Wir müssen uns mal ernsthaft unterhalten

Lisa Kuppler hat in der FAZ in den Krimi-Wald hineingerufen. Was sie da gerufen hat, dazu kommen wir gleich ausführlich. Auch wenn sie uns Blogger, die sich irgendwo zwischen den von ihr genannten Gruppen der „Leser“ und „Kritiker“ einordnen, gar nicht erwähnt, habe ich schon einige interessante Beiträge zu dem Thema gelesen. Bei crimenoir zum Beispiel. Oder bei Literatur-O-Meter. Ich möchte nun auch noch meinen Senf dazu geben, denn Diskurs ist immer gut, es gibt meiner Meinung nach viel zu wenig davon. Deshalb vorneweg erst mal Dankeschön an Frau Kuppler für den Anstoß einer hoffentlich noch lange anhaltenden Diskussion.

Punkt 1:

Der deutsche Krimi ist „Bestsellermaterial“, auf den Listen befinden sich aber nur Bücher, die „ohne Anspruch“ zu Unterhaltungszwecken gelesen werden. Mag sein. Unterhaltung an sich wäre nach meinem Empfinden ja schon einmal ein Anspruch, den ein Leser an ein Buch stellen kann. Aber folgen wir mal der Logik von Frau Kuppler und schauen auf die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Paperback: Rechnen wir die Krimis raus, was bleibt noch? Literatur, die sich primär an Frauen richtet, die leicht zu konsumieren ist, die nie irgendeinen relevanten Literaturpreis gewinnen wird. Warum das so ist? Die Bücher richten sich an Frauen, weil Frauen deutlich mehr Bücher kaufen als Männer. Sie sind quasi die Stütze dieses Marktes. Warum sind die Bücher leicht konsumierbar? Natürlich um, wie Frau Kuppler ja auch bemerkt, möglichst viele Leser zu erreichen. Der durchschnittliche Leser liest nebenher, das Lesen nimmt in seinem Leben nicht annähernd den selben Stellenwert ein, den es etwa bei Frau Kuppler hat, die sich hauptberuflich mit Büchern beschäftigt. Literatur wird von den meisten Menschen weltweit schlicht zur Unterhaltung genutzt. Das war schon immer so.

P.S.: Um einem etwaigen Shitstorm gleich mal vorzubeugen: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Fakt, dass sich o.g. Literatur an Frauen richtet, und dem Fakt, dass die Bücher mit einer einfachen Sprache auskommen. Das ist bei Literatur, die primär ein männliches Publikum ansprechen soll, nicht im Geringsten anders. Sollte man eigentlich aber gar nicht erst erwähnen müssen.

Punkt 2:

Frau Kuppler sagt, der Regionalkrimi verkomme immer mehr zum „Touristenkrimi“. Das halte ich persönlich für Unsinn. Es mag stimmen, dass das vereinzelt der Fall ist, aber die Begründung, es kämen mehr Krimis aus „Urlaubsregionen“ ist ein Scheinargument. Was macht eine Urlaubsregion denn zur Urlaubsregion? Es muss dort etwas geben, was die Leute zuhause nicht haben, ein Alleinstellungsmerkmal. Die Landschaft der Toskana, die bayrischen Alpen, der Strand von Sylt, die Frankfurter Skyline, die Hochhausschluchten New Yorks – alles einzigartige Orte, die schon immer als Schauplätze von Romanen herhalten mussten. Eben weil sie Bilder erzeugen, weil sie sich aus handwerklicher Sicht schlicht dafür eignen. Natürlich lässt sich auch ein hervorragender Roman schreiben, der im Nirgendwo spielt, aber fast alle großen Krimiautoren schrieben ebenfalls „Regionalkrimis“: Chandler und Ellroy sind ebenso in L.A. verwurzelt, wie es Klüpfel und Kobr in Bayern sind. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass es heute sehr viel mehr Kriminalromane gibt, bei denen die Landschaft im Vordergrund steht, quasi Urlaub durch Lesen. Stimmt. Aber was dann immer noch nicht stimmt, ist, dass Regio-Krimis größtenteils von den Touristen gekauft werden. Das mag bei Regionen wie Toskana und Provence zutreffen (es gibt ja erschreckenderweise mittlerweile deutsche Autoren, die sich auf diesem Gebiet breitmachen). aber bei Regio-Krimis im eigentlichen Sinne sind die Käufer größtenteils Leute aus der Region. Das ist tatsächlich so. Ich arbeite in einem Buchladen und höre regelmäßig Sätze wie: „Da war ich schon“, „Das ist bei mir um die Ecke“, „Das Haus, in dem der umgebracht wird, ist das von meinem Nachbarn“.

Punkt 3: 

Kommen wir zu den Psychothrillern. „Küchentischpsychologie“, „Figuren sind an Stereotypen angelehnt“, Klischee über Klischee und das alles mittelmäßig geschrieben. Ja, stimmt. Das ist aber kein deutsches Phänomen. Auch die „Großen“, zu denen deutsche Kunden immer wieder greifen, auch die „Skandinavier“ (Larsson, Adler-Olsen, Axl Sund) oder etwa ein Dan Brown sind nicht wirklich begnadete Literaten. Die Figuren sind mitnichten weniger platt, als sie das bei einem Sebastian Fitzek sind. Diese Autoren haben eine andere Qualität. Sie können überraschende Wendungen und Cliffhanger. Das hält den Leser bei der Stange. Und sie wissen, welche Ängste ihre Leser haben. Mehr braucht es dann auch gar nicht, das ist schon alles, aber man sollte nicht so herablassend sein und meinen, das wäre keine harte Arbeit. Man kann sich jetzt lange drüber aufregen, dass so etwas Erfolg hat, aber da bleibt wieder nur der Verweis auf die Leserschaft: Den Leuten gefällt es. Die Leute kaufen auch die BILD-Zeitung. Die Leute schauen ProSieben und RTL. Die Leute halten Günther Jauch für einen guten Journalisten. Sich daran immer wieder abzuarbeiten ist erstens vergebene Liebesmüh und hat zweitens etwas faschistoides. Reden wir doch mal ausgehend vom Status Quo miteinander und nicht ausgehend von der Was-wäre-wenn-Fantasie privilegierter Kulturschaffender.

P.S: Es gibt natürlich durchaus auch sehr gelungene „Psychothriller“ (den hier zum Beispiel), wobei man darüber diskutieren könnte, ob hinter diesem Begriff überhaupt ein (Sub-)Genre steht.

Punkt 4: 

Im Artikel ist immer wieder die Rede davon, was Literatur eigentlich leisten soll. Da heißt es, Literatur soll Unterhaltung und Ernsthaftigkeit verbinden, soll einen Blick auf die Welt ermöglichen, der über das hinausgeht, was uns beispielsweise ein Zeitungsartikel vermitteln kann. Dazu fallen mir spontan deutsche Autoren ein. Zoë Beck zum Beispiel, die mit „Schwarzblende“ gerade einen Roman geschrieben hat, der all diese Anforderungen erfüllt. Oder Oliver Bottini. Statt jedoch Namen zu nennen, was in solch einem Artikel durchaus möglich wäre, beschränkt sie sich darauf, dem Leser zu erklären, worauf es bei Büchern ankommt. Das ist etwas oberlehrerhaft und auch ein bisschen engstirnig. Schade eigentlich, denn ist nicht gerade ein überregionales Medium wie die FAZ in der Lage, Krimi-Perlen zu mehr Bekanntheit zu verhelfen, die ihrer Meinung nach ja viel zu selten auf den Bestseller-Listen landen? Nur so ein Gedanke.

Punkt 5:

Weiterhin heißt es, der Genre-Leser würde nicht mehr zum deutschen Krimi greifen. Kann sein, wie viele Genre-Leser kennt ihr denn persönlich? Wie viele davon existieren noch? Ist Genre-Literatur nur das, was es irgendwie auf die KrimiZEIT-Bestenliste schafft? Und wenn ja, wäre das dann nicht auch der Ort, an dem man dem Genre-Leser mal wieder einen deutschsprachigen Genre-Roman in die Hand drücken könnte? Wäre es nicht sinnvoller, konkrete Menschen(-gruppen) und Institutionen anzusprechen, als einfach ziellos in den Äther zu sprechen? Was genau braucht es denn, um den deutschen Krimi attraktiver zu machen? Ist es wirklich nur die Qualität? Oder gibt es einfach immer weniger Leser der Sorte Krimi, die Frau Kuppler hier mit „Genre“ meint? Es ist doch so: Jeder Krimi hat seine Zeit, in der er relevant ist. Der Krimi Noir, der oft gemeint ist, wenn wir von „Genre“ sprechen, ist ein Krimi der Krise. Der Regio-Krimi ist ein Krimi, der an die Sehnsucht appelliert, in einer globalisierten Welt den eigenen Wahrnehmungsraum – und damit auch die eigenen Probleme – überschaubar zu halten. Was ist wohl für die meisten Menschen attraktiver?

Punkt 6:

Frau Kuppler bemängelt, dass Genre-Schreiberlinge keine Stipendien bekommen. Das ist in der Tat ärgerlich und hängt, wie sie auch schön darlegt, mit der Wahrnehmung des Krimis zusammen. Neu ist das aber nicht. Dass man darüber hinaus die deutsche Literaturszene, die mit ihren verkrusteten, fast inzestuösen Strukturen sowieso immer elitärer wird, mal von Grund auf verändern müsste, auch darin stimme ich mit der Autorin überein. Die einzigen, die noch zu den Gipfeltreffen der deutschen Literaturinstitute gehen, sind die Verantwortlichen selbst und Vertreter der Presse. Der Rest schaut Bundesliga, und das wird auch so bleiben, bis dort endlich mal ein frischer Wind weht. Ich bin außerdem überzeugt davon, dass die Verlage mittlerweile ihre Autoren häufiger auf Twitter finden, als in deutschen Literaturinstituten. Das ist keine Frage der literarischen Qualität, sondern eine Frage der Relevanz. Es geht nämlich sehr wohl auch um Inhalte. Aber dazu später mehr.

Punkt 7:

Autoren von E-Literatur wenden sich immer häufiger auch der U-Literatur zu, was zu mal ironischen, mal ernst gemeinten, fast immer aber zu schlechten Büchern führt. Stimmt auch. Ich möchte der von ihr begonnenen Riege der Schande noch Louis Begley hinzufügen. Das hat einerseits mit dem, wie sie richtig bemerkt, fehlenden Verständnis des Genres auf Seiten der Autoren zu tun, ist aber auch ein Ausdruck einer ungesunden Arroganz gegenüber den „niederen Künsten“. Das ist vielleicht sogar ganz gut so. Vielleicht lernen einige Leser so gut gemachte Kriminalliteratur mehr zu schätzen. Und in hundert Jahren wird ohnehin kein Mensch mehr wissen, wer Sibylle Lewitscharroff war, und damit kommen wir auch schon zum letzten Punkt.

Punkt 8: 

Frau Kuppler ist der Meinung, Inhalte wären im Vergleich zur literarischen Qualität nicht relevant. Das halte ich für groben Unsinn. Ein Buch kann noch so gut geschrieben sein, aber wenn es nicht irgendwo an die Lebensrealität des Lesers anknüpft, dann wird es im Regal verstauben, und das völlig zu recht. Ein Autor will uns etwas vermitteln. Er schreibt nicht einfach irgendwas auf, dass zwar schön formuliert ist, aber ansonsten nichts zu bieten haben soll. Ein Autor, der veröffentlicht, schreibt nicht mehr nur für sich selbst. Er möchte, dass seine Stimme gehört wird, und in irgendeiner Form denkt er auch an sein Publikum, das in den Buchhandlungen steht und Klappentexte studiert. Was steht da? Richtig, der Inhalt. Überzeugt der nicht, legen vielleicht einige das Buch wieder zur Seite. Was die Gewichtung von Inhalt und Form angeht mögen sich die Geister scheiden, aber ich gehe so weit zu behaupten, dass ein Roman, der inhaltlich nichts bieten kann, was den Leser interessiert, in den seltensten Fällen den Weg ins heimische Bücherregal findet. Wie viele Feuilleton-Blasen müssen noch platzen, bis das auch bei den Kritikern ankommt? Auch die Avantgardisten waren gute Erzähler im klassischen Sinne.

Fazit:

Was bleibt also von Frau Kupplers Artikel? Viele interessante Anstöße, wenig konkrete Vorschläge. Was können Buchhändler, Kritiker, Autoren, Literaturverbände und -institute denn tun? Muss überhaupt etwas getan werden? Sind vielleicht gerade die Blogger ein Bindeglied zwischen Feuilleton und Wirklichkeit? Ich persönlich glaube: Der Markt ist so, wie die Menschen ihn machen. Eine Gesellschaft spiegelt sich auch in ihren Buchhandlungen wider, und da kommen wir doch gar nicht so schlecht weg. Möglich, dass größtenteils „Heftchenromane im Hardcover-Format“ über die Ladentheke wandern, aber es gibt so viel Auswahl, dass trotzdem jeder etwas für sich findet. Ich jedenfalls komme nie hinterher mit dem Lesen, auch nicht was deutsche Autoren angeht. Kulturpessimismus ist schon okay, aber sonderlich produktiv ist er nicht. Warum also die Kommentarfunktion unter dem Artikel sperren, Frau Kuppler? Da gibt es doch wirklich genügend Diskussionsbedarf. Hier darf jedenfalls kommentiert werden was das Zeug hält.

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9 Gedanken zu “Wir müssen uns mal ernsthaft unterhalten

  1. Danke für diesen differenzierten Artikel, der mir aus der Seele spricht. Bei genereller Kritik werde ich eh meist stutzig – umso schöner dass du dir die Mühe gemacht hast, die Thesen des FAZ-Artikels mal abzuklopfen. Und tatsächlich halte ich einen Horst Eckert oder einen Adrian McKinty für genauso große Literatur wie andere „feuilletonistischere“ Autoren. E oder U – Hauptsache das Buch unterhält!

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  2. Also erst einmal finde ich es toll, dass auch du das Thema aufgreifst und deinen ganz eigenen Dreh dazu findest. Denn du sprichst viele andere Aspekte an, über die es sich zu reden und zu diskutieren lohnt. Ich wünsche mir auch, dass noch mehr Krimiblogs den Artikel aufgreifen und durchleuchten – für eine differenzierte und lebendige Szene.
    Dein Artikel ist sehr lang, spricht sehr viele unterschiedliche Aspekte an. Deswegen greife ich jetzt mal einen Punkt auf, bei dem ich dir widerspreche. Punkt 2.
    Ich fand, wie ich ja schon auf Peters Blog crimenoir kommentierte, den Begriff Touristenkrimi äußerst passend. Natürlich sind Regionalkrimis in der Region verankert. Und natürlich werden einige Regionalkrimis flächendeckend gelesen – die Kluftiger-Krimis hast du ja schon erwähnt, für mich zählen zum Beispiel auch noch Berndorf mit seinen Eifel-Krimis oder aber die Reihe von Nele Neuhaus, die ja ganz bewusst in ihrer Region angefangen hat, dazu. Aber guck dir doch mal bitte die Regio-Schwemme aus Verlagen wie Emons oder Gmeiner an. Geht man in Sylt in eine Buchhandlung, findet man dort überall große Ecken, wo sehr auffällig nur die Sylt-Krimis präsentiert werden. Für die Touristen. Die dann auch beherzt zugreifen. Da ermitteln Möwen, Fischer, Restaurantbesitzer, Köche, Hotelinhaber. Und manchmal auch die Polizei. Gängige Klischees, die im Genre halt wirken, werden verwurstet, was das Zeug hält. Selbst die Region wird plakativ dargestellt. Da geht es nicht darum, außergewöhnliche Figuren zu entwickeln, oder das Setting als einmalig darzustellen. Oberflächlich werden die Hauptmerkmale der Region zu einem Einheitsunterhaltungsbrei zusammengematscht, damit sie dann die Buchhandlungen der Region überschwemmen können. Es ist diese schiere austauschbare weil beliebige Krimimasse am Urlaubsort, die den Begriff des Touristenkrimis durchaus rechtfertigt. Das hat nichts mehr mit Krimi oder gar Qualität zu tun, sondern nur noch mit Kommerz. Mich hat da vor allem bestürzt, dass ich in Buchhandlungen, die davon (zu Recht!) profitieren wollen, keine wirkliche Krimivielfalt gefunden habe.
    Der Vergleich mit Chandler und Ellroy ist meiner Meinung nach müßig. Oberflächliches Argument dafür: In den Staaten und auch in England gibt es eine ganz andere Tradition der Spannungsliteratur. Da die Entwicklungen mit Deutschland zu vergleichen, geht nicht, denn unsere Tradition ist viel jünger, findet sich immer wieder neu selbst. Es ist ja so: wenn auf dem Markt etwas sehr gut funktioniert, dann gibt es eine Nachahmerschwemme hier (okay, das ist wohl weltweit so). Fitzek aber auch Neuhaus und Co. haben viele, viele Nachahmer. Einige davon können sich auch einen Namen machen, viele verschwinden wieder in der anonymen Schreibermasse. Und warum? Weil sie nichts Originäres schaffen. Was mich zu meinem anderen Argument führt. Natürlich kann man sagen, dass Ellroy mit seinem „L.A.-Quartett“ Regionalkrimis geschrieben hat. Ist mir aber zu simpel gestrickt, denn bei Ellroy geht es vor allem um den Menschen an sich, seine Triebe, Träume, seine Gier, seine Schattenseiten. Da wird psychologisch und gesellschaftlich stark durchleuchtet. Das geht über Los Angeles weit hinaus, obwohl die Stadt der Engel hier die Basis von allem ist. Ich versuche mir einen Vergleich vorzustellen. Geht nicht. Mir fällt kein deutscher Regionalkrimi ein, der diese Intensität, diese menschliche Vielfältigkeit mit Abgründen zu bieten hat. Macht aber auch nichts, denn wir haben hier eine andere Krimitraditon. Nicht alles muss mit jedem verglichen werden, um eine Daseinsberechtigung zu haben.
    Und natürlich haben auch alle Krimis aus Verlagen wie Gmeiner und Emons eine Daseinsberechtigung. Sie verkaufen sich ja. Die Masse macht’s. Es sind inzwischen halt nur so verdammt viele, dass man die kleinen feinen Perlen kaum noch auf den ersten Blick finden kann. Die Masse verdrängt die Qualität immer mehr. Ich denke übrigens, dass sich Frau Kupplers Artikel vor allem auf die großen Verlage und eben diese Regionalverlage bezieht. Hätte sie auch an Pulp Master, Polar Verlag, Argument/Ariadne, Liebeskind, Antje Kunstmann etc. gedacht, wäre der Artikel vielleicht etwas differenzierter ausgefallen. Denn es ist ja so: die Menschen, die sich mit dem Krimi etwas intensiver auseinandersetzen, können mit den Namen all dieser kleinen Verlage sehr gut etwas anfangen. Sie wissen, welche Qualität dahinter steckt. Der gemeine Krimileser weiß das aber nicht unbedingt. Der kennt Fitzek und Neuhaus und Co. Der greift auf den großen Präsentiertischen in der Buchhandlung zum neusten Bestseller. Der informiert sich nur oberflächlich. Für ihn ist Krimi deshalb vorrangig Unterhaltung. Ohne Mehrwert. Dass Unterhaltung auch mit Mehrwert geht, darauf muss man die Leute schon aufmerksam machen. Habe ich immer wieder in meinem privaten Umfeld erlebt. Über Krimis wurde die Nase gerümpft. Was für ein seichter und banaler Scheiß! Dann habe ich mit dem Bloggen angefangen. Und nun? Einige sind wahre Fans vom Ariadne-Verlag geworden, weil da politische Krimis mit Frauenschwerpunkt rauskommen. Ein Bekannter ist inzwischen wahrer Pulp-Master-Junkie etc. Man muss die Leute für qualitative Krimis begeistern, sie neugierig machen, ihnen zeigen, dass es noch mehr gibt als das, was auf den großen Tischen in einer Buchhandlung liegt. Mag sein, dass die meisten dann trotzdem zur seichten Masse greifen werden, weil sie halt nicht mehr als Unterhaltung wollen. Das ist aber bei jedem Genre so. Und ich mag da auch gar nicht von Genre reden, denn die Schere zwischen blanker Unterhaltungslektüre und einem qualitativ sehr hochwertigen Buchinhalt, wird überall immer größer. Gerade da ist es so wichtig und wertvoll, dass es im Netz so viele Bücherblogs gibt, die die Vielfalt abbilden. Und ich feiere jeden Blog, der sich ernsthaft mit der Materie auseinandersetzt, denn nur so kann es eine Entwicklung in der Lesewahrnehmung von Genres geben. Das Feuilleton wäre mit dieser Aufgabe überfordert. Und kann das auch gar nicht leisten. Denn der gemeine Leser beschäftigt sich nicht mehr mit dem Feuilleton. Aber mit Blogs. Sie sind für die Masse das Sprachrohr. Und wenn man dann an vielen Stellen „Qualität!“ hineinruft, kommt vielleicht auch mehr Qualität in die einzelnen Leseleben. ich weiß, dass ist vor allem eins: eine naive Sichtweise. Aber ich bin Optimistin. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich Menschen dazu bringen kann, bewusst zu lesen – und eben nicht nur zu konsumieren. Und wenn ich eine Bekannte, die vorwiegend Krimis wie die Kluftinger-Reihe liest, dann für Dominique Manottis Krimis begeistern kann, dann ist das für mich ein sehr großer persönlicher Krimileseerfolg.
    Roman Ende. 🙂

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    • Danke erstmal für deine ausführliche Antwort, so macht diskutieren Spaß. Dein Widerspruch ist verständlich, vielleicht habe ich mich auch in der Eile etwas ungenau ausgedrückt, deshalb hier nochmal ein paar Gedanken dazu: Meine Erfahrung mit Regionalkrimis beschränkt sich auf die Regionen Pfalz, Bodensee und Schwaben, dort habe ich bereits gelebt oder als Buchhändler gearbeitet. Und was ich da erlebt habe, ist das, was ich im Text schildere, nämlich dass primär die „Einheimischen“ zum Regio-Krimi greifen. Sylt ist in dieser Hinsicht etwas knifflig, da auf Sylt wahrscheinlich zeitweise mehr Touris als Bewohner unterwegs sind, weshalb sich das nicht ganz vergleichen lässt meiner Meinung nach. Aber da magst du recht haben, ich war dort noch nicht. Es kann darüber hinaus sein, dass meine Erfahrungen einfach nicht generalisierbar sind, aber dann stellt sich mir die Frage, woher denn Frau Kuppler ihr Wissen bezieht. Ich glaube, man kann sich darauf einigen, dass es interessant wäre, dem mal auf den Grund zu gehen. Wer kauft eigentlich Regio-Krimis? Die Austauschbarkeit sehe ich übrigens auch, da habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Was ich sagen wollte war: Es gibt zwei Arten Regio-Krimis, aber keine davon würde ich als „Touri“-Krimi bezeichnen. Dass der Ellroy-Vergleich hinkt, ist mir bewusst, da war die Polemik der Vater des Gedanken. Im Kern bleibe ich aber dabei, dass Regionalität und Krimi einfach zusammengehören.

      Das mit den Kleinverlagen ist auch so ein Punkt. Ich sehe das natürlich auch so. Und gerade eine Frau Kuppler, die ja selbst im Kleinverlag arbeitet, sollte doch über die Verlagsvielfalt bescheid wissen. Deshalb ist es mir unerklärlich, dass sie so ein undifferenziertes Bild der Krimilandschaft zeichnet. Darauf wollte ich unter anderem hinaus.

      Die Blogs, ja, die werden leider gar nicht von ihr erwähnt. Darüber beschwere ich mich ja direkt am Anfang. Ich stimme dir hier in allen Punkten zu, wenn ich keine Freude daran hätte, Perlen für andere auszugraben, wäre ich nie Buchhändler geworden oder würde mir die Mühe machen, den ganzen Aufwand hier zu betreiben. Schade, dass das wohl im Feuilleton nicht stattfindet. Aber wie du auch richtig sagst: Der Feuilleton ist vielleicht einfach nicht mehr der Ort, an dem so etwas stattfinden muss.

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      • Okay, da stimme ich dir zu. Sylt ist wahrscheinlich wirklich eine Ausnahme. Da hat mich dein Argument überzeugt. Ich war zwar im Dezember da, also zur absoluten Nebensaison, aber es haben sich da noch genügend Touristen getummelt. Ich vermute mal, dass Frau Kuppler genau eine solche Ausnahme – vielleicht sogar Sylt – beobachtet und dann ihre Schlüsse gezogen hat. Da finde ich deine Beobachtungen als Buchhändler vertrauenserweckender. 😉
        Ich war heute übrigens hier (Schleswig-Holstein) in einem Buchladen. Im Verhältnis zur übrigen Belletristik hatten die eine wahnsinnig große Krimiecke. Aber fast alles nur Mainstream. Von Ariadne, Kunstmann, Polar, Penser Pulp etc. nicht ein einziges Buch. Dafür halt die großen Publikumsverlage mit vor allem Metzel-Thrillern der Marke Fitzek und Co., aber auch viele Häkelkrimis von Elizabeth George et al. Und natürlich ein großes Regal, über das das schöne Schild „Morden im Norden“ hing. Die eine Hälfte war mit Krimis von Emons und Gmeiner bestückt (wobei Emons im Norden präsenter zu sein scheint). Die andere Hälfte teilte sich: Metzel-Thriller von regionalen Schriftstellern (von denen mir kein einziger Name etwas sagte) und dann noch Krimis aus den großen Verlagen, denn wir haben hier schließlich Gisa Pauly und Klaus-Peter Wolf. Insofern bleibt mir ja nichts anderes übrig, als dir zuzustimmen. 😉
        Was ich bei meinem Besuch heute auch sehr bedauerlich fand: Direkt hinter der Kasse war ne Regalwand mit den „Leselieblingen der hier arbeitenden Buchhändler“ aufgestellt. Während bei der „literarischen“ Belletristik eine ausgewogene Mischung herrschte (man konnte nur einen Frauen- und einen Erotik-Titel bestaunen, der Rest war dann nationale und internationale Gegenwartsliteratur), war bei den Krimis nur Mainstream vertreten. Nur große Verlage, nur Krimis, die zwar unterhalten (was ja auch gut ist und sein muss), aber ansonsten keinen Mehrwert haben. Dann noch drei historische Romane (kann ich kein Urteil zur Auswahl abgeben, lese ich zu selten). Kein einziges Buch aus dem Bereich Fantasy oder Science Fiction. Ich bin ja der Meinung, dass jede Buchhandlung verpflichtet sein sollte, so eine Wand mit dem Lieblingen aufzustellen. Da weißt du als aufmerksamer Käufer gleich, woran du bist. Als Fantasy-Fan wäre ich heute schreiend weggerannt, als Krimi-Fan habe ich zumindest Tränen des Bedauerns in den Augen gehabt. In Sachen Fantasy und Krimi hätte ich mich dort keinesfalls beraten lassen. Gegenwartsliteratur indes können die da ziemlich gut.

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      • Ja, so sieht es in den meisten großen Buchhandlungen aus, Man kann den Buchhändlern da nicht mal groß einen Vorwurf machen… wir haben beispielsweise die von dir genannten Verlage im Sortiment, aber wenn sich da mal von einem Titel insgesamt 10 im Jahr verkaufen ist das ein überdurchschnittlicher Erfolg. Ich habe mich jetzt beispielsweise für Polar und Pulp Master eingesetzt, die haben wir jetzt ebenfalls im Sortiment, aber es kommen eben selten Leser, die man dafür begeistern kann. Und ein Buch, das nur im Regal steht, ist leider wirtschaftlich nicht sinnvoll. Dafür freut es einen umso mehr, wenn man mal jemanden von einem besonderen Titel überzeugen kann. So eine Wand haben wir übrigens auch, bzw. wir haben Mitarbeiter-Tipps in der ganzen Buchhandlung verteilt. Das sollte wirklich Pflicht sein, das schärft auch das Profil der Buchhandlung und man weiß, woran man ist bzw. zu welchem Buchhändler man speziell zur Beratung möchte.

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  3. „Eine Gesellschaft spiegelt sich auch in ihren Buchhandlungen wider.“ Ein sehr wahrer Satz – könnte man auch aufs Fernseh- oder Radioprogramm ausdehnen. Aber ich stimme dir voll zu, es gibt genügend Qualität, auch in der deutschsprachigen Literatur, sie hätte es höchstens verdient, öfter verkauft zu werden.
    Deiner Regionalkrimithese kann ich allerdings auch nicht so recht folgen. Die genannten Verlage schmeißen da so mit „Krimis“ um sich, dass man das schon fast als Spamming bezeichnen kann. Jetzt, wo jedes deutsche Mittelgebirge abgegrast ist, werden plötzlich auch alle französischen Departements mit einem Regionalkrimi ausgestattet. Da schaue ich schon gar nicht mehr ins Verlagsprogramm, auch wenn man dadurch möglicherweise auch eine Perle übersieht.

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    • Ja, ich gebe zu, da habe ich mich etwas in Rage geredet und das leider zu Gunsten der Stringenz meiner Argumentation. Deshalb hier nochmal verknappt und übersichtlich: Es gibt den „Regionalkrimi“, bei dem die Regionalität nicht im Vordergrund steht, und die Bücher, mit denen der Markt „vollgespammt“ wird. Ich wollte nie leugnen, dass die existieren, ich fand nur den Begriff „Touristenkrimi“ schlecht gewählt, weil ich der Meinung bin, dass primär Einheimische diese Krimis konsumieren. Aus Heimatverbundenheit und „Relevanz“. Möglicherweise irre ich mich da, aber ich kann bei Frau Kuppler nicht erkennen, dass sie irgendeine Form von Beleg für ihre Behauptung anführt, während ich mich wenigstens auf meine Erfahrungen im Buchhandel berufen kann. Was nicht heißt, dass die allgemeingültig sind. Die Krimis, die im Ausland spielen, sind für mich schon wieder eine andere Gattung. Für die würde ich sogar den Begriff „Touristenkrimi“ sehr passend finden.

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