Der schmale Grat zwischen Kopf- und Hexenschuss

Mackay Der Killer

© Fischer

Die Genesung, der Urlaub – das war schon in Ordnung. Für eine Weile ganz amüsant. Nett, mal die Füße hochzulegen und nicht an die Arbeit zu denken. Wurde aber bald langweilig.

Frank MacLeod ist eine lebende Legende. Ein Profikiller, der seit Jahrzehnten unbehelligt Leute aus dem Weg räumt. Jeder aus dem Milieu erzittert, wenn er nur seinen Namen hört. Allerdings ist sein letzter Auftrag bereits eine Weile her, weshalb er sich umso mehr darauf freut, wieder aktiv zu werden. Er soll für seinen Boss einen kleinen Drogendealer der Konkurrenz ausschalten, bevor dieser zum Problem wird. Keine große Sache. Nur ist Frank längst nicht mehr der, der er mal war, auch wenn ihm das erst viel zu spät dämmert. Da liegt er nämlich schon auf dem Boden einer schäbigen Wohnung, überwältigt von dem Typen, den er eigentlich hätte umlegen sollen. In so einer Situation ist guter Rat teuer.

Der Killer hat das letzte Wortist der zweite Teil der Glasgow-Trilogie von Malcolm Mackay. Bereits Teil Eins, „Der unvermeidliche Tod des Lewis Winter“ hat mir gut gefallen, wenn auch mit Abstrichen. Hier gelingt dem Autor nun eine Steigerung. Einziges Manko bleibt weiterhin der, wenn auch viel seltener auftretende, Hang des Autors zur ausführlichen Erklärung von Begriffen, Ereignissen und Abläufen. So muss sich der Krimi-Leser beispielsweise überrascht geben, wenn Mackay ihm eröffnet, dass „clean“ im Zusammenhang mit einer Waffe bedeutet, dass sie nicht registriert ist. Absurder noch wird es, wenn Frank bei starkem Regen eine Kapuze aufzieht, was ihn sowohl vor dem Regen, als auch vor den Kameras schützt, und der Autor uns in vier bis fünf Sätzen darauf hinweist, wie klug das ist, weil es ja gar nicht auffällt, bei all dem Regen. Ach. Ich sag es ja immer: Traut euren Lesern doch mal ein bisschen was zu. Glücklicherweise findet er nach den ersten paar Kapiteln bereits das richtige Maß und das Oberlehrerhafte verschwindet, danach ist mir auf jeden Fall nichts Störendes mehr aufgefallen, und ich konnte vollständig in der Geschichte versinken.

Beide schweigen. Manche Leute sind redselig, andere sagen kein Wort. Sie gehören zur zweiten Kategorie. Wie die meisten Profis. Redseligkeit ist eine Kuscheldecke für nervenschwache Dilettanten.

Die Geschichte, die ist diesmal nämlich richtig gut. Der gescheiterte Killer, der Angst hat, sein Gesicht zu verlieren, und dabei mit einer noch viel menschlicheren Angst konfrontiert wird: Der Angst davor, alt und nutzlos zu sein. Mackay ist eine Art schottischer Guy Ritchie, auch er erzählt lakonische Geschichten aus dem Kleinkriminellen-Milieu, nur dass er im Gegensatz zu dem millionenschweren Regisseur weniger das Skurrile, das Überzogene zu seinem Markenzeichen macht und viel mehr den Menschen selbst in den Fokus rückt. So liest sich „Der Killer hat das letzte Wort“ als mehrstimmiger Roman, der uns aus verschiedenen Perspektiven die Gepflogenheiten und Machenschaften der Glasgower Unterwelt näher bringt. Man hat das Gefühl Einblick in eine Welt zu bekommen, in der man sich gar nicht aufhalten dürfte.

Die Polizei steht bei Mackay auf verlorenem Posten. Es gibt zwar Ermittlungen, aber die hängen immer weit dem eigentlichen Stand der Dinge hinterher. So muss sich der bereits aus Teil Eins bekannte Polizist Fisher immer noch mit dem Fall Lewis Winter befassen, und wir Leser wissen die ganze Zeit über, dass er sich auf dem Holzweg befindet. Verzweifelt versucht er herauszubekommen, wer hier überhaupt für wen arbeitet. Und immer wieder wird ihm seine eigene Machtlosigkeit bewusst, denn selbst wenn ihm mal etwas dämmert, ist es quasi unmöglich, dafür stichhaltige Beweise zu finden. Es sei denn, jemand würde auspacken. Aber das wäre praktisch Selbstmord.

Man fasst einen Schwachkopf mit einer Waffe, der sich für einen Gangster hält, und sperrt ihn für zehn Jahre ins Gefängnis. Schon zwei Wochen später sind drei andere Schwachköpfe an seine Stelle getreten. Man verhaftet die Selbstdarsteller, die sich für Stars halten, und dementsprechend leben. Währenddessen bleiben die wichtigen Leute im Verborgenen.

„Der Killer hat das letzte Wort“ ist ein überaus spannender Krimi, der sehr viel Wert auf vielschichtige Figuren und die Authentizität der in ihm dargestellten Handlungen legt. Mackays Sprache ist simpel, aber ungeheuer lässig und passt wunderbar zur tragikomischen Geschichte vom Auftragsmörder, den das Alter eingeholt hat. Wir haben Mitleid mit Frank und fragen uns die ganze Zeit über, was er wohl tun wird. Denn, so steht es zumindest in diesem Buch geschrieben, er arbeitet in einer Branche, in der man nicht einfach so in Rente geht. Überraschenderweise gibt es diesmal sogar eine kleine Liebesgeschichte, die der Frage nachgeht, wie schwierig es sein muss, als Krimineller ein „normales“ Leben zu führen. So viel sei schon mal verraten: Der Killer hat tatsächlich das letzte Wort. Welcher Killer das ist und was er uns mit seinen letzten Worten sagen möchte, das steht auf einem anderen Blatt. Genauer gesagt auf Seite 370.

Ich empfehle jedem, der den Vorgänger noch nicht kennt, diesen erst einmal zu lesen. Es wird hier zwar mehrfach auf den Fall Lewis Winter verwiesen, aber dabei wird nie so richtig klar, was eigentlich genau passiert ist. So als würde jemand von einer Party schwärmen, auf die man nicht eingeladen war. Das ärgert. Sehr erfreulich ist dahingegen die Tatsache, dass sich am Ende eine Leseprobe zum abschließenden Band der Trilogie, „Die letzte Rache des Calum McLean“, befindet. Schade nur, dass der erst für das Frühjahr 2016 angekündigt wird.

„Der Killer hat das letzte Wort“ von Malcolm Mackay ist gerade bei Fischer im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Thomas Gunkel.

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2 Gedanken zu “Der schmale Grat zwischen Kopf- und Hexenschuss

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