Die beklemmende Enge der Erinnerung

Dazieri - In die Finsternis

© Piper

„Die Welt ist eine gewölbte Wand aus grauem Beton. Die Welt ist von gedämpften Geräuschen und Echos erfüllt. Die Welt ist ein Kreis, den er mit ausgebreiteten Armen halb ausmessen kann.“

Zu Beginn werden wir Zeuge einer ungeheuerlichen Szene. Ein Junge, der in einem engen Raum völlig isoliert vor sich hinvegetiert, entdeckt einen Riss in der Wand. In der Wand, die bisher die Grenze seiner Welt darstellte. Er weiß, dass es falsch ist, durch dieses provisorische Fenster zu schauen, tut es aber trotzdem. Der Vater wird ihn hinterher wieder „Vieh“ nennen, weil er sich nicht an die Regeln hält. Doch die Die Bestrafung bleibt aus. Ist der Vater etwa doch nicht der allwissende Gott, für den er ihn die ganze Zeit gehalten hat? In seinem Inneren keimt ein Zweifel.

Das Grauen begann um fünf Uhr nachmittags an einem Samstag Anfang September, als ein Mann in Shorts mit den Armen herumfuchtelte, um ein Auto anzuhalten.

Einige Jahre später: Ein aufgebrachter Mann erzählt der Polizei, dass bei einem Picknick sowohl seine Frau als auch sein Sohn verschwunden sind. Alfredo Rovere, Leiter einer übergeordneten Spezialeinheit der Polizei von Rom, möchte dass seine beurlaubte Mitarbeiterin Colomba Caselli sich dem Fall annimmt. Im Geheimen. Er traut dem Team nicht, dass mit den Ermittlungen betraut wurde, vor allem nicht dem korrupten Staatsanwalt De Angelis. Als Colomba zusagt, eröffnet er ihr, dass er noch eine andere Person dabeihaben möchte. Es handelt sich um Dante Torre, einen jungen Mann der in den letzten Jahren als externer Berater etliche Fälle von Kindesmissbrauch und Kindesentführung aufgeklärt hat. Ein Mann, der angeblich Menschen lesen und sich wie kein anderer in die Rolle der Kinder hineinversetzen kann. Weil er selbst etliche Jahre gefangen gehalten wurde. Von einem Mann, den er nur als den „Vater“ kannte.

Eine Draufgänger-Polizistin im Zwangsurlaub und ein psychisch labiles Entführungsopfer. Nicht unbedingt innovative Figuren möchte man meinen. Sandrone Dazieri macht es sich aber nicht so einfach und lässt Detail um Detail glaubwürdige Personen entstehen. Herrlich zum Beispiel, wie Dante permanent wie ein Alchemist die edelsten Kaffeebohnen zu Espressi verarbeitet und dabei tut, als hätte er den heiligen Gral in den Händen. Seine Obsession erinnert mitunter an „Twin Peaks“, nur dass er um einiges wählerischer ist als sein „Kollege“ Dale Cooper. Dante schluckt permanent Psychopharmaka um seinen Gefühlshaushalt unter Kontrolle zu haben. Er ist klaustrophobisch und fühlt sich nur wohl, wenn er den Himmel sehen kann. Während er offensiv mit seiner Vergangenheit umgeht, hält Colomba sich bedeckt. Warum ist sie eigentlich beurlaubt worden? Nur zögerlich gibt sie diese Information den Lesern preis.

„Hast du jetzt genug Krach gemacht? Es ist noch früh am Morgen“, beklagte er sich. „Es ist zehn. Komm in die Gänge.“ Dante warf einen missbilligenden Blick auf ihren Milchkaffee. „Ist dir eigentlich klar, dass Milch im Kaffee unverdauliches Casein bildet?“

Das ungleiche Duo entdeckt schnell die Leiche der Frau. Der Junge bleibt verschwunden. Als Dante in der Nähe des Tatorts eine silberne Trillerpfeife findet, kann er es kaum fassen. Es ist seine Pfeife, die ihm der Vater damals abgenommen hatte. Sie stammt noch aus seinem Leben vor der Gefangenschaft. Ein Leben, an das er sich kaum erinnert. Überzeugt davon, dass der Vater auch hinter dieser Kindesentführung steckt, versucht er sich bei den Polizisten Gehör zu verschaffen. Aber keiner glaubt ihm. Genau wie damals, als er entkommen war, und jedem erzählte, er hätte noch einen anderen Jungen gesehen. Oder als er behauptete, dass der Mann, der sich nach seinem Verschwinden umgebracht hat, nicht der Vater gewesen war. Dass er immer noch da draußen ist. Auch Colomba glaubt ihm nicht, doch sie ist bereit, jedem erdenklichen Hinweis nachzugehen um das Leben dieses Jungen zu retten. Was fehlt sind Beweise.

Sandrone Dazieri ist kein Unbekannter. Hierzulande sind seine Krimis bisher im grafit-Verlag erschienen. Sie spielten eher im kriminellen Milieu, in den Nachtclubs und Gassen. Etwas, das auch diesem Krimi zu Gute kommt. Denn Dante und Colomba sind auf die Hilfe von Kleinkriminellen angewiesen, um an Informationen zu gelangen. Wir dürfen einen Blick in die Häuserblocks werfen, in denen die Polizei nicht willkommen ist, wo alle zusammenhalten und keiner einen verpfeift. Wir folgenden beiden überall hin, von den Dächern der Stadt, auf denen sich versteckte High-Tech-Computeranlagen verbergen, bis zu den Tunneln der Mietshäuser, wo Immigranten im Dunklen ihr Essen grillen und sich auch von einer Verfolgungsjagd nicht davon abhalten lassen. Wir tauchen ein in eine Parallelgesellschaft, die der Autor glaubwürdig vermittelt.

Dieser Krimi hat einfach alles. Es ist ein Psychothriller, ganz klar, auch wenn er im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen fast vollständig auf Gewaltdarstellungen verzichtet. Wer eine gute Story zu erzählen hat muss nicht künstlich Eindruck schinden. Die Gewalt in diesem Roman beschränkt sich auf die Psyche. Und da ist noch so viel mehr. Ich war beeindruckt davon, wie leichtfüßig Dazieri die digitale Moderne in Form von Bitcoins oder dem Tor-Netzwerk in seinen Roman integriert, ohne dabei so steif und steril wie eine x-beliebige amerikanische „Crime“-TV-Serie zu wirken („Du schaust zu viel fern!“). Man findet hier Elemente der Pulp-Literatur, Elemente des hardboiled-detective Romans, aber auch des Polar – zumindest gegen Ende. Und immer wenn man glaubt, jetzt wäre man dem Ziel etwas näher gekommen, lauert hinter der nächsten Seite ein weiterer Hammer, der alles wieder kurz und klein zu schlagen droht. Anfangs noch mäßig interessiert, habe ich mit fortschreitender Handlung immer weniger die Finger von diesem Buch lassen können. Ein fulminanter Page-Turner, ja vielleicht die Geburtsstunde eines ganz großen Thrillerautoren. Also: Adrenalinjunkies aufgehorcht! Vergesst die Nordlichter und schaut euch an, was dieser Italiener hier für eine unfassbare Geschichte zu erzählen hat. Irre gut konstruiert und bis zum Schluss nicht zu durchschauen. Mehr Spannung geht wirklich nicht.

„In der Finsternis“ von Sandrone Dazieri ist gerade bei Piper im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Italienischen stammt von Claudia Franz.

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4 Gedanken zu “Die beklemmende Enge der Erinnerung

  1. Uff, hört sich nach heftiger Gemütskost an. Dieser Thriller wäre glatt an mir vorbeigerauscht. Dank dir ist er gerade auf meiner Lesewunschliste gelandet. 🙂

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