Guinness und Galgenhumor

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© dtv

Weil er dem Innenminister auf die Schnauze haut, muss Jack Taylor Marke und Dienstwaffe abgeben. Das stellt ihn vor ein Dilemma: Wie soll er seinen Alkoholismus finanzieren? Bitte nicht schon wieder ein saufender Privatdetektiv. Wenigstens ist Jack Taylor so konsequent und richtet sein Büro direkt in seinem Lieblingspub ein. Also dem einzigen, in dem er noch kein Hausverbot hat.

Mein Ausbilder in der Kaserne sagte: „Wir alle mögen ein kleines Großes.“ Nicken und Grunzen von den Polizeischülern. „Und die Öffentlichkeit mag es, dass wir ein kleines Großes mögen.“ Wird ja immer besser. „Was die Öffentlichkeit dagegen nicht mag, das ist ein Bösewicht, egal wie groß oder klein.“

Es dauert natürlich nicht lange, da schneit eine Frau herein, die den zugedröhnten Ermittler anwerben möchte. Ihre Tochter ist verschwunden. Dass das eher nach Polizeiarbeit klingt, schreckt Taylor erst einmal ab, aber er kann sich der Schönheit seiner Auftraggeberin (und dem Inhalt ihres Geldbeutels) einfach nicht entziehen. Er nimmt die Ermittlungen auf und kommt schnell dahinter, dass das verschwundene Mädchen nur ein Opfer von vielen ist. Als er sich den letzten Arbeitgeber des Mädchens vornimmt, erhält er plötzlich Besuch von Männern, die ihre Fäuste nur allzu gerne in seinem ausgemergelten Gesicht vergraben.

„Warum saufen Sie?“ Das erwischte mich ohne Deckung. Ich sage: „Wieso glauben Sie, ich hätte die Wahl?“ „Das ist Quatsch.“ Ich war halb wütend. Noch nicht ganz hinüber, aber angeschlagen, fragte ich: „Wieso wollen Sie, dass ein …. Säufer … Ihnen hilft?“ Sie stand auf, sah mich genau an und sagte: „Mir wurde gesagt, Sie wären gut, weil Sie sonst nicht groß was vorhaben.“

Die große Stärke von Ken Bruen ist zweifellos der Dialog. Was sich die Figuren hier gegenseitig um die Ohren hauen, ist an Witz und Ideenreichtum kaum zu überbieten. Dazu kommt seine Sprache, die an seinen Landsmann Flann O’Brien erinnert (Der Obdachlose im Buch heißt tatsächlich König Sweeney), der, genau wie Bruen selbst, von Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt wurde. Und wer jemals eine Rowohlt-Übersetzung in den Händen hatte, der weiß auch, dass der ein eher ungewöhnlicher Vertreter seiner Zunft ist. Vielleicht ergibt gerade dieses Gemisch diese Art von Sprachfeuerwerk – das einzige Licht, das in der düsteren Geschichte, die Jack Taylor durchleiden muss, den dunklen Nachthimmel erhellt. Von Blackout zu Blackout.

Jack Taylor ist ein gebildeter Bursche. Sein Vater war bei der Eisenbahn, verbrachte aber darüber hinaus jede freie Minute mit Lesen. Eine Angewohnheit, die er seinen Sohn weitergab. Der Privatdetektiv äußert sich permanent zu Werken der Literatur, zitiert daraus, oder zeigt dem Leser seine kleine, aber feine DVD-Sammlung. Wenn irgendwo ein Lied läuft, das er mag, singt er schon mal lautstark mit. Sein Kumpel ist Maler, eine Freundin von ihm singt in einer Band. Als würde das nicht schon reichen, sind den Kapiteln noch allerhand Zitate aus Literatur, Film und Musik vorangestellt, die verdeutlichen: Der Autor lässt seine Figur so viel über Kultur referieren, weil er anscheinend selbst ein riesiges Mitteilungsbedürfnis bezüglich dieses Themas hat. Auf diese Weise teilt er ordentlich aus oder empfiehlt seinen Lesern seine Lieblingswerke. Mir soll es recht sein, ich freue mich über jede popkulturelle Referenz, die ich entdecken kann. Wenn man mal was übersieht, reicht hier oft ein Blick in den Anhang.

Die Nonne las Patricia Cornwell. Sie sah, wie ich einen Blick auf den Umschlag warf, und sagte: „Kathy Reichs ist mir lieber.“ Darauf gibt es keine Antwort. Zumindest keine höfliche.

Trotz des hohen Unterhaltungswerts ist „Jack Taylor fliegt raus“ ein sehr trauriges Buch. Jack hat in seiner Vergangenheit einiges vermasselt, nicht zuletzt wegen seines Alkoholkonsums. Er ist ein Pessimist, dessen Leben nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung funktioniert. Immer dann, wenn das Glück ihm mal gewogen zu sein scheint, macht er die sich ihm bietende Chance eigenständig zunichte – aus Angst, es könnte sowieso schief gehen. Ähnlich ist es mit seinen Mitmenschen. Die paar Freunde, die ihm geblieben sind, sind entweder sehr verständnisvoll und gutmütig, oder falsch. Seine Vermieterin möchte ihn vor die Tür setzen. Sein Saufkumpane sabotiert ihn, als er kurzzeitig mit dem Trinken aufhören möchte. Und die Menschen, die dazu bereit sind, sich mit ihm abzugeben, werden zunehmend weniger.

Gelang mir nicht, das famose Zeug zu einer Tüte zu bauen. Ging an den Küchenschrank, fand einen uralten Kirschmuffin. Kratzte die Eingeweide heraus. Erhitzte das Hasch in Alufolie, streute es dann großzügig ins Küchlein. Schob die Bescherung in die Mikrowelle und drückte auf Blitzkrieg.

Während andere Kriminalromane sich gerne mal das Alkoholiker-Klischee zu eigen machen, zeigt Ken Bruen hier mit schmerzhafter Direktheit die Folgen der Sucht auf. In bester Noir-Manier ist der Protagonist auf ewig in einem Kreislauf des Scheiterns gefangen, zwischen Barhocker, Tresen und Boden, zwischen Übelkeit, Erbrechen und dem Durst nach mehr. „Jack Taylor fliegt raus“ ist kein folkloristischer irischer Säuferroman, eher ein ausführliches Psychogramm, das jede romantische Verklärung zu diesem Thema ablehnt. Die Frage nach dem Warum wird im Auftakt der Serie nur vage beantwortet. An einer Stelle des Romans wird Jack danach gefragt. Er zieht ein Buch aus dem Regal und schlägt eine ganz bestimmte Seite auf. Die zurechtgelegte Antwort in Form eines weiteren Zitats.

Es ist immer dasselbe. Wenn man da rauskommt und sich umsieht, zuckt man vom Anblick der Wunden, die man Menschen beigebracht hat, denen man wichtig ist, stärker zusammen als bei denen, die man sich selbst zugefügt hat. Obwohl ich bar allen Bedauerns, bar aller Reue bin, was ich auch getan habe – falls es einen Winkel für diese Gefühle gibt, dann in der Nähe dieses Bewusstseins. Es sollte genügen, um einen von einer Rückkehr dort hinunter abzuhalten, genügt aber selten.

Anthony Lord, My War Gone By, I Miss It So.

“Jack Taylor fliegt raus” ist ein Schlag in die Magengrube. Ein verdammt gezielter. Doch wenn die Luft wieder in die Lungen zurückgekehrt ist, nachdem man atemlos die letzte Seite gelesen hat, will man unbedingt mehr. Ein Wunsch, dem man nur dann nachkommen sollte, wenn man sich der erdrückenden Melancholie von Ken Bruens Prosa gewachsen fühlt. Am besten bringt man sich zwischendurch einfach mal irgendwie zum Lachen, um den Glückshormon-Speicher wieder aufzufüllen.

„Jack Taylor fliegt raus“ von Ken Bruën ist bei dtv im Taschenbuch erschienen. Die gebundene Ausgabe erschien bei Atrium. Für die Übersetzung aus dem Englischen zeichnet sich Harry Rowohlt verantwortlich.

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2 Gedanken zu “Guinness und Galgenhumor

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