„Die Welt ist verrückter, als wir glauben“

millar true crime

© Atrium

In Amerika sollte Geschichte geschrieben werden, und ich war der Mann mit dem Füllfederhalter …

Dass die Autobiographie von Sam Millar hierzulande überhaupt erscheint, ist dem Atrium-Verlag hoch anzurechnen. Schon in seiner Heimat Nordirland war es schwer, überhaupt einen Verlag dafür zu zu finden. Als dann aber ein kleiner Verlag seine Lebenserzählung publizierte, wurde das Buch zum großen Erfolg. Zwischenzeitlich war sogar davon die Rede, Sam Millars Leben zu verfilmen. Aber daraus wurde am Ende doch nichts.

Wenig später [nach der Veröffentlichung] meldete sich Warner Brothers und erwarb die Filmrechte, machte aber sofort einen Rückzieher, als die Regierung Bush nach dem schrecklichen Anschlag vom 11. September mit der Begründung Druck ausübte, das Buch würde „den Terrorismus verherrlichen“. George W. Bush hatte, wie sich später herausstellte, das Buch gar nicht gelesen – vermutlich weil nur Worte darin vorkamen, keine Bilder.

True Crime“ beginnt, wie die meisten Biographien, mit der Kindheit des Autors. Der Leser erhält einen kurzen Einblick in das Umfeld, in dem Sam Millar aufwuchs, erfährt etwas über seine Familie, und bekommt eine Ahnung davon, wie aufgeladen die Stimmung in Nordirland schon lange vor den Massenprotesten gewesen war. Es ist die beispiellose Erzählung einer Radikalisierung. Ein Junge, der eigentlich am liebsten den ganzen Tag Comics lesen würde, wird zum politischen Aktivisten in einem erbitterten Bürgerkrieg. Sein erster Gefängnisaufenthalt wird nur kurz angeschnitten. Im Vergleich zu dem, was nur kurz nach seiner Freilassung passierte, war er wohl auch eine Lappalie.

[…] am 15. Oktober 1973, wurde mir die fragwürdige Ehre zuteil, als erster irischer Patriot in einem der berüchtigten Diplock-Verfahren verurteilt zu werden, bei denen es keine Geschworenen gab.

Es ist unglaublich, wie schonungslos Sam Millar über seine Aufenthalt in Irlands berüchtigstem Gefängnis erzählt. Seine Berichte über das Maze Prison sind für den Leser kaum zu ertragen. Es ist für uns schlicht schwer vorstellbar, dass etwas so menschenunwürdiges nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt, und auch noch in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in Europa möglich gewesen sein soll. Nicht nach dem Holocaust. Wer anfängt, Millars Schilderungen zu folgen, der kann sich unmöglich wieder davon abwenden. Ich glaube ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass der erste Teil dieses Buches das Eindrücklichste ist, was ich seit langer Zeit gelesen habe.

Hätte es sich um einen Film gehandelt und nicht um die Realität, hätten wir ihn vermutlich Apocalypse Now trifft Spartacus genannt. Leider wissen wir alle, wie es dem tapferen Spartakus ergangen ist …

Der Humor, den Sam Millar zu keiner Zeit wirklich verliert, ist die mächtigste Waffe die ihm zur Verfügung steht. Gegen jede Wahrscheinlichkeit verliert er ihn zu keiner Sekunde und behält dadurch nicht nur seinen Verstand, sondern hilft auch seinen Mitgefangenen dabei, nicht durchzudrehen. Im Buch finden sich viele Auszüge aus Interviews mit anderen Inhaftierten die ihm dafür danken. Nichts was die Wärter ihm antun kann seinen Willen brechen. Erst als der Hungerstreik beginnt, legt sich ein übermächtiger Schatten auf sein Gemüt. Er bekommt Schuldgefühle. Er, der acht Jahre lang für eine Sache einsitzt, wirft sich vor, dass er nicht noch einen Schritt weiter geht.

In der ‚Behaglichkeit‘ und Dunkelheit deiner Zelle bist du dir ständig dessen bewusst, dass nur wenige Schritte entfernt ein Mann langsam und qualvoll stirbt. Du hast so inbrünstig gebetet, dass du irgendwann an deinem Verstand zweifelst und schließlich die eigene Existenz infrage stellst: Warum bist du nicht im Hungerstreik und leidest wie alle anderen?

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit Millars Leben nach der Freilassung. Die Intensität, die „True Crime“ in der ersten Hälfte ausmacht, erreicht die Erzählung über einen der bis heute größten Raubüberfälle der US-Geschichte natürlich nicht. Zu gewaltig ist die Nachwirkung auf den Leser, als dass er sich einfach so auf eine „neue“ Geschichte einlassen kann. Aber der Autor lässt es langsam angehen. Er erzählt anfangs eine typische Auswanderergeschichte. Es geht um den neuen Job und das neue Umfeld. Aber wie wahrscheinlich ist ein „normales“ Leben, nach dem, was gewesen ist?

Brink’s Incorporated, 1895 gegründet, ist die älteste und größte Firma für gesicherte Transporte der Welt; hundertsechzig Filialen gibt es in den USA, vierzig in Kanada, dazu Zweigstellen in fünfzig Ländern rund um den Erdball. Die Firma konnte auf eine lange Geschichte zurückblicken, und ich wollte Teil dieser Geschichte werden.

Der Verlag wirbt explizit mit diesem Teil der Geschichte, das Buch ist im Original sogar danach benannt („On the Brinks“). Für mich ist das nicht ganz nachvollziehbar, aber das mag daran liegen, dass der Einschnitt, der zwischen der IRA-Vergangenheit und der Schilderung des Überfalls so hart ist, dass man es auch mit zwei Büchern zu tun haben könnte. Die schiere Tatsache, dass EIN Mensch das alles erlebt haben soll, wird fast zum Nachteil. Aber nur fast. Denn was Sam Millar hier bietet, ist ganz große Krimi-Unterhaltung: Am Anfang eine Mischung aus Scorseses „Casino“ und Elmore Leonard, im Gerichtssaal dann ein klassischer John Grisham.

Es gab keinen einzigen freien Platz mehr. Der Gerichtssaal war überfüllt. Der Presse hatte man ein Kontingent Sitzplätze zugeteilt, unsere Familien und Freunde drängten sich auf den verbliebenen Stühlen. Die restlichen blieben jener Sorte morbider Leute vorbehalten, die nichts im Leben haben, ausgenommen die Aussicht, dass jemand stirbt oder das Schicksal von Gestrauchelten ihnen ein perverses Vergnügen bringt. Dieselben Leute saßen nach der Französischen Revolution vermutlich mit ihrem Strickzeug vor der Guillotine.

Wenn mich in nächster Zeit jemand fragen wird, welches Buch er unbedingt lesen soll, werde ich ihm sagen: „True Crime“ von Sam Millar. Denn auch wenn ich nachvollziehen kann, dass seine Krimis aufgrund der expliziten Gewalt nicht jedermanns Sache sind – vor der realen Gewalt, die vor allem die erste Hälfte des Buches bestimmt, sollte man nicht die Augen verschließen. Der deutsche Titel passt übrigens meiner Meinung nach viel besser zum Buch. Während „On the Brinks“ den Fokus zu sehr auf den Raubüberfall legt, lässt sich „True Crime“ auf mehrere Arten deuten. Es geht in dem Buch in jeder Hinsicht um Verbrechen. Mal ist Sam Millar Opfer, mal ist er Täter. Die Menschheitsgeschichte in einer Nussschale. Lange hat mich nichts mehr so berührt.

Mehr über den Autor erfahrt ihr im ausführlichen Porträt.

„True Crime“ von Sam Millar ist bei Atrium als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Joachim Körber.

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9 Gedanken zu “„Die Welt ist verrückter, als wir glauben“

  1. Ja! Ja! Ja! Kann dir da nur aus vollstem Herzen zustimmen! Du triffst es ganz genau mit deiner Besprechung. Eigentlich brauche ich da gar keinen eigenen Text mehr zu schreiben, sondern nur auf dich verlinken. Aber ich setze mich trotzdem ran und versuche, dieses beeindruckende Gefühl, das nach dem Lesen bleibt in Worte zu fassen.

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    • Danke für die Blumen 🙂 Ich bin trotzdem auf deinen Text gespannt und hoffe einfach dass möglichst viele Menschen das Buch lesen. Da bisher noch niemand am Radio-Gewinnspiel teilgenommen hat, gibt es das Buch hier vielleicht bald zu gewinnen.

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