothek ausgeliehen hat. Vielleicht ist er ja aber auch von Haus aus belesen. Das werde ich hier in naher Zukunft mit Hilfe eines Autorenporträts klären.

Einen Bonuspunkt bekommt dieser Krimi von mir für den vielleicht schrägsten Mord, der mir bisher untergekommen ist. Keine Angst, den Spaß, die entsprechende Stelle selbst zu lesen, möchte ich natürlich niemandem nehmen. Den Spaß, den ich bei der Lektüre dieses Buchs hatte, erst recht nicht. Man braucht aber einen Humor, der mindestens so schwarz wie ein frisch gepumptes Guinness ist. Also: Gebt Karl Kane eine Chance, sofern ihr nicht zimperlich seid. Ich bin schon am überlegen, wann ich mir den nächsten Band der Reihe anschaffe. Wer stattdessen lieber mehr über das turbulente Leben des Autors erfahren möchte: Mit „True Crime“ liegt im Atrium Verlag jetzt dessen Biographie endlich in deutscher Sprache vor.

„Die Bestien von Belfast“ von Sam Millar ist bei Atrium im Premium Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Joachim Körber.

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4 Gedanken zu “Von Menschen und anderen Tieren

  1. Womit du mich daran erinnerst, dass ich schon seit Monaten den dritten Kane-Band lesen will. Teil eins hat mich ja endlos begeistert, den zweiten Fall fand ich nicht ganz so prall. Da habe ich dann den aktuellen Band ein wenig geschoben. Momentan schmökere ich mich durch „True Crime“. Millars Leben und vor allem seine Konsequenz dabei sind schon ziemlich beeindruckend. Ein Jammer, dass ich es zeitlich nicht schaffen werde, zu seiner Lesung hier in Hamburg zu gehen.

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    • Dann lesen wir beide gerade das gleiche Buch. Ich bin auch sehr beeindruckt von der Lektüre, vor allem von den Schilderungen seiner Gefangenschaft. Auf eine Lesung würde ich auch gerne gehen, aber für Süddeutsche ist das einfach ein zu weiter Weg.

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      • Hammer, oder? Mit welcher Konsequenz er da gelitten hat wie ein Tier! Als er sich das erste Mal nach all den Jahren duschen konnte… Ein beeindruckendes Leben.

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  2. Pingback: Sendung vom 22.02.2015 | Der Schneemann

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