Die Supernanny

manchette tödliche luftschlösser

© Distel

Wenn ich Sachen wie „Jean-Patrick Manchette ist der bessere Mankell …“ (behauptet „Die Welt“ aka „Die Bild-Zeitung für VERmieter“) lese, dann muss ich mir heftigst an den Kopf fassen. Also schlagen. Dass der Distel-Verlag das auf den Buchrücken von „Tödliche Luftschlösser“ druckt – geschenkt. So ein kleiner Verlag will ja auch was verkaufen. Dass aber ein Journalist so etwas schreibt, zeigt leider mal wieder, dass immer noch zu viele Leute über ein Genre schreiben, mit dem sie wenig bis gar nichts am Hut haben. Was in Ordnung ist, so lange sie sich nicht zu solchen „Analysen“ hinreißen lassen. Oder kurz gesagt: Manchette und Mankell haben, abgesehen von den ersten drei Buchstaben ihres Nachnamens, nichts gemeinsam. Wenn das keine gute Nachricht ist.

Der Killer Thompson (muss ich erwähnen, dass Manchette ein großer Fan von Jim Thompson war?) soll ein Kind töten. Das ist zwar Neuland für ihn, aber Job ist nun mal Job. Bei dem Kind handelt es sich um den Sohn eines bekannten Architekten, ein quengeliger, dicker Junge, der liebend gerne Fernsehgeräte zertrümmert. Oder Kindermädchen zum Wahnsinn treibt. Egal ob Fernseher oder Personal – er bekommt für alles Ersatz. Glück für ihn. Das neue Kindermädchen, Julie, gerade frisch aus der Psychiatrie entlassen, rettet ihn nämlich vor Thompson und seinen Schergen. Gemeinsam fliehen sie, ohne so genau zu wissen, wohin eigentlich, während Thompson & Co ihnen ständig auf den Fersen bleiben. Der Killer nimmts persönlich.

„Als ich sechs Jahre alt war, hat mich die Bäuerin, bei der ich in Obhut war, eine Stunde lang in der Polizeidienststelle der Départmenthauptstadt einsperren lassen, um mir eine heilsame Furcht vor der Staatsmacht einzuflößen. Das ist das einzige, was ich mit Alfred Hitchcock gemeinsam hab. Danach bekam ich dann Schüttelkrmäpfe.“

Manchette macht vor allem Eines: Spaß. Seine Schreibe ist unverkrampft und lässig, man fliegt ohne großen Widerstand übers Blatt. Seine absurden Einfälle und sein ganz eigener Humor kitzeln aus dem Genre des Polar den größtmöglichen Unterhaltungsfaktor heraus. Ihm geht es um Figuren, Momente, Dialoge, nicht darum, einen ausgeklügelten Plot zu entwerfen. Nicht „Wer hat es getan?“, sondern „Was ist denn hier los?“. Um Manchettes gesamte Kriminalromane zu lesen, reicht dem geübten Leser wahrscheinlich ein Wochenende. Seine auf das Nötigste heruntergedampfte Prosa  kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein ausgezeichneter Stilist gewesen ist. Egal, worum es geht, es ist eine Freude, seinen Worten zu folgen.

Manchettes Bücher sind nicht annähernd so politisch, wie die Kritiker, die ihn seit dem traurigen Attentat auf „Charlie Hebdo“ wieder für sich entdeckt haben, gerne behaupten. Ja, es gibt bei Manchette die fiesen Reichen und die armen Schlucker. In „Tödliche Luftschlösser“ ist es ein mittelloser Architekt, der von seinem Freund ausgenutzt wird. Ja, man spürt durchaus, dass Manchette links und antikapitalistisch war, besonders wenn er das Kindermädchen bei einer Schießerei gleich ein ganzes Kaufhaus in Brand setzen lässt. Aber: Er ist auch ein Übersetzer, ein Theoretiker, der sich über den Krimi nicht nur beim Schreiben seiner Bücher Gedanken gemacht hat. Er stellt sich in die Tradition des Polar, teilt uns mal mehr, mal weniger seine Weltsicht mit, aber das geschieht eher unterschwellig. Manchette lesen bedeutet einen Fanatiker lesen, der tausende von Krimis verschlungen hat, und sich daraus sein ganz eigene Version des Genres („Das ist kein Bezugssystem mehr, das ist eine Rutschbahn!“) bastelt. Der Zeigefinger bleibt immer am Abzug.

Der schwere Wagen kam an einem nach vorn gebeugten jungen Mann mit langen Haaren und Brille vorbei, der seinen blauen Kittel aufgeknöpft hatte, um auf einen Maulwurfshügel zu pinkeln. Er war in die Knie gegangen, um besser zielen zu können. Sehr sorgfältig lenkte er seinen Strahl in das vom Maulwurf gegrabene Loch.

„Soll ich das jetzt lesen?“ könntet ihr euch fragen. Ja sicher! Das ist allerfeinste Krimi-Kost, sowohl für Fans vom klassischen Noir, als auch für Pulp-Liebhaber. Und das Beste: Jean-Patrick Manchette ist so ein Autor, bei dem man nach dem ersten Buch schon weiß, ob es eine Liebe für die Ewigkeit wird oder beim One Night Stand bleibt. Genre-Literatur für Leute, die es auch gerne mal etwas schräger mögen und sich an dem frischen Wind erfreuen, der uns aus diesen Büchern auch heute noch entgegenweht. „Die Romane mancher Kollegen wirken dagegen wie Bettlektüre für Asthmatiker“. Hat der STERN gesagt. Und um mich am Ende doch noch mit der Presse zu versöhnen: Stimmt genau.

„Tödliche Luftschlösser“ von Jean-Patrick Manchette ist im Distel Literaturverlag als Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Stefan Linster.

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4 Gedanken zu “Die Supernanny

  1. Manchette! Noch so ein weißer Fleck auf einer Krimileselandkarte! Muss ich unbedingt ändern – deine Rezi ist ja der beste Beweis dafür, dass Manchette gelesen gehört. Danke, dass du mich mal wieder angefixt hast.

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  2. Ja, Manchette gehört gelesen. Aber eines trifft bei mir nicht zu: Ich wusste nach dem ersten und auch nach dem zweiten Buch nicht, „ob es eine Liebe für die Ewigkeit wird oder beim One Night Stand bleibt“. Manchette macht mich ein wenig ratlos. Eh ganz nett, würde ich sagen, aber so ganz überzeugt bin ich noch nicht. Dabei müsste er normalerweise genau in mein Beuteschema fallen… Ich habe eh schon seit längerem vor, darüber zu bloggen.

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    • Da bist du möglicherweise die Ausnahme, zumindest in meinem erweiterten Bekanntenkreis. Aber gut, vielleicht irre ich mit diesem Satz auch einfach, ich bin jedenfalls gespannt, was du zu Manchette zu sagen hast, ich kann auf jeden Fall verstehen, dass man, sofern man in diesem Genre schon Einiges gelesen hat, nicht gleich in Begeisterungsstürme ausbricht. Es gibt gewiss bessere/komplettere Autoren, die mehr als ein paar kurzweilige, schnoddrige Storys bieten können. Für mich persönlich hat er aber Personen, Szenen und vor allem Sätze geschaffen, über die ich mich noch lange amüsieren kann. Wer Sachen schreibt wie (ich zitiere jetzt mal aus dem Kopf, also inkorrekt): „Er schlug ihm erstmal in die Fresse, damit er sich beruhigen konnte“ oder „Er mochte Whisky Sour, weil der so nach Kotze roch, dass man hinterher, wenn man hinterher über der Kloschüssel hing, nicht so überrascht war“, erobert mein Herz nun mal im Sturm. Und ein Killer, der nichts mehr essen möchte, was er nicht selbst getötet hat… hach.

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      • Hmm, die von dir genannten Zitate sind wirklich gut 🙂 Ich weiß es auch nicht so genau, vielleicht haut er mir einfach nicht so um. Aber ist garantiert besser, seine Bücher zu lesen, als sich diesen Sean-Pean-Film anzusehen. Da schreckt mich schon der Trailer mörderisch ab.

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