Wenn Sternschnuppen zu Raketen werden

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© Heyne

Thomas Wörtche hat einmal gesagt, er habe sich der Kriminalliteratur zugewendet, weil sie tatsächlich noch etwas über und aus der Welt erzählt, in der wir leben. Dass das auch heute noch so ist, beweist die Berliner Schriftstellerin Zoë Beck mit ihrem neuen Roman „Schwarzblende“. Es geht darin um den „Islamischen Staat“, die Angst vor dem Terrorismus und die mediale Inszenierung eines Konflikts, der seit geraumer Zeit die geopolitische Agenda bestimmt. Ein heikles Thema. Kann man dem überhaupt auf 400 Seiten gerecht werden?

Niemand lief mit einer Machete durch London. Abgesehen von den beiden Männern, die gerade an ihm vorbeigingen.

Der Anfang ist surreal. Niall, ein Kameramann, begutachtet gerade einen Drehort für eine Doku über Londons unterirdische Flüsse, als er zwei Gestalten mit Waffen erblickt, die am hellichten Tag ganz entspannt durch die Stadt spazieren. Logisch also, dass das Spielzeugwaffen sein müssen. Er folgt den beiden, weil er neugierig ist, wohin sie wohl damit möchten. Vielleicht zu einem Rollenspiel im Park? Ein ungutes Gefühl bleibt, aber er käme sich albern vor, die Polizei wegen Nichts anzurufen. Erst als die Zwei einen Passanten angreifen, wird ihm klar, wie fahrlässig er gehandelt hat. Zu spät. Mit dem Handy in der Hand filmt er einen Mord, und gerät damit in eine Geschichte hinein, für die das Wort „Verschwörung“ noch ein Euphemismus ist.

Er hatte schon andere Raubtiere vor der Kamera gehabt und sie beim Töten gefilmt, aber keines war ihm so nah gekommen.

Ich hätte das Buch beinahe nach den ersten Kapiteln zur Seite gelegt, um mich an den neuen James Ellroy zu machen. Niall wird direkt nach der Tat verhaftet und in ein geheimes Hochsicherheitsgefängnis gebracht, wo man ihn aufs Übelste foltert. Diese Passage fällt qualitativ weit hinter dem Rest von Zoë Becks sonst tadellosen Krimi zurück. Es gelingt ihr nicht wirklich, die bedrückende Atmosphäre dieser engen Zelle, die Ungewissheit und die Angst, die ein Mensch in solch einer Situation verspüren muss, in eigene Bilder zu übersetzen – sie bemüht ein paar Mal Guantanamo und erzielt damit eine ähnliche Wirkung. Unerträglich ist allerdings, was der Protagonist sich so denkt, während er in der Dunkelheit vor sich hin schmort. Seine „Erkenntnisse“ über das Thema Religion lesen sich wie ein Schulaufsatz der 10. Klasse zu Lessings „Nathan der Weise“. Das passt weder zur Figur, noch zum Niveau, auf dem auf den verbleibenden Seiten diskutiert wird. Unterkomplex und unnötig.

Niall wird über Nacht berühmt, kommt frei und wird ins Rampenlicht gezerrt. Nach dieser eher negativen Erfahrung beschließt er, wenn auch nach einigem Hin und Her, einen Film über die beiden Attentäter zu machen. Zusammen mit einem kleinen Team zieht er los, um mit Angehörigen zu sprechen und aussagekräftige Bilder zu sammeln. Was für Menschen waren diese zwei Männer? Warum haben sie sich einer Terrororganisation angeschlossen, die weit weg von ihrer eigentlichen Heimat operiert? Niall hofft, auch mit den Attentätern ins Gespräch zu kommen. Aber das ist gar nicht so leicht, denn wenn es um den Schutz des eigenen Landes geht, kennt die Regierung ein Wort wie „Menschrechte“ plötzlich nicht mehr. Nebenher werden natürlich auch allerhand Figuren eingeführt, Privatprobleme behandelt und Zweifel geäußert. Da sich bei Zoë Beck hinter jeder Seite eine überraschende Wendung verbergen kann, möchte ich darüber aber nichts verraten.

„[…] Passen sie auf sich auf. Das sind Verrückte.“ „Meinen sie die von der Presse oder die Dschihadisten?“ „Sowohl als auch.“

Ich war sehr  skeptisch, ob jemandem das Kunststück gelingt, dieses sensible Thema einigermaßen „verlustfrei“ in eine spannende Krimihandlung einzubetten. Zoë Beck ist es gelungen. Und noch viel mehr. Sie schafft es nicht nur, nahezu sämtliche Positionen zu diesem Thema in ihrem Buch zu versammeln, sie gibt auch noch einen detaillierten, mit Hintergrundinformationen unterfütterten Abriss der Entwicklung des IS vom lokalen Phänomen zur globalen Gefahr. Sie vermeidet gekonnt schablonenhafte Figuren, simple Lösungsansätze und dümmliche Plattitüden, und wenn sich doch einmal etwas Derartiges einschleicht, dann nur um auf der nächsten Seite als das entlarvt zu werden, was es ist: Unsinn. Dabei zeigt sie gekonnt auf, wie die Panikmache der Presse ganz schnell zu einer Diktatur der Angst werden kann. Wollen wir ein Leben in Sicherheit oder doch lieber in Freiheit? So geht Infotainment!

„Wenn das alles doch nur ganz einfach wäre. Schwarz oder weiß. Dunkel oder hell.“

Es ist noch nicht lange her, da hat die ganze Literaturwelt einen gewissen Michel Houellebecq dafür gefeiert, dass er DEN Roman zur aktuellen Islamismus-Debatte geschrieben hätte. Was damals schon Quatsch war, sein Buch aber keinen Deut schlechter macht. Über Zoë Beck wird man das vermutlich nicht sagen. Was wiederum schade ist, denn in ihrem Fall wäre es verdient. Ihr Roman ist politisch auf der Höhe der Zeit und versteht es ganz ohne billige Polemik und voreilige Schlüsse, die Leserschaft wachzurütteln. Dabei funktioniert er als Krimi ebenso gut, wie als politischer Roman. „Schwarzblende“ ist ein tempo- und wendungsreicher Thriller, der nicht nur eine realistische Geschichte erzählen will, sondern auch unsere heutige Lebensrealität in bestimmten Punkten abbilden möchte. Differenzierter wurde selten über den „Islamischen Staat“ geschrieben. Spannender noch nie.

„Schwarzblende“ von Zoë Beck ist gerade bei Heyne im Taschenbuch erschienen.

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