Überall Krieg

ellroy perfidia

© Ullstein

Wenn es nach James Ellory geht, dann ist Los Angeles die Hölle auf Erden. Seit 1981 widmet sich der Autor mit seinen Kriminalromanen hartnäckig der dunklen Seite dieser Stadt. Sein Versuch einer „alternativen Geschichtsschreibung“ hat Generationen von Krimilesern in den Bann gezogen. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seit mit „White Jazz“, dem letzten Band des Ersten L.A.-Quartetts, eine Ära zu Ende ging. Umso erfreulicher also, dass das Ganze nun in die nächste Runde geht. „Perfidia“ eröffnet das zweite L.A. Quartett, das chronologisch vor den Ereignissen der ersten Tetralogie  spielt. Perfekt also, um James Ellroy kennen zu lernen. Aber Achtung: Diese Begegnung wird Folgen haben.

Ich rannte raus. Elmer und Brenda verschwammen. Ringsum tönten Radioapparate. Die zu einem einzigen wütenden Aufschrei verschmolzen. Ich stieg in meinen Wagen und fuhr Richtung Süden. Der Verkehr war schwach. Ich stellte mein eigenes Radiogerät an. Die Nachrichten bezogen sich alle auf KRIEG.

Dezember 1941. Los Angeles. Was lange in der Luft lag, wird Gewissheit: Die USA tritt in den Krieg ein, nachdem die Japaner überraschend Pearl Harbor bombardiert haben. Alle Menschen sind auf den Straßen, man hat fast das Gefühl, sie hätten darauf gewartet. Euphorie liegt in der Luft, die Schlange der Freiwilligen scheint nicht abzureißen zu wollen. Inmitten des Kriegstaumels wird eine japanische Familie tot aufgefunden. Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Sieht nach Seppuku, rituellem Selbstmord aus. Aber so wirklich will das niemand glauben. Allen Verantwortlichen ist klar, dass dieser Fall schnellstmöglich aufgeklärt werden muss. Während in der ganzen Stadt Japaner festgenommen werden, gewinnt dieser Vorfall immer mehr an Brisanz. Jetzt nur keinen Fehler machen.

Ellroys Geschichten sind minutiös konstruiert, funktionieren aber hauptsächlich, weil er ein Händchen für interessante Figuren hat. Wer bereits Bücher des L.A.-Quartetts oder der Underground-Trilogie gelesen hat, wird auf einige alte Bekannte treffen. In jedem Fall aber ist sein Mix aus realen und fiktiven Persönlichkeiten unwiderstehlich. Da wäre Hideo Ashida, der japanisch-stämmige Kriminologe, der heimlich in einen Boxer verliebt ist und sich mit seiner faschistischen, alkoholkranken Mutter herumschlagen muss, während er jeden Tag auf der Straße als „dreckiger Japse“ beschimpft wird. Oder Kay Lake, die in Auszügen aus ihrem Tagebuch ihren Teil der Geschichte erzählt. Eine junge Frau, die auf den ersten Blick von den Mächtigen bei der Polizei instrumentalisiert, dabei aber ihr ganz eigenes Spiel spielt. Ständig darum bemüht, in einer von Männern dominierten Welt ihren eigenen Namen auf die Landkarte zu setzen.

„Deine Zukunft liegt in Los Angeles, Sohn. Ich bringe dich bei der Polizei unter. Da kannst du Filmstars ficken und Ärger machen.“

Die beiden großen Antagonisten in diesem Epos sind aber William H. Parker und Dudley Smith. Beide wollen den gleichen Posten, den des Chiefs, beide gehen in die gleiche Kirche, beide haben ähnlich verdrehte Vorstellungen von Loyalität und Ehre. „Whiskey“ Bill wird vom „großen Durst“ geplagt, der schon seit Generationen seine Familie heimsucht. Er lebt in einer zerbröselnden Ehe und verzehrt sich nach einer ihm unbekannten, rothaarigen Studentin, während er jederzeit dagegen ankämpft, nicht an Ort und Stelle erschöpft umzufallen. „Ritter Bill von der traurigen Gestalt“. Dudley Smith ist ein katholischer Ire, der während der Prohibition in die USA kam um Geld zu machen und bei der Polizei landete. Er ist ebenfalls verheiratet, hat viele Töchter, träumt aber heimlich davon, irgendwann mit Bette Davis zu schlafen. Sein scharfer Verstand, seine flexible Moral, sein Benzedrin-Missbrauch und seine gewaltbereiten Handlanger machen ihn zum unberechenbarsten Mann beim LAPD.

Das Los Angeles Police Department war eine Schlangengrube. Mit Fraktionskämpfen und sich gegenseitig befehdenden Oberbullen. City Hall steckte voller Abhöreinrichtungen. In jeder Besenkammer des Detective Bureau standen Horchposten und Drahttongeräte, die Abhörmikrophone steckten in Simsen und Lampen. Bullen plauderten bedenkenlos, Bullen machten heimliche Notizen. Gescheite Bullen führten ihre problematischen Anrufe von Telefonzellen aus.

Anfangs mag es schwer fallen, dieser wahnwitzigen Geschichte zu folgen. Unendlich viele Figuren und Maschinengewehr-Sätze, die dem Leser um die Ohren fliegen. Stakkato-Prosa, abgehacktes Stottern. Bei Ellroy passiert auf einer Seite mehr, als bei anderen Autoren in einem Kapitel. Und das über fast tausend Seiten! Aber hat man sich einmal an Stil, Dichte und Tempo gewöhnt, lässt einen die Geschichte nicht mehr los. Die Personen werden schnell zu alten Bekannten, und man verfolgt atemlos die Irrungen und Wirrungen dieses Polizisten-Klüngels. Wer macht mit wem gemeinsame Sache? Auch wenn der Krieg in diesem Buch allgegenwärtig ist, er verblasst angesichts der komplexen Intrigen, die die Protagonisten untereinander spinnen. Dabei eignet sich niemand so recht zur Identifikation. Alle sind sie nur sich selbst verpflichtet, darauf bedacht, am Ende gut dazustehen. Wie das Ende auch immer aussehen mag.

„All diese Abmachungen und Vorsätze. Sie sind mit gesundem Menschenverstand nicht mehr nachzuvollziehen.“ „Wir leben in einer verwirrenden Welt, Kamerad. Was die Loyalität begabter Männer umso notwendiger macht.“

An dieser Stelle möchte ich eine Warnung aussprechen: Wer politisch korrekte, sprachlich niveauvolle Krimikost sucht, die man mal eben vor dem Einschlafen konsumieren kann, der ist hier völlig falsch. „Perfidia“ ist derb, pornographisch, düster und so politisch unkorrekt wie es nur geht. Ich sage nur: Eine lesbische Jüdin, die einen Nazi-Sympathisanten zum Sohn hat, eine Abtreibungsklinik betreibt, in der sie, wie sie es nennt, „Ausschabungen“ vornimmt und im Luftwaffen-Overall rumläuft, gehört auch zum Ensemble. Es geht um Eugenik, Pornofilme und darum, wie man einen Vorteil aus dem bevorstehenden Krieg ziehen kann. Ellroy versucht, die Sprache dieser Zeit zu rekonstruieren, was in seinem Fall bedeutet, dass sich auf den meisten Seiten rassistische und sexistische Kommentare oder Beschimpfungen finden. Ganz zu schweigen vom Verhalten der Figuren. Die ganze Verdorbenheit der Welt prasselt komprimiert auf den Leser ein. Nur wer das als Fiktion liest kommt unbeschadet davon.

James Ellory ist wahnsinnig. Man spürt es auf jeder Seite. Die Geschichte strotzt nur so vor Gigantomanie. Kein Satz wirkt überflüssig, kein Bild verbraucht. Mit seiner einfachen Sprache gelingen ihm die innovativsten Formulierungen, und es kommt einem so vor, als wäre er eine sprudelnde, niemals versiegende Quelle schöpferischer Sprache. Ganz ohne avantgardistischen Schnick-Schnack reißt er mühelos die sogenannte vierte Wand ein, die reale und fiktive Welt voneinander trennt. Seine Bücher spucken uns völlig desorientiert wieder aus. Ellroy lesen ist wie Fieber haben. Gerade in Zeiten, in denen jeder dahergelaufene Autor als der nächste Messias gefeiert wird, in Zeiten des grenzenlosen Hypes, tut es gut, den „demon dog of fiction“ wieder um sich zu haben. „Perfidia“ ist ein Monolith und verweist jeden Möchtegern-King-of-Crime mit einer saftigen Geraden auf seinen Platz an der Seite des Throns. Lang lebe König Ellroy.

P.S.: Ich möchte euch an dieser Stelle noch das Gespräch, das Sonja Hartl mit Ellroy für die Online-Zeitschrift „Polar“ geführt hat ans Herz legen. Wer mehr über das erste L.A.-Quartett erfahren möchte, der ist bei My Crime Time gut aufgehoben, da gibt es die ausführliche Dokumentation einer Ellroy-Lesewoche zu bewundern.

„Perfidia“ von James Ellroy ist gerade im Ullstein Verlag als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Stephen Tree.

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