Brenner hautnah

IMG_8032Der Brenner ist wieder da. Nach dem großen Erfolg von „Brennerova“ im letzten Jahr, kann man den kauzigen Österreicher seit ein paar Wochen auch wieder auf der Leinwand bestaunen. Mit großer Vorfreude bin ich also ins Kino, um den neusten Streich der Trinität Haas/Hader/Murnberger zu begutachten. Ich wurde nicht enttäuscht. Und doch war diesmal alles irgendwie anders.

Das ewige Leben Screenshot 3Nach eigenen Angaben hat der Brenner eine „schlechte berufliche Phase“. Er ist nicht versichert, hat keinen Job und keinen festen Wohnsitz. Bevor er allerdings endgültig vor die Hunde geht, erinnert er sich daran, dass ihm sein Großvater ja ein Haus hinterlassen hat. Ein Haus, dass er eigentlich gar nicht haben wollte. Der Ertrinkende greift nach dem Strohhalm, auch wenn das bedeutet, dass er nach Puntigam zurück muss – den Ort, an dem er aufgewachsen ist. Dabei hatte er sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf dieses Fleckchen Erde zu setzen. Doch schon bald fristet er dort ein Dosenfraß-Dasein in einer baufälligen Ruine ohne Strom. Seine Versuche, durch alte Bekanntschaften an Geld zu kommen scheitern, und es dauert natürlich nicht lange, bis einer von ihnen stirbt.

"Das ewige Leben", Neunter Drehtag„Das ewige Leben“ ist noch weniger Krimi, als die bisherigen Haas-Verfilmungen. Der Zuschauer weiß von Anfang an, was wirklich passiert ist, während der Brenner schon Schwierigkeiten hat, sich an sein eigenes Handeln zu erinnern. Kurz gesagt: An der Aufklärung des Falls ist niemand interessiert. Die Polizei nicht, der Brenner nicht, der Zuschauer nicht. Es gibt zwar einen Überraschungsmoment, einen Twist, aber der ist so beiläufig eingebaut, dass er diesen Namen kaum verdient. Das man trotzdem nicht im Kinosessel einschläft, verdankt man den skurrilen Situationen, in die der Brenner sich immer wieder bringt. Josef Hader spielt die Rolle des verlebten Ex-Polizisten mittlerweile mit so viel Herzblut, dass ich mich nicht wunder würde, wenn da eine gewisse Seelenverwandtschaft bestünde. Quasi Simon Hader. Oder Josef Brenner?

Das ewige Leben Screenshot 2Nie zuvor war der Zuschauer so nah am Protagonisten. Der Film gewährt uns in Form von Rückblenden Einblick in Brenners Erinnerungen an seine Jugend in den 70er-Jahren. Wir erfahren von seiner ersten großen Liebe, dem Tod eines Freundes und ahnen, dass sich dahinter einer weitere Geschichte verbirgt. Zögerlich enthüllt der Brenner, was es damit auf sich hat. Indem wir seinen alten Weggefährten begegnen, können wir uns ein viel besseres Bild von ihm machen als in allen Filmen davor. „Das ewige Leben“ ist der persönlichste Brenner und fällt damit ein bisschen aus der Reihe. Sein Sidekick Bertie und die ganze Bertie-Brenner-Dynamik fehlen hier völlig, er muss sich dem Ganzen alleine stellen. Verbraucht sieht er aus, von Anfang bis Ende. War es das etwa jetzt?

Das ewige Leben Screenshot 5Ein großes Lob gebührt Tobias Moretti und Nora von Waldstätten. Sie bereichern den Film mit ihrer schauspielerischen Leistung ungemein. Vor allem Moretti, der den Polizeichef Aschenbrenner (ebenfalls ein Freund aus Brenners Jugend) spielt, flößt einem eine Heidenangst ein. Seine Figur erinnert ein wenig an den von Josef Bierbichler verkörperten Wirt Löschenkohl in „Der Knochenmann“ – sowohl, was seine Motivation angeht, als auch die Konsequenz, mit der er tut, was seiner Meinung nach getan werden muss. Keine Spur mehr von dem Kommissar, der sich früher im Abendprogramm sein Wurstbrot von einem Schäferhund hat klauen lassen. Gut so.

Das ewige Leben ScreenshotEbenfalls erwähnenswert ist der minimalistische Score, den die Sofa Surfers eingespielt haben. Die durften schon „Komm, Süßer Tod“ vertonen und lassen auch hier nichts anbrennen. Großflächige Klänge, die die richtige Atmosphäre erzeugen und sich ansonsten dezent im Hintergrund aufhalten. Nicht ganz so stark wie der meiner Meinung nach überragende Score beim eben schon genannten Knochenmann, aber trotzdem sehr gut anzuhören. Dazu gesellt sich „When I Was Young“ von Eric Burdon und den Animals, der Soundtrack von Brenners Jugend. Die Platte eiert mehrfach durch das stille, baufällige Haus und sorgt sogar für einen Lacher.

Das ewige Leben Screenshot 6„Das ewige Leben“ ist vor allem eins: Zutiefst melancholisch. Da können weder der obligatorische tiefschwarze Humor, noch die Schnoddrigkeit eines in die Jahre gekommenen Simon Brenner darüber hinwegtäuschen. Andrey Arnold von Perlentaucher erfindet für seine Kritik kurzerhand den Begriff der „melancholischen Wurstigkeit“, der es meiner Meinung nach absolut auf den Punkt bringt. Leider gelingt es den Verantwortlichen mit ihrem charmanten Film trotzdem nicht, an die grandiosen Vorgänger anzuknüpfen. Es fühlt sich an wie ein Schritt zurück, was es ja auch ist, zumindest für den Brenner.

Das ewige Leben Screenshot 7Wer jetzt zum ersten Mal von dieser Reihe hört, dem rate ich, mit diesem Film oder dem dazugehörigen Buch anzufangen. Für Brenner-Fans ist „Das ewige Leben“ sowieso ein Muss. Unabhängig betrachtet bleibt außerdem immer noch ein überdurchschnittlich guter Film, mit tollen Schauspielern, fantastischen Bildern und einer Geschichte über alte Freunde, harte Zeiten und die Eigenheiten der Provinz. Dafür kann man sich ruhig mal einen Abend frei nehmen.

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5 Gedanken zu “Brenner hautnah

  1. Pingback: Sendung vom 29.03.2015 | Der Schneemann

  2. Ich habe ja bei dem Film vor allem dem genialen Ende des Buches hinterher getrauert. Denn so ganz haben sie ja in den Adaptionen nicht auf die Präsenz des Erzählers verzichtet, deshalb hatte ich gehofft, dass sie einen Weg finden, auch dieses Ende einzubauen. Aber es ist natürlich nicht fair, das dem Film vorzuwerfen. Abgesehen davon hat er mir auch sehr gut gefallen (auf die eine Enthüllung am Ende hätte ich verzichten können) und ich stimme Dir voll und ganz zu: Josef Hader ist Simon Brenner. Es kann keinen anderen geben. 🙂

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