Familienbande

Dexter Unter Brüdern

© Liebeskind

Wir befinden uns im Philadelphia der frühen 60er Jahre. Die Italiener und die Iren existieren einigermaßen friedlich nebeneinander. Während die einen die Straße kontrollieren, kontrollieren die anderen die Gewerkschaften. Aber dieses Gleichgewicht ist fragil. Sogar der kleine Peter Flood merkt, dass sich irgendetwas zusammenbraut. Die Leute, die seinen Vater besuchen, wirken alle irgendwie unglücklich. Er mag keinen davon, vor allem nicht seinen Onkel Phillip. Was er noch nicht weiß: Er wird schon bald bei ihm wohnen, denn der Friede zwischen den beiden Parteien ist nicht das Einzige, das in Gefahr ist.

Der Hund ist weiß und hat rote Augen mit schwarzen Krusten in den Augenwinkeln, und wenn er Peter ansieht, offenbart sich sein ganzes Wesen in diesen Augen, das zurückgehalten wird von einem winzigen Fade, von etwas, das man ihm beigebracht hat. Und der Junge spürt, wie der Hund an diesem Faden zerrt, und er weiß, dass nichts von dem, was dem Tier beigebracht worden ist, sein Wesen verändert hat.

Pete Dexter hat für seinen bereits 1991 in den USA erschienen Roman die Perspektive des Peter Flood gewählt. Die Perspektive eines Kindes, das sich auch mit dem Erwachsenwerden nicht großartig verändert, sondern immer irgendwie in der Vergangenheit lebt und nur halbherzig am Leben teilnimmt. Dieser Blickwinkel ist ungeheuer spannend, weil der Leser so die meiste Zeit im Dunklen tappt und nicht wirklich weiß, worum es geht. Peters Gedanken sind nie konkret, aber er hat ein gutes Gespür für das Unausgesprochene. Er bemerkt kleine Gesten und heimliche Blicke, die seinem Vater entgehen. Der Autor gibt dem Leser nur diese beschränkte Sicht der Dinge, wodurch das große Ganze nur ganz langsam sichtbar wird. Als würde man einen Film drehen und die Kamera immer nur auf den Hinterkopf des Hauptdarstellers halten.

Unter Brüdern“ lebt vor allem vom Gegensatz der beiden Protagonisten.  Peter ist ein stiller, nachdenklicher Junge, der kaum Freude am Leben hat, sich aber in das, was er tut, total reinhängt. Sei es das Boxtraining, zu dem sein Onkel ihn schleift, nachdem sein Cousin und er verprügelt wurden, oder das Dachdecker-Handwerk, das ihm viel interessanter erscheint, als die bürokratische Gewerkschaftsarbeit. Überhaupt hält er sich gern auf Dächern auf, am liebsten an der Kante. Und dann ist da sein Cousin, Michael, der beim Boxtraining nur fernsehglotzend in der Ecke sitzt und auch sonst keinen Finger krumm macht. Er hasst Peter, bemüht sich aber trotzdem stets um dessen Zustimmung. Die beiden wachsen wie Brüder auf, sind es aber zu keinem Zeitpunkt.

„Mit neunundsiebzig bist du nicht mehr voll da. Wenn du so alt bist, fängst du an, deinen eigenen Schwanz komisch zu finden.“

So nimmt die Geschichte ihren Lauf, und der eigentliche Konflikt zwischen Italienern und Iren gerät immer mehr in den Hintergrund. Er findet am Rand statt, ist eine Art ständiges Hintergrundrauschen. Pete Dexter beschränkt die Schauplätze seines Romans auf ein Minimum, die Protagonisten tingeln zwischen Bar, Boxhalle und Kneipe hin und her und halten sich ansonsten meistens zuhause auf. Michael gewinnt mit der Zeit immer mehr an Macht, während Peter alles egal zu sein scheint. Er möchte nur nicht, dass Unschuldige in den Konflikt hineingezogen werden, der immer wieder Tote fordert. Peter weiß, dass das Ganze übel enden wird, und der Leser weiß es auch, von Anfang an.

Am einsamsten sind die, deren Feinde gestorben sind. Sie sitzen auf Klappstühlen vor ihrem Haus, vom Frühling bis zum Herbst, lassen die alten Debatten aufleben, sagen es diesmal richtig, sagen alles, was sie schon längst hätten sagen sollen, und es ist keiner da, der ihnen zuhört.

„Unter Brüdern“ ist eine unspektakuläre, wunderschön erzählte Geschichte, in der es weniger um den eingangs erwähnten Bandenkrieg, sondern vielmehr um Familienbande geht. Alles dreht sich um diese unsichtbare Verbindung, die zwischen Peter und seinem Cousin besteht. Sie haben nichts gemeinsam, außer ihrer Abstammung, und scheinbar reicht das, dass sie sich nicht nur miteinander abgeben, sondern sich sogar gegenseitig den Rücken stärken, auch wenn sie glauben, dass der andere im Unrecht ist. Aber wie viel Unrecht verträgt eine solche Beziehung? Mit eindrucksvollen Bildern geht Pete Dexter dieser Frage auf den Grund. Er tut dies auf seine unverwechselbare Art, mit dem Ton eines klassischen amerikanischen Erzählers, bei dem jedes Wort an der richtigen Stelle sitzt. Das Thema, die Verbindung von Kriminalität und Gewerkschaft, ist ebenso typisch amerikanisch, und interessiert mich ehrlich gesagt wenig. Aber wer so schreibt, der kann seine Themen von mir aus wählen wie er möchte. Es wird immer ein Genuss sein, seine Werke zu lesen.

„Unter Brüdern von Pete Dexter ist gerade bei Liebeskind als Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Götz Pommer.

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4 Gedanken zu “Familienbande

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