Aufstieg und Fall eines Imperiums

Romanzo_Criminale_klein

© Aufbau

Rom, Ende der 70er Jahre: Eine neue Bande macht sich in der Stadt breit. Man weiß nicht viel über sie, nur, dass sie nichts mit den Camorra zu tun haben. Dandi gehört dazu, ein intelligenter Typ, der von dem Drang getrieben wird, etwas darstellen zu wollen. Freddo gehört dazu, ein Straßenköter, ein loyaler, trauriger Typ, der eher ein Macher ist als einer, der große Reden schwingt. Und natürlich Libanese, Kopf und Herz er Organisation. Der Stratege. Gemeinsam sind sie dabei, Rom zu erobern. Um den Laden übernehmen zu können, müssen sie sich aber erst einmal um die Vorbesitzer kümmern. Der Beginn eines blutigen Machtkampfes.

„Hast du noch immer nicht begriffen Santana? Ich will das, was ihr alle wollt!“ „Und zwar?“ „Rom.“ „Bum! Mussolini hat gesprochen!“

Der Leser erlebt die Pubertät einer kriminellen Organisation. Das Gefühl, unbesiegbar zu sein, während man eigentlich ständig in Lebensgefahr schwebt.  Die Unverfrorenheit, mit der Libanese und seine Leute sich das nehmen, was sie haben wollen. Wir erleben eine wilde Zeit voller Frauen, Waffen und Koks. Wir erleben aber auch den Zusammenhalt, die Loyalität, die sie alle miteinander verbindet und fiebern mit ihnen. Auch wenn wir wissen, dass das nicht lange auf diese Weise weitergehen kann. Der Weg an die Spitze ist mit Patronenhülsen gepflastert, und das ruft einen Richter und einen Polizisten auf den Plan, die sich einfach nicht kaufen lassen wollen.

 „Die Angst ist eine gute Freundin, Freddo“, sagte Libanese weise. Der Joint hat ihm gutgetan, und die kleinen Pünktchen der fernen Sterne, die immer größer wurden, machten ihm Lust zu lachen. Er wusste nicht, warum, aber er war glücklich.

Giancarlo de Cataldo, der sich für dieses Mafia-Epos verantwortlich zeichnet, ist selbst Richter am Schwurgericht in Rom. Sein Roman „Romanzo Criminale“ ist Teil einer Tetralogie, welche die Machenschaften der Mafia im Rom der 70er bis zum heutigen Tag zum Thema hat. Ich gebe zu, dass mir dieser Umstand zu Beginn meiner Lektüre nicht bewusst war, weshalb ich an dieser Stelle wenig über den Zusammenhang der einzelnen Bände sagen kann. Ich weiß nur so viel: Das Buch lässt sich ohne jegliches Vorwissen lesen und ist in sich abgeschlossen. Es war in Italien ein riesiger Erfolg, wurde mittlerweile in etliche Sprachen übersetzt, 2005 verfilmt und von 2008 bis 2011 sogar in Form einer Fernsehserie erzählt.

Dass Cataldo Richter ist äußert sich nicht nur in der Figur des Richters Borgia. Zu Beginn agiert Libaneses Organisation noch auf semi-professionellem Niveau. Schauplatz der Schlachten, die sie schlagen, ist immer die Straße Doch sie breiten sich immer weiter aus, erobern die Drogenumschlagplätze, knüpfen Kontakte und setzen irgendwann so viel Geld um, dass sie sich plötzlich über ganz andere Dinge Gedanken machen müssen. Von nun an kämpfen sie öfter vor Gericht um die Freilassung eines Kollegen als auf der Straße um Territorium. Es will sich ohnehin keiner mehr mit ihnen anlegen. Verrat, Intrige und Politik halten Einzug in den Roman, dessen Geschichte jetzt sogar teilweise in Gerichtsbescheiden erzählt wird. Und irgendwann sind da so viele Anwälte, Richter, Polizisten, Kommunisten, Barone und Mafiosi, dass es unüberschaubar wird. Zum Glück hat der Folio Verlag ein Personenregister auf den Umschlag gedruckt.

Die Anwesenheit von Geheimdienstbeamten auf der Bühne des Massakers war mehr als gerechtfertigt. Sie ermittelten, das war ihr Job. Aber er wusste, wer diese Männer waren. Er wusste, wen sie in Rom protegierten. Ermittelten sie, um etwas in Erfahrung zu bringen, oder um andere daran zu hindern, etwas in Erfahrung zu bringen?

Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: „Romanzo Criminale“ ist besser als „Der Pate“ von Mario Puzo. Es ist größer, verworrener, vielfältiger. Das geht leider manchmal zu Gunsten der Lesbarkeit, was weniger an der Sprache liegt, die wunderschön lesbar ist, sondern an der Menge der agierenden Personen und dem oft fehlenden Wissen über italienische Zeitgeschichte. Was war da nochmal mit den Kommunisten? Diesen Roman lesen bedeutet auch Arbeit. Die Anlage seines gigantischen Buches erinnert an Ellroys L.A. Quartett, die Handlung die meiste Zeit über an ein Drama von Shakespeare. Der Inhalt aber, der entstammt zu einem großen Teil der Realität. Cataldos hat den Anspruch, die Wirklichkeit abzubilden, auch wenn er ihr mitunter lebensgefährlich nahe kommt. So erhielt beispielsweise sein Kollege Carlo Bonini, mit dem er seinen aktuellen Roman „Suburra“ schrieb, Morddrohungen nach dessen Veröffentlichung. In der Sicherheit der eigenen vier Wände kann man seine Bücher aber gefahrlos konsumieren. Sie sind ein Plädoyer gegen jede Art von Korruption und Machtmissbrauch, egal ob illegal oder nicht.

 „Möchten Sie wissen, wann wir endlich europäischen Standards entsprechen werden? Sobald wir uns von der perversen Verfilzung von Politik, Unterwelt, korrupten Unternehmen, irregeleiteten Geheimdiensten befreit haben … wenn dieses Krebsgeschwür herausoperiert ist … sofern es überhaupt jemals herausoperiert werden wird …“

„Romanzo Criminale“ von Giancarlo de Cataldo ist als Taschenbuch beim Aufbau erschienen. Die gebundene Aufgabe erschien im Folio Verlag Wien. Für die Übersetzung aus dem Italienischen zeichnet sich Karin Fleischanderl verantwortlich.

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5 Gedanken zu “Aufstieg und Fall eines Imperiums

  1. Pingback: Sendung vom 19.04.2015 | Der Schneemann

  2. Ich lehne mich dann mal mit dir zusammen weit aus dem Fenster, denn ich teile deine Meinung aus vollem Herzen! Puzo hat halt romantisiert, hatte von der Mafia-Materie nicht die Ahnung wie de Cataldo, der die Fratze des organisierten Verbrechens ungeschönt zeigte, ohne dabei aber den Faktor Mensch zu übergehen. Aber was soll ich mich wiederholen, das habe ich ja alles schon mal für die Polar Gazette geschrieben: http://www.polar-gazette.de/?p=5990

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    • Die Filme haben durch die Musik und die schauspielerische Leistung natürlich nochmal eine eigene Qualität, aber rein von der Geschichte und der bereits angesprochenen Authentizität her ist „Romanzo Criminale“ auf jeden Fall überlegen.

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  3. Pingback: Vorschau 2016: Teil 16 | Der Schneemann

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