Der Mensch als Produkt seiner Umgebung

Sallis Langbeinige Fliege

© Dumont

Lew Griffin findet Leute. Das kann er einfach. Immer wieder kommen Menschen zu ihm, und bitten ihn darum, vermisste Angehörige oder Bekannte aufzutreiben. Und das tut er auch, immer. Instinktiv bewegt er sich durch die „dampfenden Nächte von New Orleans“ und stößt an jeder Ecke auf Hinweise. Er liest diese Stadt wie ein Buch, sieht Zeichen an den Wänden und Spuren auf den Straßen, die dem Rest der Welt verborgen bleiben. Sie alle kennen seinen Namen, flüstern ihn in den engen Pubs oder an den Verkaufsständen, wie ein schlechtes Omen. Leg dich nicht mit ihm an, heißt es, er hat sie nicht mehr alle. Und in einer Welt, in der selbst die unvorstellbarsten Dinge normal geworden sind, ist der Verrückte eine unberechenbare Größe.

Schon komisch, dass sich der eine mitten in einem Minenfeld aufhalten, über Leichen steigen kann, und überhaupt nicht wahrnimmt, was um ihn vorgeht, während ein anderer zum Laden an der Ecke geht, Brot kaufen will, und hunderterlei abstruse Sachen sieht, Schattengestalten, die in einem Hauseingang lungern, Licht das aus einem verlassenen Gebäude dringt, alles mögliche.

„Die langbeinige Fliege“ ist der Auftakt der Lew-Griffin-Reihe von James Sallis. Der Autor ist den meisten Menschen wahrscheinlich seit „Drive“ ein Begriff (bei uns als „Driver“ bei Liebeskind erschienen), dem Roman der die Vorlage für den gleichnamigen Film von Nicolas Winding Refn lieferte. Er ist ein Meister des Minimalismus. Seine Geschichten spielen sich immer in einem kleinen Rahmen ab, sind immer auf einige wenige Figuren reduziert, deren Schicksal im Gefüge der Welt nur eine unbedeutende Rolle spielt. Statt der großen Geste, dem alles umfassenden Komplott gibt es bei Sallis vor allem eines zu entdecken: Den Menschen als fühlendes Wesen. In all seiner Hilflosigkeit.

„Das ist vielleicht eine beschissene Welt. Und wir können bestenfalls die Scheiße eine Zeitlang von der einen in die andere Ecke schaufeln.“

Der Roman ist in vier Abschnitte aufgeteilt, die jeweils eine bestimmte Episode aus dem Leben des Lew Griffin erzählen. Diese Episoden spielen in den Jahren 1964, 1970, 1984 und 1990. Eine große Zeitspanne. Trotzdem gibt es auf den ersten Blick keine Geschichte, die diese Kapitel miteinander verbindet. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Griffin hangelt sich von Fall zu Fall, kommt irgendwie durch, hat mal mehr und mal weniger Erfolg. Er liebt unterschiedliche Frauen, hat unterschiedliche Zukunftsaussichten und unterschiedliche Pläne. Wir sehen ihm dabei zu, wie er so vor sich hin lebt, wie er nach und nach altert. Mit ihm verändert sich auch die Stadt, sie ist untrennbar mit seinem Schicksal verbunden. Lew Griffin IST New Orleans. Ein intellektueller Schwarzer, der sich weit unter seinen Möglichkeiten von Tag zu Tag hangelt und das Leid, dass ihn umgibt in gelegentlichen Saufeskapaden ertränkt.

Ob er nach einer verschollenen schwarzen Bürger- und Frauenrechtlerin sucht, oder einfach nur nach einem jungen Mädchen, das von zuhause abgehauen ist – er versucht die Geschichten, die sich hinter den Aufträgen verbergen, immer weniger an sich ran zu lassen. Was ihm nicht so recht gelingen will. Lew Griffin ist ein von Wut und Hass zerfressener Moralist und Zyniker, der moralisch ambivalent fühlt und sehr impulsiv handelt, wenn er das Unrecht der Welt nicht länger erträgt. Sein Talent, die Verlorenen dieser Stadt wieder zutage zu fördern, ist gleichzeitig ein Fluch. Mit jedem, den er rettet, scheint er ein Stück von sich selbst zu verlieren.

Letzten Endes, nehme ich an, lief es in etwa auf das gleiche raus wie bei uns allen – wir stoppeln unser Leben aus Stückwerk zusammen, hier ein Zitat aus einem Buch, dort ein Songtitel oder eine Textzeile, ein Spruch von jemand, den wir mal kannten, dazu allerlei Filmausschnitte, machen uns ein Bild von uns und gestalten unser Leben dementsprechend, suchen uns dann was Neues und danach wieder was, wurschteln uns durch, improvisieren Tag für Tag, Jahr um Jahr, ein ganzes sogenanntes Leben lang.

Es ist ein kleines Buch, voll mit Sätzen, die sich ohne Umweg direkt ins Herz bohren. Sätze von einer lyrischen Musikalität, die nur ein Lyriker und Musiker wie Sallis zustande bringt. Er bringt Philip Marlowe den Blues bei, gibt ihm Gedichte zu lesen, lässt ihn Geschichtsunterricht nehmen. Heraus kommt Lew Griffin, ein ermittelnder Philosoph, der durch New Orleans irrlichtert wie ein fleischgewordenes Achselzucken. Was er wirklich vom Leben erwartet ist dem Leser ebenso unklar, wie ihm selbst. Er lässt einfach alles geschehen.

Die Stadt ist ein Pfuhl der Verdammnis, eine apokalyptische Ruine, in der die Menschlichkeit längst keinen Platz mehr hat. Beiläufig passieren hier die grausamsten Dinge, am Rand der Wahrnehmung des Lesers. New Orleans zieht die Menschen magisch an, und spuckt ihre Seelen völlig zerkaut wieder aus. Eine aus Straßen und Häusern bestehende Gottesanbeterin. Die Last, alleine gegen all das ankämpfen zu wollen, nagt auf jeder Seite an dem Protagonisten. Man kann ihm nicht wirklich übel nehmen, dass er am liebsten einfach aufgeben würde. Aber das Dilemma des denkenden und fühlenden Menschen ist es, dass er auch in den dunkelsten Zeiten noch den Glauben an das Gute behält. Und sei er irgendwo im tiefsten Inneren vergraben.

Dann war es vorbei, und ich stand allein da, am Arsch von Amerika.

„Die langbeinige Fliege“ von James Sallis ist bei Dumont im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Georg Schmidt.

weiter Bücher aus dem Leseprojekt: Dumont Noir

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