Waiting for the Man

gran dope

© Droemer

Die Story ist simpel: Ein Mädchen aus gutem Hause ist verschwunden und die Eltern machen sich große Sorgen. Zuletzt lief es an der Universität nicht so gut, sie trieb sich mit seltsamen Freunden herum und hat ein bisschen mit Drogen herumexperimentiert. Doch jetzt scheint sie wirklich abhängig geworden zu sein und kommt seit Wochen schon nicht mehr nach Hause zurück. Josephine „Joe“ Flannigan soll das Mädchen finden. Denn sie kennt sich aus in der Unterwelt, wie Mr. Und Mrs. Vorort-Idylle die dunklen Ecken New Yorks nennen. Sie scheinen ihr Wissen über die Drogen-Szene zwar aus billigen Taschenbüchern zu haben, aber immerhin zahlen sie gut. Außerdem müssen sie verzweifelt sein, denn wer sonst würde sein Geld und das Leben seiner Tochter einem Ex-Junkie anvertrauen?

Er hielt inne und sah seine Frau an. Sie kehrte aus der Ferne zurück und erwiderte seinen Blick. Er wandte sich wieder mir zu. „Meine Tochter ist drogenabhängig, Miss Flannigan. Meine Tochter ist ein … ein Junkie.“

Dope“ spielt in den 1950er Jahren. Zwischen Straßenstrich und Tanzlokal versuchen Figuren wie Joe ihre Lebensumstände irgendwie zu verbessern. Die ehemals heroinsüchtige Titelheldin (Von heroin zu heorine ist es kein allzu weiter Weg) hat ihrer Sucht den Rücken gekehrt, lebt aber immer noch das Leben eines Junkies. Mit Diebstählen hält sie sich über Wasser, denn etwas anderes hat sie nie gelernt. Sara Gran zeigt uns eine junge Frau, die schon früh für sich alleine sorgen musste und an der Last „nur“ zusammengebrochen statt zerbrochen ist. Joe bereut ihre Vergangenheit, vor allem die Tatsache, dass sie ihrer kleinen Schwester keine gute Ersatzmutter war. Die scheint es aber auch ohne ihre Hilfe mittlerweile von der Straße in die High Society geschafft zu haben.

Das Frauenbild in „Dope“ ist der Zeit, in der der Roman spielt, angepasst und damit extrem rückständig. Für die Frau scheint es nur drei mögliche Lebensentwürfe zu geben: Heroin, Heirat oder Hollywood. Entweder bleibt sie arm, findet einen Mann, der sie aushält oder schafft es auf die große Leinwand wie ihre berühmten Vorbilder. Jeder dieser Lebensentwürfe hat einen Preis, den sie alle mit ihrem Körper bezahlen. Entweder verkaufen sie ihren Körper direkt an die Männer oder bieten ihnen die Illusion von Sex, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei nehmen sie ihre (Ehe-)Männer/Freier auch noch in Schutz, selbst dann, wenn sie geschlagen werden – oder Schlimmeres. Auch Joe war mal so. Ihr Mann hat sie erstmals mit Heroin in Kontakt gebracht. Jetzt versucht sie einen selbstbestimmten Weg zu gehen und ist damit die einzige Frau im Buch (mal abgesehen von Randfiguren wie Maude), die gegen die männerdominierte Gesellschaft aufbegehrt. Lässt man für einen Moment mal außer Acht, dass man sich in der Vergangenheit befindet, wird aus der Authentizität der Darstellung schnell eine bitterböse Anklage der  heutigen Verhältnisse.

Was den Entzug unmöglich machte, war diese furchtbare Einsamkeit da draußen, wo man ganz allein war. Hier, bei den anderen Junkies, hatte Monte seinen Platz. Die Leute wussten, wer er war. Er wusste, wer er war. Wenn Monte kein Abhängiger mehr war, würde er bloß ein weiterer armer Schmock aus Hell’s Kitchen sein, der nichts aus seinem Leben gemacht hatte.

Sara Gran sollte den deutschen Krimilesern spätestens seit ihrer fantastischen Reihe um die exzentrische Ermittlerin Claire de Witt ein Begriff sein. „Dope“ ist vor „Die Stadt der Toten“ und „Das Ende der Welt“ entstanden, man sollte aber nicht den Fehler machen, es deshalb für weniger ausgereift zu halten. Es ist anders, in gewissem Sinne klassischer. In der Tradition der Private-Eye-Romanene von Autoren wie Chandler und Goodis schickt die Autorin ihre Protagonistin auf eine Schnitzeljagd durch ihren Geburtsort Brooklyn. Sara Gran nimmt die Sache dabei nicht halb so ernst wie ihre männlichen Kollegen und offenbart gekonnt die Schwächen, die viele solcher Geschichten mit sich bringen. Es sind die Lücken im Plot, die der Hauptfigur zur Verhängnis werden.

„Laufe nie mit einer geladenen Waffe herum, es sei denn du willst sie benutzen“, fuhr er fort. „Es ist wie bei Tschechow. Wenn im ersten Akt ein Gewehr vorkommt, sollte es spätestens im dritten Akt abgefeuert werden.“

„Dope“ ist ein teils witziger, teils sehr gefühlvoller Detektivroman. Das New York der 50er ist hässlich, die Beschreibungen der Autorin erinnern zuweilen an die gnadenlosen Gedichte eines Charles Bukowski, weil auch sie in all den wüsten Bildern noch Grund zur Hoffnung entdeckt. Gran zeichnet ein detailliertes Bild von dem Milieu, in dem sie ihre Geschichte ansiedelt, ohne dabei zu verurteilen. Ihre schlaglichthaften Junkie-Biographien zeigen deutlich, wie schmal und oft willkürlich die Trennlinie verläuft, die „die da unten“ von unserem „normalen“ Leben ausschließt. Mit so viel Empathie hat das zuletzt nur Liza Cody geschafft. Aber auch die Geschichte selbst gibt Einiges her. Als ich das Buch fast zu Ende gelesen hatte, bin ich bei meinem Kollegen in der Buchhandlung gewesen und habe gesagt: „Das ist ein richtig gutes Ding, nur das Ende hat mich ein bisschen enttäuscht. Also, ich bin noch nicht ganz fertig, aber ich glaube da kommt nicht mehr viel…“ Von wegen!

„Dope“ von Sara Gran ist gerade bei Droemer im Premium-Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Eva Bonné.

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3 Gedanken zu “Waiting for the Man

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