Apocalypso Now

Barry Stadt Bohane

© Tropen/Klett-Cotta

Irland im Jahre 2053: Die Stadt Bohane (man spricht es Bo-haan!) wird von der Hartnett Fancy regiert. Der Boss, Logan Hartnett, auch „Mr. Aitsch“, „Der lange Lulatsch“, „Albino“ oder einfach nur „Bino“ genannt, kontrolliert den kompletten Handel und die Prostitution im berüchtigten Viertel Smoketown. Er lebt mit seiner hübschen Frau Immaculata, auch „Macu“ genannt, in einem wunderschönen Haus am anderen Ende der Stadt und genießt das Leben. Doch seine Neider wetzen schon die Messer. „Eyes“ Cusack von den Hängen der Northside Rises will einen Teil vom Kuchen ab, egal, ob er dafür einen Krieg riskieren muss. Außerdem geht das Gerücht um, dass Gant Broderick, auch „Der Gant“ genannt, nach 25 Jahren in die Stadt zurückgekehrt sein soll. Der Gant war quasi sowas wie Hartnetts Vorgänger, sowohl was die Fancy, als auch seine Frau betrifft. Grund genug, sich Sorgen zu machen, da bräuchte er nicht noch intrigante Leute in den eigenen Reihen. Leute wie die unkontrollierbare Jenni Ching.

Sie fischte einen Zigarrenstumpen aus der Tittentasche ihres weißen Vinylhoodies, steckte ihn an. „Auffer annern Seite der Brücke ist die Kacke am Dampfen, Mr Aitsch.“

Kevin Barrys Debütroman „Dunkle Stadt Bohane“ ist ein in jeder Hinsicht atypischer Krimi. Die Zukunft, die der Autor hier entwirft lässt sich schwer mit irgendeiner anderen literarischen Zukunftsvision zu vergleichen, auch wenn Barry sich munter überall bedient. So liebevoll wie er seine Stadt entwirft, so fantasievoll wie Bewohner, Bräuche und Historie beschrieben werden, fühlt man sich an den kürzlich verstorbenen Fantasy-Autor Terry Pratchett erinnert. Das Setting, seine „Retro-Zukunft“ ist eine Mischung aus „Clockwork Orange“, „Sin City“ und „Max Max“. Er legt viel Wert auf die besondere Garderobe seiner Protagonisten und wirft dem Leser regelmäßig Bilder auf die mentale Netzhaut, die irgendwo zwischen Fashion Week, „Robin Hood: Helden in Strumpfhosen“  und Amateuraufnahmen von Familienfeiern aus den 80ern angesiedelt sind. Seine Detailverliebtheit kennt keine Grenzen.

„Würd ich nich fürne Dose Sardellen vonner Bettkante stoßen.“ „Klar nich, Wolf. Wie’s Auge von der ein bisschen nach innen verdreht iss? Voll geil.“

Zurück zur Geschichte: Alle wollen scheinbar auf den Thron: Der Albino, der Gant, Eyes Cusack und die toughe Jenni Ching. Die meiste Zeit ist es ein taktisches Umkreisen, ein Abwägen. Jeder muss Anhänger um sich scharen. Klar, dass am Ende alles auf ein tosendes Finale, eine große Straßenschlacht in den Gassen Bohanes hinauslaufen muss. Bis es aber soweit ist, folgen wir dem namenlosen Erzähler auf seinen Streifzügen durch die Stadt und staunen über die unerschöpfliche Fantasie ihres Architekten. Die Spannung, mit der hier gearbeitet wird, ist die Spannung, die ein Kind verspürt, wenn es eine ihm völlig fremde Umgebung erkundet. Hinter jeder Ecke lauert eine Sensation.

Es würde eine Fehde geben, wie sie Bohane seit scheißannodazumal nicht mehr erlebt hatte.

Bohane ist ein bisschen wie Gotham City. Hier herrscht das Verbrechen und gleichzeitig scheint die Stadt fast völlig unabhängig von der restlichen Welt, der „großen Nichtsöde“ zu existieren. Alle wichtigen Figuren sind kriminelle Straßenköter, die Polizei ist nur dazu da, die etlichen Morde irgendwie als Suizid zu verkaufen. Die Presse ist natürlich ebenfalls gekauft. Aus den Häusern tönen abwechselnd Calypso-Platten aus den 70ern und Dub, man betet zu „Sweet Baba Jay“, der natürlich am Kreuz starb, und unterhält sich in einer Sprache, die an das Pigeon English englischer Vorstädte erinnert, laut Autor aber irischen Ursprungs ist. Dieses Kauderwelsch sorgt, gepaart mit der ungewöhnlichen Sprache, die der unbekannte Erzähler verwendet, dafür, dass man am Anfang die waghalsigen Sätze zwei, drei Mal lesen muss, aber hinterher umso tiefer in dieser seltsamen Welt versinkt.

Welch infernalischer Ort in schwarzer Nacht – eine traurige Traumwelt jenseits der Fußgängerbrücke. In den hageren Gassen der Altstadt lehnten sich die alten Häuser zueinander: Na-wie-geht’s-uns-denn-so?

Man kann Kevin Barry nur bewundern, angesichts dieses über die Maßen ungewöhnlichen Romans. Lange habe ich nichts mehr gelesen, was sprachlich so innovativ war und mich außerdem so oft zum Lachen gebracht hat. Wer einmal in Bohane war und den Leuten zugehört hat, wie sie in ihrem typischen Slang über die kleinen Dinge des Alltags quatschen, wie sie am Tresen in Erinnerungen über längst vergangene Tage schwelgen, wie sie in schillernden Kostümen die 98 Stufen zu den Northside Rises hinaufsteigen, um sich vom Wind den Verstand aus der Spur pusten zu lassen, der möchte so schnell nicht mehr von dort weg. Wer dieses Buch nicht liest, verpasst definitiv etwas.

„Dunkle Stadt Bohane“ von Kevin Barry ist gerade als Hardcover im Tropen Verlag erschienen. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Bernhard Robben.

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2 Gedanken zu “Apocalypso Now

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