Freizeitklamotten statt Kampfmontur

mckinty katholische bulle

© Suhrkamp

Wer sein Buch nach einem Tom Waits Song benennt, der hat meine Sympathie. „Cold Cold Ground“ ist gemeint, der erste Band der Sean-Duffy-Reihe von Adrian McKinty. Hierzulande nennt sich das Buch „Der katholische Bulle“, was einerseits sehr gut passt, andererseits verdächtig nach einer alten Heimatkrimi-Serie mit Ottfried Fischer klingt. Von ländlicher Idylle ist gottseidank nicht viel zu spüren in diesem düsteren Meisterwerk.

Now don’t be a cry baby when tere’s wood in the shed,

There’s a bird in the chimney and a stone in my bed,

When the road’s washed out they pass the bottle around,

And wait in the arms of the cold cold ground.

– Tom Waits, Cold Cold Ground

Sean Duffy ist mittendrin im Geschehen. 1981 stirbt Bobby Sands, Abgeordneter im britischen Unterhaus, infolge eines kollektiven Hungerstreiks. Er sitzt zu dieser Zeit im berühmtesten Gefängnis Irlands: Den H-Blocks. Auf den Straßen ist der Teufel los. „Der katholische Bulle“ setzt ein, als der zweite Gefangene stirbt. Wieder gibt es Ausschreitungen, wenn auch nicht ganz so heftig wie beim ersten Mal. Auch in Carrickfergus, wo Sean Duffy seit kurzem stationiert ist, kommt es zu Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und Polizei, Katholiken und Protestanten. Was so nicht ganz stimmt, denn Sean Duffy ist Katholik. Das ist zu dieser Zeit in Nordirland eine kleine Sensation, denn die IRA hat auf Leute wie ihn ein ordentliches Kopfgeld ausgesetzt.

Die Stimmung in diesem Krimi ist von Beginn bis Ende sehr bedrückend. Nicht, weil der Autor zu expliziten Schilderungen von Gewalt neigt, sondern weil er mit seiner poetischen Sprache eine apokalyptische Welt heraufbeschwört, in der der Himmel von Rauch und Helikoptern verdunkelt wird. Kaum ein zeitgenössischer Krimiautor versteht es wie Adrian McKinty mit Worten umzugehen. Der virtuose Stil des Iren zieht einen vom ersten Satz an in seinen Bann.

Die Unruhen schufen nach einer Weile eine ganz eigene Ästhetik. Lichtbögen aus brennendem Benzin unter der Mondsichel. Purpurne Leuchtspurmunition in mystischen Parabeln. Die phosphoreszierenden Läufe der Gummischossgewehre. Ein entfernter Schrei wie von Männern unter Deck eines von Torpedos getroffenen Gefangenenschiffs. Das rote Zischen von Molotowcocktails, die auf glatte Oberflächen treffen. Überall Hubschrauber, deren Suchscheinwerfer sich wie Liebende im Jenseits begegnen.

Im Schatten der Ereignisse geschieht ein Mord. Was erst so aussieht, als hätte die IRA ein Exempel an einem Informanten statuiert, erweist sich auf den zweiten Blick als der mögliche Anfang einer Mordserie. Das Opfer war homosexuell, außerdem wurde ein Notenblatt bei der Leiche gefunden. Puccini. Es dauert nicht lange, da taucht eine zweite Leiche auf. Die Morde stehen ohne Frage in Verbindung. Nutzt da jemand die Unruhen, um ein grausames Spiel zu treiben? Fieberhaft versuchen Sean Duffy und seine Kollegen, in all dem Chaos ihre Arbeit zu machen. Leichter gesagt als getan.

Sean Duffy ist ein durch und durch sympathischer Typ. Er hat studiert, ist kultiviert und geht auch gerne mal mit Band-T-Shirt und Levi’s zum Einsatz. Natürlich nur, wenn das Che Guevara Shirt gerade in der Wäsche ist. Seine Lockerheit hat fast etwas von Leichtsinn. Jeden Tag muss er damit rechnen, auf offener Straße erschossen zu werden, vielleicht von seinen protestantischen Nachbarn, trotzdem fühlt er sich mit einem Maschinengewehr auf dem Wohnzimmertisch nicht wohl und würde es am liebsten auf dem Revier abgeben. Immerhin hat er sich angewöhnt, unter dem Auto nach einer Bombe zu sehen, bevor er sich ins Auto setzt und losfährt. Manch ein Leser wird sich nach der Lektüre dieses Buchs dabei erwischen, es ihm gleich zu tun. Und wenn es nur ein einziges Mal ist. Garantiert.

Ich stellte den Motor ab und hockte in meinem kleinen existenziellen Gefängnis, bevor ich ausstieg und das größere existenzielle Gefängnis Nordirland betrat.

„Der katholische Bulle“ ist im Kern ein klassischer Polizeiroman. Viel Zeit wird auf dem Revier oder bei Gesprächen mit Kollegen verbracht. Irgendwann weiß der Leser alles über den Alltag Duffys. Dass er beim Getränkeautomaten immer auf die Knöpfe für Schokomilch und Kaffee gleichzeitig drückt. Dass er zuhause am liebsten einfach nur Platten hört und einen Wodka Gimlet trinkt. Dass er ein bisschen in die Pathologin verliebt ist. Und, dass wir es hier mit einem einsamen Menschen zu tun haben, der sowohl von der Konfession, als auch vom Bildungsstand her nicht so recht in seine Umgebung passt. Die Figur wächst einem ans Herz, was sich gut trifft, da die Reihe auf mittlerweile vier Bände angelegt ist.

Adrian McKinty hat diese Hauptfigur nicht ohne Grund gewählt. Der katholische Bulle ist ein Präzedenzfall, beinahe ein Außenstehender im Nordirlandkonflikt, der irgendwie beiden Seiten angehört, auch wenn er sich für die eine entschieden hat. So wird es möglich, das Ganze aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten. Was mir bei einem Konflikt, der bis heute nachhallt, nicht die schlechteste Herangehensweise zu sein scheint. Wie gut, dass Anfang März sowohl der zweite Teil („Die Sirenen von Belfast“) als Taschenbuch, als auch der dritte Teil („Die verlorenen Schwestern“) im Premium-Paperback erscheinen. Ich kann es kaum erwarten.

„Der katholische Bulle“ von Adrian McKinty ist bei Suhrkamp im Taschenbuch erschienen, wie zuvor auch die gebundene Ausgabe. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Peter Torberg. 

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4 Gedanken zu “Freizeitklamotten statt Kampfmontur

  1. Pingback: Sendung vom 22.02.2015 | Der Schneemann

  2. Die stilistische Wortmagie von McKinty hat sich mir ja nach wie vor noch nicht so ganz erschlossen. Mich lassen seine Sätze leider immer noch kalt. Ich habe von ihm bis jetzt aber auch nur die beiden Teile der Duffy-Reihe gelesen. Er hat ja noch mehr geschrieben. Vielleicht sollte ich seinem Stil in einem anderen Buch begegnen. Du, Peter, Sonja … ihr alle schwärmt. Nur ich kann mit McKinty nichts anfangen, weil mich sein Stil einfach nicht in Bewegung bringt. Kann ja nicht angehen!

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    • Man muss ja nicht zwangsläufig etwas gut finden, nur weil viele es tun. Ich würde mich an deiner Stelle gar nicht groß weiter „bemühen“, sondern einfach zu anderen Büchern greifen. Es gibt so vieles da draußen, was vielleicht noch keiner entdeckt hat 😉

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  3. Pingback: An den Plattentellern: Sean Duffy, Carrickfergus RUC | Der Schneemann

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