Hochliterarischer Edeltrash

Maia Krieg der Bastarde

© Droemer

Eigentlich will der Pornodarsteller Amadeu nur kurz bei seinem Chef Salvatore vorbeischauen, um ihm mal die Meinung zu sagen. Und zu kündigen. Er will sich mit seiner Freundin Gina, einer rothaarigen Boxerin, irgendwo eine neue Existenz aufbauen. An der Tür zu dessen Büro wird er dann aber Zeuge, wie Salvatore jemanden erschießt und all sein zusammengenommener Mut ist dahin. Unschlüssig steht er herum, bis er einen kurzen, erstickten Schrei hört. Etwas fällt zu Boden. Salvatore. Herzinfarkt. Wie ein Schlafwandler betritt Amadeu das Büro und schnappt sich das Wertvollste, was er auf die Schnelle finden kann: Eine riesige rote Sporttasche voller Kokain.

Er häufelt einen weißen Berg auf, einen Zauberberg, dessen Senken er zum ersten Mal mit Skiern hinabfahren, dessen Verwerfungen er ausweichen wird. Mit dem Griff des Löffels zieht er Straßen in den Berg, drei kurze, parallele Linien, begrenzt wie das Leben. Er fragt sich, wo er anfangen, welchen Weg er nehmen soll.

Ana Paula Maia, die laut Verlag früher in einer Punkband gespielt hat, ist mit „Krieg der Bastarde“ ein ganz besonders Buch gelungen. Die brasilianische Schriftstellerin mischt Pulp mit Poesie und findet so einen völlig neuen Zugang zum Genre, der dieses gleichzeitig auch für ein breiteres Publikum attraktiv macht. Denn so anzüglich manche Schilderungen auch sein mögen, ihre bildhafte, melodische, lyrische Sprache bildet einen krassen Kontrast zur Thematik. Hier treffen Kunst und Kriminalität aufeinander, Filmschaffende verkehren mit Drogendealern und in den elendsten Bruchbuden wird über die kulturelle Bedeutung des Geschlechtsteils philosophiert. Bei Ana Paula Maia mutet selbst die Inhaltsangabe eines Pornofilms wie Weltliteratur an.

Dieser Hintern macht ihn stolz, er hat ein wahres Vermögen an Edelsteinen, Mikrofilmen und Computerchips über so manchen Ozean transportiert. Dank der Informationen in ihrem Anus wurde sogar ein Präsident abgesetzt.

Der Klappentext verrät es schon: Amadeu wird vom Auto überfahren. Damit setzt er eine Flut von Ereignissen in Gang, die sich irgendwo zwischen absurden Zufällen und unvermeidlichen Zusammenstößen abspielt. Die ganze Stadt ist hinter der Sporttasche her. Eine Handvoll schräger Figuren, darunter eine einbeinige Regisseurin und ein Chihuahua mit Verstopfung, machen sich auf, das Geheimnis um Amadeus Verschwinden zu lüften. Zu diesen Zeitpunkt weiß nämlich niemand, dass dessen kalter Körper in der Pathologie vor sich hin fault. Eine Story wie ein übler Scherz, eine sich selbst in den Schwanz beißende Schlange.

„Mir wäre es nicht recht, von einem beschissenen Straßenköter gefressen zu werden“, seufzt Pablo Sasaki. Wenn schon, dann von einem Tiger oder Löwen … aber doch nicht von einem schwulen Pudel mit rosa Fell , der Fofinho heißt. Echt nicht.“

Was das Buch so außergewöhnlich macht, ist der unerschöpfliche Anspielungsreichtum. Da hätten wir „Don Quijote“, „Der Zauberberg“, „Verbrechen und Strafe“, aber auch Werke der Populärkultur wie Burroughs‘ „Naked Lunch“, „Überwachen und Strafen“ von Foucault oder Aldous Huxleys Meskalin-Studie „Die Pforten der Wahrnehmung“. Die Akteure zitieren sich dumm und dämlich, hören dazu Abba oder das Knacken von Kaminfeuer und schauen sich wahlweise Bruce Lee Filme oder Pornos an. Spätestens wenn gegen Ende ein Sterbender etwas von Jack Kerouac zitiert, schmilzt das Herz eines jeden Literaturliebhabers nur so dahin.

Im Fernseher läuft eine Nachrichtensendung, die beide kaltlässt, trotzdem bleibt er eingeschaltet. Eine Art Aquarium, das seltene Menschentypen beherbergt, die mit ihren Flossen durch die Pixelwellen der blau leuchtenden Plasmagewässer planschen.

Koks ziehen im Beichtstuhl und Ratten, die Hunde töten – „Krieg der Bastarde“ ist ein vor Ideen überschäumendes, irre witziges Buch, das mich öfter zum Lachen gebracht hat, als ich zählen konnte. Kein Wunder, dass es in Brasilien gerade verfilmt wird. Dort ist „A guerra dos bastardos“ nämlich längst Kult, was sich mit Umberto Eco sehr gut erklären lässt. Der hat nämlich mal gesagt, „Kult“ würde etwas dann werden, wenn es aus so vielen Zitaten und Versatzstücken besteht, dass sich mühelos einzelne Teile daraus zitieren lassen, die auch außerhalb des Gesamtkunstwerks funktionieren. Wie zum Beispiel ein … ach, ich hab schon viel zu viel gesagt. Lesen!

„Krieg der Bastarde“ von Ana Paula Maia ist gerade als Taschenbuch bei Droemer erschienen. Die Hardcover-Ausgabe erschien beim A1 Verlag. Die Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch stammt von Wanda Jakob.

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3 Gedanken zu “Hochliterarischer Edeltrash

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