Sternstunde der deutschen Kriminalliteratur

miehe puma

© Dumont

Neun Jahre war er für alle nur Häftling Nr. CZ 8731, aber jetzt ist der Puma wieder auf freiem Fuß. Franz Morgenroth, so sein bürgerlicher Name, ist nicht etwa geläutert, im Gegenteil: In seiner Zelle hat der Gangster aus dem Elsass mit dem Raubkatzen-Tattoo den ganz großen Coup geplant. Auslöser dafür war ein Zeitungsausschnitt, ein Foto genauer gesagt. Darauf ist der Großindustrielle Kammerloh zu sehen, wie er zusammen mit seiner Tochter Billie für die Fotografen posiert. Dass Kammerloh stinkreich ist, das weiß der Puma. Deshalb will er ja auch dessen Tochter entführen. Was der Puma allerdings nicht weiß: Kammerloh und seine Tochter haben nicht gerade das beste Verhältnis…

„Ich bin in Deutschland, in München. Das Spiel ist so eins, das man nur mit reichen Leuten macht. Der Einsatz: eine Drei mit sechs Nullen.“

Beinahe vierzig Jahre ist sind nun vergangen, seit „Puma“ von Ulf Miehe zum ersten Mal erschienen ist. Die Geschichte, die er in seinem Buch erzählt, spielt in Frankreich, New York und Deutschland. Diese Schauplätze sind mehr als nur Orte der Handlung, sie sind vor allem Geburtsstätten unterschiedlicher ästhetischer Schulen, die den Stil des Romans geprägt haben. „Puma“ orientiert sich ebenso am französischen Kino der Nouvelle Vague wie am Gangsterfilm aus Hollywood, an großen amerikanischen Autoren wie Jim Thompson und James M. Cain ebenso wie an der reduzierten, einfachen Sprache eines Georges Simenon. Und doch findet Miehe seinen eigenen Ton und versucht zu keinem Zeitpunkt nur eine Kopie zu sein. „Puma“ ist kein Import, es folgt einer eigenen Vision.

Die Liebe zum Genre ist in diesem Buch nicht zu übersehen. Während die Passagen in Deutschland und Frankreich noch den Anspruch haben, nebenbei auch etwas (Zeit-)Geschichte zu vermitteln, lässt er bei dem Teil, der in den USA spielt, die Klischees von der Leine. Miehe hat sich trotz seines kurzen Amerika-Aufenthalts zur Recherche immer noch den Blick eines Menschen bewahrt, der das Land nur aus Filmen und Kriminalromanen kennt. Er versucht das erst gar nicht zu verbergen. Trotzdem stößt man sich nicht an diesen Abschnitten, im Gegenteil, man fühlt sich blendend unterhalten. Der Spaß, den Miehe beim Schreiben einer solchen völlig überzeichneten Hommage gehabt haben muss, überträgt sich auf den Leser. Es ist auf überdrehte Art und Weise zum Kaputtgehen schön.

„Das nächste Mal breche ich dir den Arm“, sagte Franz. Der Mann am Boden sah ihn erschrocken an und rieb sich die rechte Schulter. „Und putz dir mal die Zähne“, sagte Franz. „Ist eine Zumutung, der Gestank.“

Der Puma ist die moralische Identifikationsfigur in dem ganzen Trubel. Er steht zwar auf der Seite des Verbrechens, handelt aber nach einem klaren Kodex, der einer gewissen Logik folgt und auf die Vermeidung unnötigen Leidens abzielt. Er mordet nicht, wenn es nicht sein muss. Außerdem war er im französischen Widerstand, was ihn per se über uns Deutsche, also die Kriegstreiber und ihre Nachkommen, erhebt. Auf der anderen Seite steht Kammerloh, das „Opfer“, zwar auf der Seite des Gesetzes, repräsentiert aber den moralischen Verfall. Er schläft mit der Frau seines Untergebenen und verdient sein Geld mit dem Verkauf von Panzern an Schurkenstaaten, außerdem zeigt er sich kaltherzig seiner Tochter gegenüber. Es ist klar, mit wem sich der Leser solidarisiert.

Ulf Miehes „Unterweltballade“ erzählt vor allem von der Liebe. Der unreifen Liebe von Billie zu wechselnden männlichen Bekanntschaften, darunter der Sänger David Blue und der Puma höchstselbst, sowie der verbotenen Liebe von Ingrid Wegner, der Frau von Kammerlohs rechter Hand, zum Chef ihres Mannes. Nahezu alle Figuren sehnen sich an irgendeinem Punkt danach, geliebt zu werden – oder zumindest nach körperlicher Nähe. Liebe ist der Motor des Romans, das Element, das verantwortlich für die unerwarteten Wendungen und Konflikte ist. Ingrid Wegner offenbart uns in einer Szene ihre Erkenntnis, „dass der, der mehr liebt, der Schwächere ist“. Das könnte in bestimmter Hinsicht das Motto des gesamten Romans sein. Und irgendwie auch nicht.

Das Baßgestampfe der Soulmusik aus dem Plattenladen überdröhnte die Fahrstuhlmusik aus den unsichtbaren Lautsprechern im Gang, aus dem Supermarkt daneben knödelte ein Sänger mit angestrengtem Bariton irgendwas von Freundschaft und einer Bergwanderung, und eine blecherne Frauenstimme pries den sehr ge-ährten Kun-dän Schweinskopfsülze kiloweise und Zinnteller als Wandschmuck im Dutzend an.

Schade, dass Ulf Miehe in seinem kurzen Leben nicht mehr solcher Bücher schreiben könnte. Sein viel zu früher Tod ist ein großer Verlust für die deutsche Krimi-Szene gewesen. „Puma“ lässt erahnen, wohin die Reise gegangen wäre. Miehe gelang es, die Noir-Tradition nach Deutschland zu holen, indem er eine ganz eigene, im Vergleich zu seinen Vorbildern regelrecht positive Version davon erschuf. Das ist sonst bis heute kaum jemandem gelungen, spontan fällt mir da nur Jörg Fauser ein. Fauser hielt Miehe übrigens für den besten deutschen Krimiautor überhaupt – und der muss es wissen, immerhin hat er den „Schneemann“ geschrieben.

Ulf MIehe wäre morgen 75 Jahre alt geworden. Auf diese Rezension wird deshalb ein ausführliches Porträt seiner Person folgen, das dann auch in der Sendung vom 17.05. zu hören sein wird. „Puma“ ist in einer neueren Ausgabe weiterhin beim Dumont-Verlag erhältlich.

weitere Bücher aus dem Leseprojekt: Dumont Noir

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4 Gedanken zu “Sternstunde der deutschen Kriminalliteratur

  1. Pingback: Leseprojekt: Dumont Noir | Der Schneemann

  2. Pingback: Der Unsichtbare | Der Schneemann

  3. Mir gefällt sehr, dass Du Doch abgesehen von den Neuerscheinungen immer wieder auch den Klassikern widmest. Ich lese das gerne. Zum Thema ‚Noir nach Deutschland bringen‘ möchte ich gerne noch Frank Göhre ergänzen, den meines Erachtens wichtigsten deutschsprachigen Noir-Autoren.

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