An den Plattentellern: Sean Duffy, Carrickfergus RUC

mckinty sirenen von belfast

© Suhrkamp

Es ist immer schwierig, den zweiten Teil einer Krimireihe zu besprechen. Normalerweise ändert sich nämlich nicht viel, außer dass die Qualität von Band zu Band vielleicht ein bisschen schwankt. Auch beim zweiten Sean Duffy Roman von Adrian McKinty ist das so. „Die Sirenen von Belfast“ (Im Original: I Hear the Sirens in the Street) ist erstklassige Unterhaltung und basiert auf dem gleichen Rezept wie schon „Der katholische Bulle„. Duffy soll den Mord an einem Mann aufklären, dessen Torso in einem Reisekoffer verpackt aufgefunden wird. Mal wieder versucht Gott und die Welt ihn davon abzuhalten, etwas über den Tathergang in Erfahrung zu bringen. Dazu kommen noch witzigere Dialoge als im ersten Teil und natürlich extrem viel Atmosphäre. Ganz klare Kaufempfehlung, auch für Leute, die den Vorgänger nicht kennen.

Adrian McKinty gelingt es wie sonst keinem, den Leser vollständig in das Irland der 80er-Jahre zu versetzen. Und das nicht nur, weil sein Protagonist diesmal Mr. DeLorean höchstpersönlich trifft. Nein, er appelliert einerseits an unser Markengedächtnis und greift andererseits zu einem noch wirkungsvolleren Mittel: Der Musik. Sean Duffy hört sie überall, mal gezielt und mal unfreiwillig. Er ist ein Kenner. Da ich mich ebenfalls als leidenschaftlichen Musikfreak bezeichnen würde, habe ich nach ein paar Seiten damit begonnen, jede Platte und jeden Song zu markieren, die im Laufe des Krimis gespielt werden. Doppelnennungen habe ich versucht zu vermeiden, ebenso wie ich die bloße Erwähnung von Künstlern/Songs oder eine Anspielung in einer Kapitelüberschrift großzügig unter den Tisch fallen ließ. Auch Duffys heißgeliebte Bandshirts habe ich nicht ausgewertet (Er trägt diesmal glaube ich „Ramones“ und „Thin Lizzy“). Herausgekommen ist trotzdem ein abendfüllendes Mixtape, versehen mit Texten aus dem Buch. Zum Nachhören, zum Zeitreisen, oder um einfach nur einen Einblick in die Welt von Sean Duffy zu erhalten:

Now I lay me down to sleep,
I hear the sirens in the street,
All my dreams are made of chrome,
I have no way to get back home.

Ich ging die Liste durch und fand das Richtige: „Aquarium“ aus dem Karneval der Tiere von Camillie Saint-Saëns. Ein merkwürdiges Stück, das beim Publikum beliebt war, aber nicht unter Musikern.

Aus den Außenlautsprechern des Supermarkts sang Paul Weller in seinem näselnden Bariton gerade die ersten Take von „A Town Called Malice“, einem Song, der wie ich zugeben musste, geradezu deprimierend passend war.

Schnitt: Krankenhaus. Glattgeschrubbte Oberflächen. Gedämpfte Stimmen. Ein chemischer Geruch aus Putzmitteln und Teppichreiniger. Aus den Lautsprechern tropfte Django Reinhardts „Tears“

Ich nickte ihr kurz zu, als ich aus dem Büro trat, und schlug die Tür ein wenig zu laut zu. Meinen Abgang begleitete „Heart of Glass“ von Blondie, das von der Rezeption herüberdrang.

Ich mixte mir einen Wodka Gimlet in einem Pintglas, setzte irgendeine Dosensuppe auf und wählte mit erheblich größerer Sorgfalt eine Reihe von Schallplatten aus, die mich durch den Abend bringen sollten: Unknown Pleasures von Joy Division, Bryter Layter von Nick Drake und Neil Youngs After The Goldrush. Ja, ich war in der Art von Stimmung.



Typisch für die Wetterlage in Ulster, peitschte nun ein harter, waagerechter Regen gegen die Küchenfenster, also stelle ich den Plattenspieler auf 78 rpm und zog nach einigem Stöbern „Into Each Life Some Rain Must Fall“ von The Ink Spots und Ella Fitzgerald aus dem Regal.

Ich stellte das Radio an und hörte während der kurzen Fahrt aufs Revier Brian Eno. Ich war kein großer Freund von Eno, aber die einzige Alternative waren Nachrichten, und die konnte ich mir nun wirklich nicht anhören.

Ich schon eine New-Order-Kassette in den Rekorder. Auch die waren jetzt schon discohaft geworden, aber es war nicht ganz so schlimm wie befürchtet.

Radio One hatte entschieden, uns durch eine Endlosschleife von „Making Up Your Mind“ zu foltern, wohl um den letztjährigen Sieg im Eurovision Song Contest zu feiern. Selbst Matty konnte das nicht ertragen, und nach dem wir erfolglos nach einem anderen Sender gesucht hatten, kramten wir im Handschuhfach des Rover herum und stießen auf Joan Armatradings Walk Under Ladders.


Ich lud die beiden Jungs zum Mittagessen im Pub ein. Steak & Kidney Pie, dazu ein Pint von dem schwarzen Gesöff; nach dem Essen ging ich in mein Büro, legte Benny Brittens „Curlew River“ auf und las die Interpol-Akten zu den Abrinmorden […]

Ich hatte noch gut acht Millimeter übrig, aber ich warf den Joint weg, ging ins Haus und legte Hunky Dory auf. Hunky Dory wich Joan Armatrading wich Dusty in Memphis.



Ich zündete mir selbst eine Marlboro an, legte The Undertones auf, duschte, aß Cornflakes mit heißer Milch, zog Hemd und Jeans an und ging hinaus.

Ich nahm einen Schluck von dem erstaunlich guten Kaffee und biss ein Stück Keks ab. Von irgendwoher vernahm ich leise Musik von Aaron Copland.

Coronation Road 115. Ich lege For Your Pleasure von Roxy Music auf. Dann brate ich mir Speck und Zwiebeln.

Bei der BBC konnte man sicher sein, dass sie ganz pünktlich waren. Und tatsächlich waren um 7.06 Uhr das Morgengespräch und die Nachrichten vorüber, und Blondies „Hanging on the Telephone“ riss mich aus dem Schlaf.

Ich war nicht in der Stimmung für weitere Hiobsbotschaften, also schaltete ich Radio Three ein und ließ zehn Minuten lang Brahms über mich ergehen, bis ich wieder ausschaltete und nichts anderem lauschte als den Zylindern der Maschine, die ihrer effizienten Arbeit nachgingen.

Wir schwatzten ein wenig; auf Radio One lief „Ebony and Ivory“, ein neuer Song von Paul McCartney und Stevie Wonder. Der Frühstücksmoderator Mike Read spielte ihn zwei Mal hintereinander, was ziemlich kaltblütig von ihm war, denn das war ja nun bislang der schlimmste Song des Jahrzehnts, vielleicht des ganzen Jahrhunderts.

Ich mixte mir noch einen Wodka Gimlet, dimmte das Licht und legte Wish You Were Here von Pink Floyd auf. Ich senkte den Tonarm bei „Shine On You Crazy Diamond ab“ – der Song über Syd Barrets Nervenzusammenbruch – und schaltete auf Wiedderholung.

[…] ich schob Led Zeppelin in die Anlage. Die guten alten Zep. LZ III. Wir donnerten durch die Einbahnstraßen und scheuchten die Zivilisten auf […]

Ich legte Nick Drake auf, Gloria schaute sich Nicks traurige Augen auf dem Cover an. ‚Erst mach ich sie gefügig mit Nicky D. und Marvin Gaye, dann geht’s ans Eingemachte mit Velvet Underground…‘



„Was um alles in der Welt ist das für Musik?“, frage sie.
„Plastic Bertrand.“
„Wer ist das?“
„Ein Belgier, New Wave.“
„Was ist New Wave?“
„Himmel, ich mein, ihr habt schon das Rad hier bei euch, oder? Und Feuer?“

Auf dem stirnseitigen Graffiti stand „God Save the Queen“ und „Hier gibt’s keinen Papst“, aber an diesem besonderen Aprilabend gehörte die Coronation Road weder Queen noch Papst, sondern einem jüdischen Mädchen aus Brooklyn namens Barbara Streisand. Memories, das aktuelle Nr.-1-Album im Königreich, wehte aus mehreren schmalbrüstigen Hi-Fi-Lautsprechern, die beinahe allesamt den Titelsong wiederholten, nur ein einziger bevorzugte Streisands melancholisches Duett mit Neil Diamond: „You Don’t Bring Me Flowers“.

Der Tee wurde kalt. Ich legte Bitches Brew von Miles Davis auf, das Album, bei dem er wie ein Preisboxer hatte trainieren müssen, um die Töne so hinzubiegen und die Rockriffs an den Jazz scheißen zu können.

Wir gingen ins Wohnzimmer. Ich kochte Tee und legte Allessandro Scarlatti auf, um meine Nerven zu beruhigen.

Ich ging in mein Haus, 113 Coronation Road, suchte in meinen Platten herum und legte „Hellhound On My Trail“ von Robert Johnson auf. Ich riss mir die Uniform vom Leib und schleuderte den Orden gegen die Wand. Er prallte ab und landete beinahe auf dem Plattenspieler.

Wem das noch nicht reicht, der findet hier noch ein Rezept für Duffys geliebten Wodka Gimlet. Also ran ans Buch, ich versuche derweil auf das Taschenbuch zum dritten Teil zu warten. Was mir wahrscheinlich nicht gelingen wird.

„Die Sirenen von Belfast“ ist gerade bei Suhrkamp im Taschenbuch erschienen, wo zuvor auch die Hardcover-Ausgabe erschien. Für die Übersetzung aus dem Englischen zeichnet sich Peter Torberg verantwortlich. 

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6 Gedanken zu “An den Plattentellern: Sean Duffy, Carrickfergus RUC

  1. Ein sehr schöner Beitrag – und ich habe auch eine gute Nachricht: Der dritte Teil ist direkt als Taschenbuch erschienen, also musst Du gar nicht warten. 🙂 Und abgesehen davon fand ich den dritten Teil auch besser als den zweiten Teil, dessen Plot doch arg schwach war.

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    • Jein. Als Buchhändler bin ich da vielleicht ein wenig pingelig, aber für mich ist das eine Broschur bzw. ein Premium-Paperback. Manchmal kommt der Sammler in mir durch, der möchte, dass die Bücher einer Reihe optisch zusammen passen. Dann kommen aber Verlage mit seltsamer Veröffentlichungspolitik um die Ecke (z.B. bei der Payback-Trilogie von Nicol) und der Wunsch ist dahin. Vielleicht ärgern sich gerade auch die Hardcover-Besitzer der ersten zwei Duffy-Romane. Ich werde jedenfalls versuchen, aufs Taschenbuch zu warten. Alternativ, vor allem angesichts deines Lobs von Duffy Nr. 3, kaufe ich mir die jetzige Ausgabe und verlose sie anschließend, um vor mir selbst zu rechtfertigen, dass ich irgendwann noch das Taschenbuch kaufen muss. Mein Kopf ist gelegentlich ein anstrengender Ort 😉

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      • Seit Piper bei Steinfest zwischen Broschur, TB und verschiedenen Cover-Gestaltungen gewechselt hat und bei Dahl zwischendurch zum Hardcover überging, habe ich solche Ambitionen aufgegeben. 😉

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  2. Eine sehr feine Idee, diese ganzen Songs zu sammeln. Ich war beim Lesen auch immer versucht, mir diese Songs anzuhören, habe es dann aber doch nicht getan. Danke für die Sammlung! (Mir wurde heute Band drei geliefert…)

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  3. Kompliment. Ich höre mir die Songs gerade der Reihe nach an. Einige echte Perlen dabei, die ich noch nicht kannte. Ich werde wohl auch noch mal auf Sean Duffy zurückkommen.

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