Drastische Denkanstöße

Carrino Der Verstoß

© Pulp Master

Giovanni ist der Sohn des Mafia-Bosses Don Antonio und lernt dementsprechend früh, sich auf den Straßen Neapels durchzusetzen. Als die Polizei ihn das erste Mal festnimmt ist er gerade mal sechzehn Jahre alt. Er landet im Jugendknast. Dort sieht er zu, wie drei seiner Kollegen einen Mitgefangenen vergewaltigen. Als er „an der Reihe“ ist, bringt er den Jungen kurzerhand um. Nicht wegen des trotzigen Blicks, der ihn zugegebenermaßen richtig wütend macht. Nein, diese grausame Tat hat einen anderen Ursprung: Giovanni hat soeben festgestellt, dass er möglicherweise homosexuell ist.

Der Leser lernt Giovanni als Erwachsenen kennen. Er ist mittlerweile mit Mariasole verheiratet. Eine politische Ehe, die zwei konkurrierende Mafia-Familien miteinander verbinden soll. Die Beiden haben sogar einen gemeinsamen Sohn, doch es bleibt trotz allem eine Schein-Ehe. Während Mariasole traurig zuhause sitzt und ihren Mann oft tagelang nicht zu Gesicht bekommt, lebt Giovanni seine Sexualität in Neapels Hinterzimmern mit irgendwelchen Strichjungen aus. Bis er auf einer Geburtstagsparty während einer kleinen Orgie auf Salvatore trifft. Salvatore macht die Buchhaltung für Giovannis Vater, Don Antonio. Unter einem Vorwand besucht Giovanni ihn auf der Arbeit. Es funkt sofort zwischen den Beiden. Aus heimlichen Treffen erwächst eine echte, große Liebe. Eine Liebe, von der niemand erfahren darf.

Das mit Salvatore und mir ist ein Geheimnis in dieser Stadt. In dieser Stadt, wo alles hinter geschlossenen Türen geschieht, die Salz über die Schulter wirft, um das Böse und das Unglück abzuwenden.

Der Verstoß“ von L. R. Carrino ist harter Stoff. Zuerst hatte ich Angst, hier eine romantisch-verklärte Kampfschrift für Toleranz in den Händen zu halten, aber wo Pulp Master drauf steht, ist Pulp Master drin. Die Geschichte umfasst keine hundert Seiten, sie ist heftig und kompromisslos, und die obszön-pornographische Darstellung sexueller Handlungen lässt „Shades of Grey“ im direkten Vergleich aussehen wie „Hanni und Nanni“. Das dürfte nicht jedermanns Sache sein. Wer sich mit der expliziten Schilderung einer Vergewaltigungsszene lieber nicht belasten möchte, der sollte einen weiten Bogen um dieses Buch machen. Man kann sich natürlich generell fragen, was das soll, ob das wirklich sein muss, aber diese Diskussion führt zu weit, um sie hier mal eben kurz zu führen.

„Der Verstoß“ ist ein Buch, das von den Gegensätzen lebt. Der brutale Sex und der Protagonist, der scheinbar ohne Gewissen über Leichen geht, passen so gar nicht zur zarten Liebesgeschichte, die der Autor uns hier erzählt. Giovanni kämpft mit sich. Er versucht erst, seine Homosexualität zu verdrängen, sein Anderssein durch extrem maskulines Auftreten zu vertuschen, dem Begriff der „Männlichkeit“, so wie ihn die Camorra verstehen, gerecht zu werden. Dann, als er einsieht, dass seine Gefühle zu stark sind, versucht er nur noch es zu vertuschen. Kann ein hohes Tier wie er einfach so ein Doppelleben führen? Muss nicht früher oder später jemand bemerken, dass er sich ziemlich oft unter irgendwelchen Vorwänden wegschleicht? Die Paranoia folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Zwei streunende Hunde an der Asse Mediano, die sich von Weitem beobachten. Zwei Hunde im Müll, die sich mustern und anbellen, sich wittern und ankläffen, dann wie Kletten aneinanderhängen, sich beschnuppern. Zwei Hunde, die miteinander ficken und für immer zusammenbleiben und dann doch wieder nicht. Zwei Hunde, die ihrer eigenen Wege gehen.

In Carrinos Roman trifft Dantes „Göttliche Komödie“ auf Polizisten, die ihren Ehering im Hintern eines Transvestiten verlieren. Den Leser erwartet eine Mischung aus Pornographie und Brutalität, wie sie typisch für die Pulp-Literatur ist, aber es gibt durchaus auch feinfühlige Romantik zu entdecken, die man bei so einem Buch eher weniger erwarten würde. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die sich nachts zusammen das Meer anschauen, im Alltag aber Gefangene der sozialen Strukturen sind, in denen sie sich bewegen. In Rückblenden, Dialogen und inneren Monologen legt der Autor ihre Beziehung offen, das große Geheimnis, dass den Leser zum Mitwisser macht. Man kann nicht anders, als dem brutalen Giovanni und seinem Partner die Daumen zu drücken. Eine Zitterpartie, denn hinter jeder Seite könnte das Ende lauern.

Zweifelsohne hat Carrino sich hier ein Tabuthema aufgegriffen. Statt die Vorstellung von Mafia zu bedienen, die „Der Pate“ oder „Sopranos“ vermitteln, setzt er sich in „Der Verstoß“ mit einem Problem auseinander, das so gar nicht zu diesem Bild passen will: Wie lebt es sich als Homosexueller in einer Welt, die Homosexualität ausblendet? Dabei gelingt ihm das Kunststück, den angeblichen Gegensatz des harten Heterosexuellen und des feinfühligen Homosexuellen in einem Protagonisten zu vereinen. Das kann man ihn nicht hoch genug anrechnen. Wer mehr über Homosexualität bei den Camorra erfahren will, dem sei das sehr informative Nachwort von Christian Gabriele Moretti ans Herz gelegt. Ansonsten bleibt mir nur zu sagen: Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen, man sollte sich nur vorher genau überlegen, ob man es auch verdauen kann – und ob man das überhaupt möchte.

Heute Morgen dann habe ich mir die Nachrichten angesehen. Sie haben nichts gebracht, was mich interessiert hätte. Oh ja, heute weiß man alles aus dem Fernsehen. Man weiß alles von allen, das, was sie abziehen und warum sowieso. Sie sagen dir nicht, wer es getan hat. Logisch. Aber wer es getan hat, das weiß ich selbst, das brauchen die mir nicht zu erzählen.

„Der Verstoß“ von L. R. Carrino ist bei Pulp Master erschienen. Die Übersetzung aus dem Italienisch stammt von Frank Nowatzki.

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Ein Gedanke zu “Drastische Denkanstöße

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