„Buy the Ticket, Take the Ride!“

Inherent Vice 1 Kaum ein Regisseur liefert regelmäßig so herausragende Filme ab wie Paul Thomas Anderson („There Will Be Blood“). Mit seinem neusten Streich probiert er sich an einer Literaturvorlage: „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Pynchon, dem König der Paranoia, der ebenfalls ein Garant für Qualität ist. Zwei gute Gründe also, sich diesen Film einmal genauer zu betrachten. Pynchon hat das Skript sogar höchstpersönlich abgesegnet. Auf ins Kino!

Inherent Vice 6Der dauerbekiffte Hippie-Detektiv Larry „Doc“ Sportello traut seinen Augen nicht. Da steht doch tatsächlich seine Ex-Freundin Shasta vor ihm, in derart prüder Aufmachung, als hätte es die Sechziger nie gegeben. Sie erzählt ihm, dass sie einen neuen Liebhaber hat – den Immobilien-Mogul Mickey Wolfman. Aber damit nicht genug. Die Ehefrau von Wolfman weiß von den beiden, hat selbst einen Liebhaber, und möchte an das Geld ihres Noch-Ehemannes ran. Wer könnte da besser helfen als dessen Geliebte? Der Plan ist, den guten Mickey einfach in die Psychiatrie einzuweisen. Jetzt steht Shasta natürlich vor einem Dilemma: Macht sie mit? Oder lieber doch nicht? Sie bittet Doc, sich die Sache mal anzuschauen. Vielleicht kann er ja mal mit Mickey reden.

Inherent Vice 7Die Darstellerriege, die der Regisseur hier versammelt, muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Joaquin Phoenix („Walk the Line“) spielt den dopesüchtigen Ermittler, als würde sein Leben davon abhängen. Von der Mimik über die Frisur bis hin zum Gang liefert er hier eine oscarwürdige Performance ab. Ich kann kaum erwarten, das im O-Ton noch einmal zu sehen. Sein Kollege Josh Brolin („Gangster Squad“) war ebenfalls selten so gut wie in diesem Film, wo er Docs Nemesis, Lt. Det. Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen, einen knallharten Polizisten und Experten auf dem Spezialgebiet der Bürgerrechtsverletzung, verkörpert. In weiteren Rollen glänzen Owen Wilson („Darjeeling Limited“) als legendärer Surf-Saxophonist, Reese Witherspoon („Walkt he Line“) als Docs Teilzeitfreundin und Benicio del Toro, der, wie schon in seiner Paraderolle in „Fear and Loathing in Las Vegas“, einen Anwalt mimen darf. Für Musikfreunde außerdem interessant: Joanna Newsom hat eine kleine Rolle, und die Band „The Growlers“ gibt sich als eine Surf-Truppe mit dem naheliegenden Namen „The Boards“ aus.

Inherent Vice 4Zurück zu Doc. Der überlegt, wie er an den Bikern von der arischen Bruderschaft vorbei kommen soll, die den exzentrischen Juden Wolfman beschützen. Er landet in einem Stripschuppen, wird niedergeknüppelt und findet sich plötzlich neben einer Leiche wieder. Es ist einer von Wolfmans Aufpassern. Sein Anwalt haut ihn aus der Sache raus, aber dann fangen seine Probleme erst so richtig an: Wolfman ist verschwunden. Außerdem kommen ständig neue Leute in seine „Praxis“ oder rufen ihn an. Jetzt muss er nicht nur den verschollenen Immobilienhai wieder finden, sondern auch noch einen Saxophonisten. Und seine Ex-Freundin. Orientierungslos ermittelt er drauf los, bis er zu ersten Mal von „Golden Fang“ hört. Was ist das jetzt schon wieder?

Inherent Vice 3Ich habe im Kino lange nicht mehr so ausgiebig gelacht. Der Wortwitz der Vorlage ist zwar nicht verlustfrei ins Deutsche übertragbar, aber es gibt noch mehr als genug davon. Die Dialoge sind randvoll damit und außerdem perfekt in Szene gesetzt. Manchmal reicht es sogar, für ein paar Sekunden die Mimik von Joaquin Phoenix in einer Nahaufnahme zu zeigen, und das Publikum bricht in Gelächter aus. Der macht sich andauernd Notizen, die sich als lustige Kommentare zum Geschehen verstehen lassen, und stolpert ansonsten einfach nur herrlich schräg durchs Bild. Und die Situationskomik! Chaplin wäre stolz.

Inherent Vice 2Sowohl der Zuschauer als auch der Doc selbst haben Probleme, diesem Wirrwarr von Fall auf lange Sicht zu folgen, da mag die Story noch so linear sein. Alles hängt irgendwie zusammen, eine große Verschwörung. Nach und nach werden die Dinge klarer, es geht irgendwie um Heroin, um eine Psychiatrie, um eine verschwundene Siedlung, das Recht auf Wohnen, Heroinschmuggel, ein Boot, Kommunismus, einen Doppelagenten und das perfekte Geschäftsmodell. Gar nicht so sehr um Mickey Wolfman. Um da durchzusteigen braucht Doc auf jeden Fall jede Menge Drogen und eine gehörige Portion Paranoia. Der Zuschauer sinkt völlig verwirrt in seinen Kinosessel und versucht es mit Vertrauen. Der Doc macht das schon. Einfach mal den Irrsinn auf der Leinwand genießen und Spaß haben.

Inherent Vice 8Was „Inherent Vice“ im Gegensatz zu „American Hustle“ aus dem letzten Jahr gelingt, ist die nahezu perfekte Reproduktion der 70er-Jahre-Optik. Während „American Hustle“ bei Autos, Kostümen, Frisuren, Architektur und Musik aufhörte, geht Paul Thomas Anderson noch ein paar Schritte weiter. Er passt die Bildästhetik an Filme aus dieser Zeit an, statt sie nur auf Hochglanzbildern wiederauferstehen zu lassen. Der Slang, der schon die Vorlage bestimmt, sowie die dazugehörigen Gesprächsthemen, Weltbilder und Verhaltensweisen machen das Ganze zu einer rundum glaubhaften Sache. Der Clou dabei: Schon das Buch sprengt den Rahmen einer Hommage an diese gerne verklärte Zeit. Hier wird überzeichnet was das Zeug hält. „Inherent Vice“ ist für den Retro-Trend im aktuellen Kino, was „Django Unchained“ für das Blaxploitation Genre war:  Das große Finale.

Inherent Vice 5Dieser schräge Kiffer-Noir-Streifen ist das unterhaltsamste und cineastisch beeindruckendste, was man dieses Jahr bisher im Kino erleben konnte. Weil die Zuschauerzahlen leider nicht annähernd die Qualität widerspiegeln, kann ich jedem nur raten, schleunigst den Weg ins örtliche Filmtheater anzutreten. Sonst läuft er dort am Ende gar nicht mehr. Wer darüber hinaus die Chance hat, das Spektakel im O-Ton anzusehen, dem ist mein Neid sicher. Aber alles groovy, Freunde, alles groovy.

Advertisements

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s