Knochentrockene Kälte

Truc 40 Tage Nacht

© Droemer

Es war der großartigste Tag des Jahres, der Tag, der alle Hoffnung der Menschheit trug. Morgen würde die Sonne wiedergeboren.

Das Ende der Polarnacht ist gekommen. Langsam aber stetig wird es wieder heller in Lappland, dem dünn besiedelten Gebiet im Norden Europas, dass man hierzulande vor allem mit einem in Verbindung bringt: Kälte. Im Schutz des letzten dunklen Tages wird eine uralte Trommel aus dem Bestand eines Museums entwendet, die einst von den Sami, den Ureinwohnern Nordeuropas, angefertigt wurde. Ein Skandal! Die Trommel war nämlich nicht einfach nur ein wertvoller alter Gegenstand, sie war vor allem ein kulturelles Wahrzeichen, und die Sami fühlen sich angesichts des Diebstahls in ihrem Stolz verletzt. Es kommt zu Protesten und die Polizei wird von allen Seiten unter Druck gesetzt. Immerhin sind es nur noch ein paar Tage bis zu einer wichtigen UN-Konferenz zum Thema indigene Völker, auf der man sich auf keinen Fall blamieren möchte. Ergebnisse müssen her – und zwar schnell.

Olivier Truc ist Skandinavien-Korrespondent für die französische Zeitung „Le Monde“ und lebt in Stockholm. Er hat sich im Zuge seiner Arbeit mehrfach mit der Kultur der Sami beschäftigt und versucht mit „40 Tage Nacht“ die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums auf dieses Volk zu lenken, deren Lebensart er bedroht sieht. Ein ebenso nobles wie wahrscheinlich auch wohl kalkuliertes Anliegen, dass mich aber zugegebenermaßen erstmal abgeschreckt hat. Ich habe befürchtet, dass ich es hier mit einem zweckgebundenen Werk spröder Journalistenprosa zu tun habe, das oberlehrerhaft daherkommt und außer der (natürlich nicht zu verachtenden) Vermehrung von Wissen nicht viel an Mehrwert bietet. Was zum Glück größtenteils nicht zutrifft. Spröde ist dieser Krimi allerdings. Es braucht Zeit und Durchhaltevermögen, sich diese karge Literaturlandschaft zu erschließen.

Die Sami sind die letzten Ureinwohner Europas. Wie man mit ihnen umgeht und wie man ihre Kultur und ihre Geschichte behandelt, sagt viel aus über unseren Blick auf unsere eigene Geschichte.

Die Polizei kann die Ermittlungen nicht alleine stemmen und zieht die sogenannte „Rentierpolizei“ hinzu. Diese wurde nach dem zweiten Weltkrieg von den Sami, die traditionell Rentiere züchten, gegründet, als im ganzen Land Hungersnot herrschte. Sie wollten verhindern, dass die Norweger einfach in die Tundra kamen und ihre Rentiere stahlen. Der Rentierpolizist Klement, der in Lappland aufgewachsen ist, schließt sich zusammen mit seiner Kollegin Nina, die gerade in Oslo ihren Abschluss auf der Polizeischule gemacht hat, der Ermittlungseinheit an. Es dauert nicht lange bis der erste Schnee sich rot verfärbt. Ein Züchter wird ermordet. Ein ungewöhnlicher Mord: Dem Mann wurden beide Ohren abgetrennt – etwas, das sonst nur Rentierdiebe tun. Die Tiere tragen nämlich die Markierungen ihres Besitzers an den Ohren. Zufall?

Wer die Geduld besitzt, sich auf diese eher einfache, unspektakuläre Prosa einzulassen, die zudem eine sich sehr träge entwickelnde Geschichte erzählt, wird auf jeden Fall belohnt. Es ist eine Reise in eines der unwirtlichsten Gebiete Europas, in eine andere Welt. Jede Figur dieses Krimis ist hervorragend herausgearbeitet, alle gängigen Krimi-Klischees werden ohne größere Anstrengung umschifft. Die Menschen sind wortkarg und verschlossen, erst langsam und mit viel Zögern geben sie ihre Geheimnisse preis. Das Setting erinnert anfangs ein bisschen an Fargo. Der Fall übersteigt deutlich das, was die Polizei vor Ort gewohnt ist.

Klement ist ein schüchterner, bodenständiger Mann voller Geheimnisse, während Nina alles mit den Augen eines wissbegierigen Kindes betrachtet, dass sich zum ersten Mal in der Fremde aufhält. Sie ist ganz klar der Motor dieses ungleichen Teams. Aber auch die anderen Figuren sind spannend: Die Rentierzüchter, die zwischen Alkoholismus und alten Riten gefangen sind, die Nationalisten, die immer mehr Zuspruch in der Gesellschaft erhalten, sowie der spät ins Geschehen einsteigende Erzbösewicht, der ebenso abstoßend wie faszinierend ist. Der Autor bemüht sich, ein für die Gesamtbevölkerung repräsentatives Personal zusammenzustellen, was das Buch sowohl dynamisch als auch vielschichtig macht.

„Siehst du, Aslak, diese Berge respektieren einer den anderen. Keiner versucht höher aufzuragen als der andere, um ihn in den Schatten zu stellen oder ihn zu verdecken oder ihm vorzumachen, dass er selber schöner ist. Von hier aus kann man sie alle sehen Wenn du auf den Berg da drüben steigst, ist es dasselbe, du siehst alle anderen Bergen rundum.“ Noch nie hatte sein Großvater so viel auf einmal geredet. Seine Stimme war ruhig wie immer. Vielleicht ein bisschen traurig. „Die Menschen sollten es machen wie die Berge“

Was als ungewöhnlicher Provinzkrimi beginnt wird gegen Ende immer mehr zu einem Politthriller der Extraklasse. „Whodunit?“ („Wer hat es getan?“) ist nicht länger die Frage – sondern: Wer hat was getan? Es macht riesigen Spaß dem Autor dabei zuzuschauen, wie er die Fäden langsam aber sicher zusammenlaufen lässt und dabei eine haarsträubende, traurige Geschichte aufdeckt, die weit in die Vergangenheit des Landes hineinreicht. Was das angeht, kann sich ein Dan Brown eine riesengroße Scheibe von Olivier Truc abschneiden. Vergessen ist dann die Langsamkeit der Erzählung, die Seiten fliegen nur so dahin. Während die Tage immer länger werden, kommt auch immer mehr ans Licht. Eine Analogie, die den roten Faden für die Erzählung liefert.

„40 Tage Nacht“ ist nichts für jedermann. Es handelt sich um einen sehr atmosphärischen Krimi, der einen in eine völlig fremde Welt hineinzieht – aber nur, wenn man sich auch die Zeit nimmt, diese beschwerliche Reise anzutreten. Ich selbst war mehrmals kurz davor aufzugeben, aber wenn man sich vor Augen führt, dass (sofern man dem Erzähler glauben mag) die Einwohner Zentrallapplands teilweise an die 200km für eine Packung Zigaretten zurücklegen, dann kann man ja wohl auch ein paar Seiten Ereignislosigkeit ertragen. Es ist eine Geschichte über Tradition und Moderne und die Grausamkeit unserer Zivilisation, ein Appell an die Menschlichkeit und gegen das Vergessen. Am Ende ist kein Wort überflüssig.

„40 Tage Nacht“ von Olivier Truc ist bei Droemer als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Elsbeth Ranke.

Advertisements

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s