„Ich bin ein unverbesserlicher Intellektueller“

Jean-Patrick Manchette

© Jean-Paul Gratias

Jean Patrick-Manchette wird am 19. Dezember 1942 in Marseille geboren. Es herrscht Krieg. Als die deutschen Truppen Frankreich wenige Jahre später verlassen, zieht er mit seiner Familie nach Malokoff, einer kleine Gemeinden südlich von Paris. Bei seiner Großmutter, einer gebürtigen Schottin,  kommt der junge Manchette zum ersten Mal mit Kriminalliteratur in Kontakt. Es sind vor allem englischsprachige Autoren, die es ihm angetan haben. Während seiner Gymnasialzeit verschlingt er die Série Noire des Verlags Gallimard. 1960 beginnt er ein Anglistik-Studium, um Englischlehrer werden zu können. Ein Beruf, den seine Mutter sich immer schon für ihren Sohn gewünscht hat.

Erstmal an der Universität, geht es Schlag auf Schlag: 1961 lernt er seine zukünftige Frau Georgette Petcanas kennen, 1962 kommt bereits der gemeinsame Sohn Jean Tristan zur Welt. In diesem Jahr beginnt auch sein politisches Engagement. Angetrieben von der Darstellung sozialer Missstände in amerikanischen Krimis, wird Manchette Mitglied in einigen sozialistischen und kommunistischen Verbänden. Das wird ihm 1964 zum Verhängnis. Eigentlich soll er in einer englischen Blindenschule als Lektor arbeiten. Ein Linker in wilder Ehe, der bereits Vater eines Kindes ist, scheint der dortigen Verwaltung allerdings zu viel des Guten. Man schickt ihn nach Frankreich zurück.

Er heiratet Georgette, die ihren Namen in Mélissa Manchette ändern lässt, und beginnt fürs französische Kino zu schreiben. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs und kleineren Drehbüchern für erotische Filme über Wasser, bis er 1968 das Angebot bekommt, gemeinsam mit zwei weiteren Autoren für eine damals sehr erfolgreiche Jugend-Abenteuerserie zu schreiben. Zu dieser Zeit schreibt er außerdem seine ersten Bücher – wenn auch noch gemeinsam mit Kollegen. Es sind größtenteils Jugendbücher, die an die Serie anschließen, aber auch ein erotischen Roman, der unter dem Pseudonym Zeus de Castro veröffentlicht wird. 1970 beginnt er damit, Bücher aus dem Englischen zu übersetzen. Hierbei hilft ihm seine Frau, die später auch bei der Übersetzung seiner eigenen Werke ins Englische zur Co-Übersetzerin wird.

1971 erscheint der erste Roman von Jean-Patrick Manchette mit dem Titel „Lasst die Kadaver bräunen“, den er noch zusammen mit Jean-Pierre Bastid verfasst. Dass Bastid insgesamt eine wichtige Rolle bei einigen von Manchettes Werkern spielt, lässt sich anhand der posthum erschienenen „Chroniques“ nachvollziehen. Sein eigentliches Debut erscheint allerdings erst im späteren Verlauf des Jahres. „Die Affäre N’Gustro“. Die Entführung und Ermordung des marokkanischen Oppositionsführers Mehdi Ben Barka bilden die reale Grundlage des Buchs, das exemplarisch für diese neue Stimme in der französischen Kriminalliteratur steht: Manchette ist links, sozial- und gesellschaftskritisch und wird damit über Nacht zum Erneuer des Genres. Das Beste dabei: Seine Bücher erschienen in der von ihm so geliebten Série Noire.

1973 erhält er den wichtigsten französischen Krimipreis. Nahezu alle seine Krimis entstehen noch in den 70ern, während er für allerhand Zeitschriften arbeitet. Nebenher schreibt er noch einen Comic, ein Theaterstück und verfasst zusammen mit Mélanie White einen Science-Fiction Roman für Jugendliche. Seine Leidenschaft für die Genres Noir und Polar lebt er in mehreren Kolumnen aus. Eine davon erscheint in der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, wo er auch das Ressort Film leitet. Auch als Cineast beschäftigt er sich vor allem mit den Film Noir.

Anfang der Achtziger erscheint mit „Position: Anschlag, liegend“ der letzte Roman, den Manchette zu Lebzeiten veröffentlicht. Manchette selbst sagt, er könne sich im von ihm mitbegründeten Genre des néo-polar nur noch wiederholen. Seine Bücher seien auf die Siebziger zugeschnitten, er müsse sich neu orientieren. Ende der Achtziger beginnt er die Arbeit an seinem Roman „Iris“, der nur der Beginn eines ganzen Romanzyklus namens „Die Menschen in schweren Zeiten“ werden soll. Dieser Zyklus soll auf einem zeiten- und gesellschaftsübergreifenden Konzept beruhen, dass er leider nie in die Tat umsetzen kann. Er erkrankt an Lungenkrebs und stirbt am 3. Juni 1995 im Alter von 52 Jahren.

Sein Sohn veröffentlicht unter dem Pseudonym Doug Headline den umfangreichen Nachlass seines Vaters, darunter der unveröffentlichte Kriminalroman „Blutprinzessin“, für den Manchette Anfang der 90er trotz seiner Erkrankung zur Recherche nach Kuba geflogen war. Er reiht sich nahtlos in das große Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers ein. Auch heute noch gilt er als einer der ganz großen französischen Autoren.

Dieser Beitrag sollte ursprünglich in der „Phantom“-Sendung vom 29.03.2015 gesendet werden. Eine Audio-Version wird bei Gelegenheit nachgereicht. Die Bücher von Jean-Patrick Manchette sind in Deutschland beim Distel-Literaturverlag erschienen. Das Zitat aus der Überschrift stammt aus dem Band „Chroniques. Essays zum Roman Noir.“

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3 Gedanken zu “„Ich bin ein unverbesserlicher Intellektueller“

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