Mord in der Stadt der Hoffnung

carter prime cut

© Nautilus

Das Buch beginnt mit einer Rückblende. Wir schreiben den 5. Mai 1973, der Ort des Geschehens ist Sunderland, England. Tausende sitzen gebannt vor den Fernsehgeräten, als Ian Porterfield ihren geliebten AFC in der 31. Spielminute in Führung bringt. Die gegnerische Fußballmannschaft aus Leeds erholt sich nicht mehr davon. Sunderland gewinnt den FA Cup, die Stimmung ist gelöst, überall auf den Straßen feiern die Menschen. In diesem Trubel tötet ein Mann unbemerkt seine Frau und das gemeinsame Kind. Beide haben eine Wunde am Kopf, die durch einen stumpfen Gegenstand verursacht wurde. Die Todesursache. Wieso hat der Ehemann sie also zusätzlich noch starken Stromschlägen ausgesetzt? Der zuständige Polizeibeamte, Stuart Miller, ist sprachlos angesichts dieser Tat.

Zeitsprung. Hopetoun, Australien. Am Strand wird eine Leiche angespült. Kopflos. Von Haien zerfetzt. Philip „Cato“ Kwong, einst ein vielversprechender Ermittler, dessen Gesicht von Plakatwänden auf potentielle Rekruten herablächelte, wird von seinem alten Chef zu dem Fall hinzugezogen. Eine Chance, sich aus dem Abseits heraus zu befördern. Liebend gern lässt er seine Arbeit beim Viehdezernat für ein paar Tage hinter sich. Kühen die Köpfe abzusägen und mit Viehzüchtern belanglose Gespräche zu führen waren ohnehin nie seine Lieblingstätigkeiten gewesen. Was er jedoch nicht ahnt: Er hat es nicht nur mit einem äußerst schwierigen Fall zu tun, er muss auch noch mit seiner Ex-Freundin Tess zusammenarbeiten. Die hatte er damals aus heiterem Himmel sitzen lassen, ohne ihr einen Grund dafür zu nennen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen.

Was tun Sie denn, wenn Sie einer verdächtigen Kuh begegnen? Abführen auf die Wache? Und dann weichklopfen und im eigenen Saft schmoren lassen? Oder machen Sie gleich Hackfleisch aus dem Tier?

Cato Kwong ist ein ungewöhnlicher Ermittler. Ich bin schon vielen Protagonisten begegnet, die nicht gerade der Gattung „weißer Ritter in scheinender Rüstung“ angehörten, aber so offen korrupt wie der Australier mit chinesischen Wurzeln war bisher selten einer. Der Leser erfährt nämlich schon relativ früh, dass Cato für seinen damaligen Boss ein paar Zeugenaussagen manipuliert hat, um einen Fall möglichst schnell zu den Akten legen zu können. Und natürlich um selbst gut dazustehen. Dumm nur, dass er der einzige im ganzen Team war, dem man das am Ende nachweisen konnte. Dass er den Kopf hinhalten musste wurmt ihn noch immer. Mit der Schuldfrage setzt er sich dagegen eher weniger auseinander. Er badet lieber im Selbstmitleid. Warum ich? Der Quotenmigrant der australischen Polizei ist plötzlich eine persona non grata.

Der Fall an sich dümpelt erst einmal so vor sich hin. Es liegt zwar nahe, dass die beiden Erzählstränge, der Mord in England und die Leiche in Australien, irgendwann zusammengeführt werden, aber es ist nicht erkennbar, wie das funktionieren soll. Alan Carter widmet sich einen Großteil der ersten Hälfte von „Prime Cut“ seinen Figuren. Da haben wir Cato, den geschiedenen Familienvater, die gescheiterte Existenz, den Mann, der nicht wirklich Prinzipien zu haben scheint. Da haben wir Tess, seine Ex, die in der unmittelbaren Vergangenheit irgendetwas Schlimmes erlebt haben muss, und in der Gegenwart den Draht zu ihrer Teenager-Tochter zu verlieren droht. Dazu gesellen sich ein Hinterwäldler vom Viehdezernat, ein geltungsbedürftiger Boss, eine hübsche, junge Kollegin mit Ambitionen und jede Menge Gestalten aus der Halbwelt von Hopetoun.

Sechs senkrecht, neun Buchstaben: Nimmt dir ungeplant den Atem. Cato nickte, ließ den Kuli klicken und setzte die Antwort ein: Totschlag.

Hopetoun, wird an einer Stelle im Buch mit Gotham City verglichen. Die örtliche Wirtschaft boomt, aber mit dem Boom wächst auch die Kriminalität. Die Einheimischen schieben die Schuld auf die Ausländer, die wegen dem Arbeitskräftemangel in die Betriebe strömen. Dabei sollte mittlerweile eigentlich jedem klar sein, dass die einfachste Erklärung meistens nicht die zutreffende ist. Denn unter der Oberfläche des kleinen Städtchens, in dem man durchaus gerne mal Urlaub machen möchte, ziehen nicht die Einwanderer, sondern habgierige Australier die Fäden. Alan Carter erzählt eine Geschichte, die von der gleichen Hoffnung geprägt ist, die etliche Brösianer jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit begleitet: Die Hoffnung daran, dass der kapitalistische Wachstum unendlich weitergehen könnte.

Dieser Krimi ist handwerklich gut gemacht, braucht aber ein bisschen zu lange um wirklich in Fahrt zu kommen. Der Protagonist überzeugt noch nicht ganz, er gefällt sich zu sehr in seinem Selbstmitleid, als dass man sich wirklich mit ihm identifizieren möchte. Seine Partnerin, Tess, , die ihm immer noch übel nimmt, dass er sie damals verlassen hat, stiehlt ihm lässig die Show – und das nicht nur, weil sie ihm zur Freude des Lesers mal so richtig den Kopf wäscht. Ebenso wirkt die Stadt Hopetoun eher wie eine Skizze. Man vermisst ein bisschen das Beschreibende in Carters Prosa, die atmosphärische Ausgestaltung.Trotzdem, Cato Kwong hat Potential, man möchte wissen, wie sich sein Leben weiterentwickelt.

„[…] Der Tod? Gehört mit zum ewigen Kreislauf des Lebens, hat jemand mal gesagt, glaube ich.“ „Simba“, sagte Jim Buckley. „Was?“ Cato und Yelland drehten sich beide zu ihm um. „Der König der Löwen“, erklärte er selbstbewusst.

Auch wenn „Prime Cut“ noch nicht der ganz große Wurf ist, unterhält dieser Krimi durch seine glaubwürdigen Charaktere und deren Beziehungen zueinander die meiste Zeit so gut, dass man bis zum spannenden Finale dran bleibt, bei dem der Autor noch mal ordentlich aufs Gas tritt. Der Kriminalfall, der hier untersucht wird, bleibt dagegen viel zu lange viel zu unklar, was der Spannung nicht gerade zuträglich ist. Ein paar mehr Brotkrumen hinwerfen beim nächsten Mal, nicht dass der Leser auf halber Strecke verhungert. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur zu viele herausragende Krimis gelesen in letzter Zeit, um das Buch wirklich würdigen zu können. Lesenswert ist es nämlich allemal. Wenn es Alan Carter in Band Zwei gelingt, den Schwung, mit dem er seinen Erstling beendet, mitzunehmen, bin ich gerne wieder dabei.

„Prime Cut“ von Alan Carter ist gerade bei Nautilus als Premium Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Australischen stammt von Sabine Schulte.

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