Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag

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Letzten Donnerstag kam „Der Freitag„, den ich mir am Samstag gekauft habe, um ihn am Sonntag zu lesen und heute, am Montag, darüber zu schreiben. So viel zum Zustand unserer Welt. Nun aber zu den interessanten Dingen. Ich habe mir den Freitag nämlich nur gekauft, um an das darin enthaltene Krimi-Spezial zu kommen, ich habe quasi den Hauptgang bestellt um die Beilage essen zu können. So viel zu meinem Zustand. Noch interessanter wird es aber, wenn ich euch verrate, dass diese Beilage sich so richtig gelohnt hat. Genrekenner und Fachfremde beschäftigen sich darin mit den Krimi-Neuerscheinungen des Frühjahrs und unterhalten dabei so gut, dass es eine wahre Freude ist.

Kröger HavarieThekla Dannenberg (Mord und Ratschlag) feiert Merle Krögers neuen Roman, in dem die Autorin ein Kreuzfahrtschiff mit einem Flüchtlingsboot kollidieren lässt. „Havarie“ sei „so kunstvoll wie politisch“ und nicht nur des Themas wegen der deutsche Krimi der Stunde. Der Argument Verlag war so nett, mir in mein letztes Päckchen eine Leseprobe rein zu packen, die mich schon über alle Maßen fasziniert hat. Merle Kröger scheint mir eine ungemein stilsichere Autorin zu sein, die den Spagat zwischen Inhalt und Form bravourös meistert. Sobald mein riesiger Lesestapel mal abgefrühstückt ist werde ich mich bestimmt über dieses Buch hermachen.

wieninger revolver„Thomas-Bernhard-Charme“ attestiert Joachim Feldmann dem Privatdetektiv Marek Miert, dem Protagonisten von mittlerweile sieben Krimis des Österreichers Manfred Wieninger. In seinem neuen Abenteuer soll der „preisgünstigste Privatermittler Niederösterreichs“ eigentlich nur das Grundstück eines kürzlich Verstorbenen bewachen, wird dann aber in eine Geschichte hineingezogen, an deren Ende ein sagenumwobener Goldschatz wartet. Feldmann vergleicht den löchrigen Plot zwar mit einem Schweizer Käse, hatte aber gerade deshalb riesigen Spaß bei der Lektüre. Er liest „Der Mann mit dem goldenen Revolver“ (James Bond, anyone?) als eine skurrile Liebeserklärung ans Genre und freut sich besonders, wenn die Hauptfigur sich ironisch an ihren Schöpfer wendet.

Uygur Flucht aus dem HöllenhofDie zweite Tasse Kaffee und der erste Artikel, über den ich ein wenig gestolpert bin. Die Islamwissenschaftlerin Sophie Elmenthaler nimmt sich „Flucht aus dem Höllenhof“ von Baris Uygur an, dem zweiten Istanbul-Krimi mit Polizeikommissar Süreyya Sami in der Hauptrolle. „Ich muss gestehen, dass ich normalerweise keine Krimis lesen“ heißt es gleich zu Beginn. Dementsprechend hat ihre Buchbesprechung zwar einen ganz besonderen Charme und liefert Erkenntnisse aus einem etwas anderen Blickwinkel, hat mir persönlich aber überhaupt nicht weitergeholfen. Es ist mehr das textgewordene Staunen einer Akademikerin, die davor nur Agatha Christie und Georges Simenon kannte. Ihr Fazit: Das Fundament des Krimis ist Matsch, aber der Autor baut darauf ein sehr schönes Haus.

Dann darf „Deutschlands Krimikritiker No. 1“ ran. In einer wunderschönen Hommage an den französischen „Erneuerer des Noir“, Jean-Patrick Manchette, erklärt er uns, warum es Sinn macht, sich als Autor auch außerhalb des Genres zu bewegen, und was wir von jemandem, der seit zwanzig Jahren tot ist, heute noch lernen können. Ob man Manchette mag oder nicht, Thomas Wörtche liefert einem hier die Begründung. Lest es einfach selbst, danach seid ihr garantiert schlauer als vorher und werdet mit dem Gefühl zurückgelassen, dass da jemand genau das gesagt hat, was ihr nicht so wirklich in Worte fassen konntet. Mir ging es jedenfalls so.

Und dann das Herzstück. Marcus Müntefering im Gespräch mit James „demon dog“ Ellroy. Dazu sage ich jetzt mal gar nichts, das ist einfach ganz großes Tennis und alleine Grund genug, sich den „Freitag“ zuzulegen. Wie hier die gewohnt provokativen Aussagen des amerikanischen Kultautors mit Informationen zu dessen Werk, insbesondere zu „Perfidia„, verwoben werden, ist einfach ein Genuss. Wer immer schon wissen wollte, warum Ellroy einmal innerhalb eines Jahres 12.000 Dollar in Blumen investiert hat, und außerdem erfahren will, womit man ihn unbedingt in Ruhe lassen sollte, der darf das nicht verpassen.

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Gleich zwei Autoren nimmt die Romanistin Eva Erdmann auf ihrer Suche nach dem „einen großen Krimiautor“ unter die Lupe. Ihre Kriterien: Glaubwürdige Krimis muss er schreiben, die uns auf spannende Weise etwas über unsere Landesgeschichte vermitteln – und außerdem „exportfähig“ sind. „Schwarzmaler“ von Harald Pflug ist ihr zu „holzschnitthaft“ geraten, Rainer DohsMordkap“ scheint ihr da schon besser zu gefallen. Es bleibt aber immer noch Literatur „von Laien für Laien“, so richtig überzeugt scheint sie auch von diesem Werk nicht zu sein. Generell war der Artikel etwas wirr, die Suche nach „dem“ Krimiautor offensichtlich erfolglos und das Fazit zumindest fragwürdig.

atkins stadt der ertrinknendenNichts neues im nächsten Artikel. Timon Karl Kaleyta fällt in die allgemeinen Lobeshymnen zu „Stadt der Ertrinkenden“ ein, dem neuseeländischen Noir-Roman des blutjungen Autors Ben Atkins. Ja, es ist verrückt, dass einer mit 15 Jahren schon Sätze geschrieben hat, die andere Schriftsteller in ihrer ganzen Karriere nicht hinbekommen. Und nein, ich hab es immer noch nicht gelesen. Keine Ahnung, ob das dieses Jahr noch was wird, ich habe es mir jedenfalls fest vorgenommen und möchte mich hier nicht schon wieder darüber ausweinen, dass die Verlage mir so viele Bücher zukommen lassen. Was erlauben die sich?

Jochen Vogt geht er Frage nach, was der leidenschaftliche Krimileser Bertolt Brecht wohl für einen Krimi geschrieben hätte, wenn er noch dazu gekommen wäre. Die Antwort ist so langweilig wie sie ernüchternd ist: Es wäre wohl ein klassischer „Whodunit“ nach englischem Vorbild geworden, denn laut Brecht handelt ein Krimi „vom logischen Denken“ und ist damit eine Art „rationalistisches Experiment“. Kurz: Er hätte nichts Neues beizutragen gehabt. Wahrscheinlich würde er heute „Tatort„-Drehbücher schreiben, vermutet Vogt.

kuhlmeyer night trainAls „psychedelisches Roadmovie“ bezeichnet die Autorin Edina Picco den neusten Roman ihrer Kollegin Anne Kuhlmeyer. „Night Train“ bietet eine ungewöhnliche Geschichte, bei der sich der Leser nie ganz sicher sein kann, was gerade tatsächlich passiert, weil sich die Protagonisten die ganze Zeit Opiate einwerfen. Nach „Der Bulle im Zug“ der zweite zeitgenössische Zug-Krimi, der die Vorteile der Bahn-Card 100 anpreist. Bei der nächsten langen Zugfahrt werde ich mich damit beschäftigen. Jetzt muss ich aber langsam mal aufhören zu frühstücken, sonst geht das hier nahtlos ins Mittagessen über. Ein Artikel noch…

black blonde schwarzen augenEkkehard Knörrer (Merkur) ist enttäuscht von „Die Blonde mit den schwarzen Augen„. Benjamin Black aka John Banville liefert mit seinem Philip Marlowe Roman zwar eine stilistisch einwandfreies Chandler-„Mimikry“ ab, das Buch hat darüber hinaus aber nichts zu bieten. Gut gemachte Fan Fiction mit Autorisierung, geschrieben von einem Autor, der für einige seiner Romane den Literaturnobelpreis verdient hätte. Von Krimis sollte er aber die Finger lassen, rät Knörrer, dann wird es vielleicht auch mal was mit Stockholm.

Ich mag es einfach, mein Frühstück auf dem Zeitungspapier zu verteilen und dabei noch richtig gut geschriebene Artikel über mein Lieblingsgenre zu lesen. Beim nächsten Krimi-Spezial bin ich mit Sicherheit wieder dabei. Wer sein Frühstück lieber auf dem Laptop oder Tablet rumstehen hat, der kann einige der Artikel bereits hier nachlesen. Ansonsten bleibt nur zu sagen: Holt euch diese Ausgabe, bevor es zu spät ist.

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8 Gedanken zu “Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag

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