Die Geister, die ich rief

neville schatten belfast

© Aufbau

Man denkt ja immer, man hat alles schon einmal gelesen. Dann gibt es aber Bücher, die, dieser Annahme zum Trotz, mit einem überraschend unverbrauchten Konzept aufwarten. So zum Beispiel „Die Schatten von Belfast“ von Stuart Neville. Dabei ist die Grundidee so simpel wie packend: Ex-IRA-Mitglied Gerry Fegan hat im Namen des Freiheitskampfes ein dutzend Mal gemordet – immer im Auftrag seiner Bosse. Jahre später suchen ihn Schuldgefühle heim, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine zwölf Opfer begleiten ihn in geisterhafter Form auf Schritt und Tritt. Als er dem Auftraggeber eines dieser Morde wiederbegegnet, tritt einer der Geister vor und hält dem Mann die Finger wie eine Knarre an den Kopf. Fegan dämmert, was das bedeuten könnte. Er macht sich auf, die restlichen Auftraggeber zu finden.

Er konnte sich noch an jeden Einzelnen erinnern, den er umgebracht hatte, aber es waren die Erinnerungen an die Zivilisten, die am lautesten gellten.

Stuart Neville hat sich Großes vorgenommen. Er möchte die IRA-Vergangenheit des Landes in der Gegenwart abbilden und dabei gleichzeitig einen Überblick über den Status Quo im heutigen Irland geben. Der Leser erhält eine Vielzahl von Informationen zu geschichtlichen Ereignissen und zum politischen Tagesgeschehen. Dabei fasst sich der Autor so kurz wie möglich und baut diese Sequenzen geschickt in die Handlung ein. Trotzdem, wenigstens minimales Vorwissen zum Nordirland-Konflikt sollte man schon mitbringen, sonst geht einem hier Einiges verloren. Die Mischung aus knallhartem, stringenten Handlungsverlauf und atmosphärischem Setting macht diesen Thriller aus, und erreicht Kopf, Herz und Nebenniere gleichermaßen.

Auf seiner Reise in die Vergangenheit trifft Fegan – logischerweise – viele alte Bekannte wieder. Er spricht mit ihnen, trinkt mit ihnen, ist sogar auf deren Beerdigungen. Umso mehr er mordet, umso stärker kommen die Erinnerungen zurück, als würde die Konfrontation mit seinen Taten die Mauern in seinem Kopf einreißen. Dann verliebt er sich ausgerechnet in die Cousine eines seiner Opfer: Marie McKenna. Eine Frau, die sich, im Gegensatz zum Rest ihrer Familie, von Anfang an gegen die Machenschaften der IRA ausgesprochen hatte, und seitdem mit allgegenwärtiger Verachtung klar kommen muss. Marie hat eine kleine Tochter, die Fegan sofort ins Herz schließt. Seine Motivation ändert sich: Er möchte die Sache nun nicht mehr einfach nur hinter sich bringen. Plötzlich gibt es eine Zukunft, die ihm lebenswert erscheint.

Die glauben wohl, dass die Stadt jetzt ihnen gehört, dachte Fegan. Und wenn der Friedensprozess bedeutete, dass sie ohne Angst ihren überteuerten Kaffee trinken konnten, hatte sie womöglich sogar recht. Eine junge Frau in Bürokleidung ging vor der Motorhaube des Jaguars vorbei, ein Mobiltelefon ans Ohr gepresst. Fegan fragte sich, ob sie wohl schon auf der Welt gewesen war, als man noch mit Schaufeln Leichenteile von der Straße gekratzt hatte.

Eine der beeindruckendsten Szenen in diesem Roman ist ein Straßenkampf. Die alten IRA-Veteranen stacheln die Jugendlichen von Belfast zu einer Auseinandersetzung mit der Polizei an, ungeachtet der brisanten politischen Lage. Diese sinnlose, instrumentalisierte Gewalt zu beobachten ist gleichermaßen faszinierend wie abstoßend. Faszinierend, mit wie viel Kalkül und Organisation die Drahtzieher hier vorgehen, abstoßend, wie sie die Naivität und Beeinflussbarkeit der Jugend ausnutzen, um Menschenleben auszulöschen. Einfach „um der alten Zeiten willen“. Trotzdem oder gerade deshalb wird einem hier ein, so denke ich, ziemlich authentisches Bild geliefert. Es ist eine Schlüsselszene, denn hier treffen Vergangenheit und Gegenwahrheit wahrhaftig aufeinander – mit einem heftigen Knall.

Gerry Fegan bleibt die ganze Zeit über zwiegespalten. Im inneren Wettstreit mit seinen Dämonen weigert er sich stellenweise weitere Menschen umzubringen. Dann möchte er die Waffe plötzlich am liebsten gegen sich selbst richten. Oder gleich abhauen, mit Marie und der Kleinen. Er mordet gegen Ende, als würde er sich wünschen, entdeckt zu werden. Wie ein Anti-Jesus zieht er durch Belfast, seine zwölf Geister-Jünger im Gepäck, und lässt Andere für seine Sünden sterben. Er will nicht weniger als die Geschichte auslöschen, ohne die Paradoxie, die dahintersteckt, zu bemerken. Ein bemitleidenswerter Charakter, dem wir eher traurig hinterher blicken, als uns wirklich mit ihm zu identifizieren.

Anderson schüttelte den Kopf. „Du bist ja wahnsinnig.“ „Ich weiß. Aber es wird von Tag zu Tag besser.“

„Die Schatten von Belfast“ ist toll konstruiert, wunderschön ausgestaltet und stellt unangenehme Fragen: Inwiefern tragen wir als Menschen Schuld an der Geschichte? Inwieweit stehen wir kommenden Generationen gegenüber in der Verantwortung? Es ist ein Politthriller, ein Rachethriller,eine Liebesgeschichte und ein Gesellschaftsroman. Irland, das Land der Feen, Kobolde und Irrlichter wird von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht. Männer nehmen Leben, während Frauen verzweifelt versuchen, es zu bewahren. Es ist diese Art von uralter Geschichte, die nie oft genug erzählt werden kann.

„Die Schatten von Belfast“ von Stuart Neville ist bei Aufbau im Taschenbuch erschienen. Die Gebundene Ausgabe erschien bei Rütten & Loening. Für die Übersetzung aus dem Englischen zeichnet sich Armin Gontermann verantwortlich.

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Ein Gedanke zu “Die Geister, die ich rief

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