Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Lansdale Kälte im Juli

© Heyne

Wo bekommen Schriftsteller eigentlich ihre Ideen her? Als der texanische Autor und Genre-Grenzgänger Joe R. Lansdale mit seiner Familie ein Haus besichtigt, bemerkt er  ein Einschussloch. Der Makler versichert ihm, dass es dem keine Schießerei oder gar einen Mord zugrunde liegt, aber Lansdales Fantasie hat sich zu diesem Zeitpunkt schon längst selbstständig gemacht. Er kauft das Haus zwar nicht, aber das Einschussloch bleibt ihm erhalten. Es verfolgt ihn bis in den Schlaf. Innerhalb einer Nacht will er die komplette Geschichte von „Die Kälte im Juli“ (Hierzulande erstmals 1997 unter dem Titel „Kalt brennt die Sonne über Texas“ bei Rowohlt erschienen) geträumt haben – inklusiver aller Nebenfiguren. Das muss ein Alptraum gewesen sein.

Richard Dane liegt mit seiner Frau Ann im Bett, als er ein Poltern im Haus wahrnimmt. Wie jeder gute Amerikaner hat er natürlich eine Waffe in Reichweite, und schleicht sich mit dieser in der Hand die Treppe hinunter. Er will nachsehen was vor sich geht. Unten angekommen bemerkt er den Lichtkegel einer Taschenlampe, der suchend umherirrt. Vor ihm steht ein junger Mann, der ebenfalls bewaffnet ist. Richard erholt sich als erster von dem Schreck, den dieses nächtliche Zusammentreffen auslöst. Er schießt, und der Einbrecher ist auf der Stelle tot. Kopfschuss. Sein vierjähriger Sohn Jordan, der oben im Kinderzimmer schläft, wacht von all dem nicht auf. Wenige Minuten später trifft die Polizei ein.

Der Tod in der Realität war ganz gewiß nicht wie der Tod im Fernsehen. Er war fies und roch und klebt an einem wie eine schlimme Krankheit.

Lansdale schildert, wie der Alltag von Ann und Richard sich nach dieser Tat verändert. Das Familienidyll ist in Gefahr, da helfen auch vergitterte Fenster und Alarmanlagen nicht. Er erzählt von den Ängsten, aber auch von den ganz profanen Problemen, die so ein Mord mit sich bringt. Wie bekommt man beispielsweise Blutspritzer und Gehirnmasse wieder von der Wand? Und wenn schon ein neues Sofa angeschafft werden muss, wie soll es aussehen? Dringende Fragen, die in den meisten Krimis einfach unter den Tisch fallen. Dass sich der Autor die Zeit nimmt, diese zu beantworten, macht sowohl seine Figuren als auch den Roman an sich unglaublich authentisch und lebensnah. Und etwas skurril natürlich.

Es kommt aber noch dicker. Der Vater des toten Einbrechers, Russel, ist gerade erst aus dem Knast entlassen worden. Richard trifft ihn auf der Beerdigung, von der er sich wider besseren Wissens nicht fernhalten konnte. Der Mann droht ihm, ganz beiläufig, und löst damit bei Richard eine ungemeine Panik aus. Was, wenn er seiner Familie etwas antut? Die Polizei ist machtlos, da die Drohungen nicht innerhalb des Gesagten, sondern zwischen den Zeilen stattgefunden haben, stellt aber inoffiziell jemanden ab, um das Haus der Danes zu bewachen. Richard, Ann und Jordan sollen Köder spielen. Was aber wenn Russel tatsächlich unbemerkt ins Haus eindringen kann? Heißt es dann: Du hast mir den Sohn genommen, jetzt nehme ich dir deinen? Die Anspannung zermürbt nicht nur Ann und Richard.

Unser Haus war nicht mehr der private Raum, erfüllt von unserem Geist, unseren Gedanken, ja auchvon unseren Streitereien. Es war nur noch ein Gegenstand aus Glas, Holz und Steinen, das jeder beliebige Schurke mit einer Brechstange oder einem Schraubenzieher aufbrechen konnte.

Das, was ich bisher beschrieben habe, ist gerade mal der Anfang dieses Buches. Was folgt, ist schlicht atemberaubend. Das erste Drittel von „Die Kälte im Juli“ gehört zu dem Besten, was ich jemals im Krimi-Genre gelesen habe. Man ist unglaublich nah an den Figuren, am Geschehen, es ist eine sehr intensive, körperliche Erfahrung. Der Leser leidet mit Dane  und die Angst manifestiert sich auch außerhalb des bedruckten Papiers. Man sitzt mit offenem Mund da, wenn die Geschichte plötzlich dreht. Was genau passiert, lasse ich jetzt mal Dunklen. Auf die weitere Handlung einzugehen würde den Lesegenuss völlig zerstören. Aber vertraut mir, so etwas ist euch noch nicht untergekommen.

„Die Kälte im Juli“ ist ein Buch über Väter und Söhne, über die Verantwortung die man trägt, wenn man ein Lebewesen in diese Welt setzt. Richard möchte seinen Sohn beschützen, Russel hingegen möchte seinen Sohn rächen. Es ist aber auch ein Buch über das Eindringen des Bösen, des Chaotischen in das behütete Leben einer typisch bürgerlichen Familie. Gerade dieser Punkt führt zu einer maximalen Identifikation mit den handelnden Figuren. Sei es nun Richard, der beschützen möchte, was er liebt und im Töten eines Mannes nichts Ruhmreiches erkennen kann, oder Ann, die Stimme der Vernunft, die im weiteren Verlauf des Buches zur mahnenden Stimme des Lesers wird, der vor dem Geschriebenen sitzt und denkt „Oh Gott, bitte mach das nicht!“. „Die Kälte im Juli“ ist nichts für schwache Nerven und man beneidet Joe R. Lansdale nicht darum, dass er das alles geträumt haben will. Glauben muss man ihm diese „Legende“ natürlich nicht, aber eines steht fest: Andere Autoren träumen davon, solche Bücher zu schreiben.

„Die Kälte im Juli“ von Joe R. Lansdale ist gerade bei Heyne im Taschenbuch erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Teja Schwaner.

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5 Gedanken zu “Das Böse kommt auf leisen Sohlen

  1. Ein Traum, dieses Buch…und die Verfilmung kann da durchaus mithalten, auch dank der glorreichen Besetzung: Michael „Dexter“ C. Hall, Don Johnson, Sam Shepherd und ein „Wild Bunch“ aus unbekannten Charakterfressen…schöner Text übrigens…best, Marcus
    PS Lansdales „Hap & Leonard“-Bücher gibt’s bald als TV-Serie, mit Michael „Omar“ K. Williams (exzellent) und James Purefoy (fragwürdig).

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    • Danke für die Blumen, lieber Marcus. Was den Film angeht gebe ich dir recht, in ein paar Tagen folgt hier auch noch eine Rezension. Einziger Schwachpunkt ist meiner Meinung nach das Fehlen von Ann, die im Buch ein angenehmes Gegengewicht zu den John-Wayne-Fantasien ihres Mannes darstellt. Was Hap & Leonard angeht – das habe ich mitbekommen und bin schon gespannt, der gute Joe ist ja der Twitter-König unter den amerikanischen Autoren und hält mich daher bestimmt auf dem Laufenden.

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