Dem Eiffelturm so fern

Guez Paris die Nacht

© Polar

Eigentlich sind Abraham und Goran nur aus dem Haus gegangen, um zu feiern. Ein Bier trinken zu gehen, Freunde zu treffen, Drogen zu kaufen. Doch dann bemerken sie, dass in der Kneipe, in der sie sitzen, irgendetwas vorgeht. Ein ziemlich breiter Typ bewacht die Tür zum Hinterzimmer, durch die immer wieder Männer nach hinten verschwinden. Männer in teuren Klamotten. Die beiden Jungs wittern illegales Glücksspiel, also eine ganze Menge Geld. Zwischen ihnen und einer glorreichen Zukunft scheint nur dieser Türsteher zu stehen. Also tüfteln sie einen Plan aus, wie sie den Laden überfallen können. Doch der Traum vom schnellen Geld lässt sie leichtsinnig werden.

Erst als ich älter wurde, erkannte ich, dass der Lärm zur Armut gehört. Diese Wut, die immerzu am Köcheln ist, entsteht durch den Mangel an Bildung, durch Gewalt und das völlige Fehlen von Intimsphäre. Da, wo ich herkomme, leben alle zusammen in einem Zimmer, in Wohnungen, der Wände so dünn sind wie Zigarettenpapier. In meiner Straße ist es unmöglich, Ruhe zu finden, und wir wachsen alle so auf.

Paris, die Nacht“ von Jérémie Guez entführt den Leser in ein anderes Paris, abseits der touristischen Sehenswürdigkeiten. Es ist das Paris der Drogen, der Polizeigewalt, der Migranten und ihrer Kinder, die desillusioniert in Wettbüros vor sich hinvegetieren. Es ist das Paris, das wir mit brennenden Autos und Straßenkrawalle verbinden. Und mit Widerstand. Dafür ist in diesem Roman aber kein Platz. Die Figuren sind wütende, gebrochene Menschen ohne Hoffnung, die sich in einer Gewaltspirale verfangen haben, der sie nicht mehr entkommen können. Die Gewaltbereitschaft in den Banlieues ist bei Guez ein Symptom der Zwei-Klassen-Gesellschaft, keine Folge einer politisch motivierten Trotzhaltung. Die politische Haltung wird ihnen höchstens von besoffenen Studenten angedichtet, um nicht zu sagen aufgedrängt. Ernüchternd, aber vor allem ganz nüchtern erzählt.

„Natürlich habe ich Angst…“ „Es geht nicht nur um Angst. Wenn es uns gelingt, mit Hilfe von Waffen an Geld zu kommen, wird das unser ganzes Leben verändern.“

Abraham und Goran sind intelligent und reflektiert. Beide wissen eigentlich, auch aus eigener Erfahrung, dass eine Straftat schwerwiegende Folgen hat. Ihr Problem ist, dass die Alternative, der Alltagstrott, ihnen nur wenig Argumente dafür liefert, es bleiben zu lassen. Die Männer in ihren Viertel sitzen entweder, wie Abrahams Vater, lethargisch vor dem Fernseher oder im Knast. Es gibt keine Zukunftsperspektive. Den Gedanken Abrahams zu folgen, der die Geschichte erzählt, ist dementsprechend deprimierend. Es sind die Gedanken eines jungen Mannes, der sehenden Auges in den Abgrund geht, weil er nichts zu verlieren hat.  Seine Wut scheint grenzenlos zu sein und zerstört jedes andere Gefühl, das sich hin und wieder zaghaft an die Oberfläche wagt. Seine Wut ist sein Motor, wenn nicht sogar der Motor des ganzen Romans.

Wieder auf der Straße. Ich erkenne das Viertel nicht wieder. Ich schlage den Flaschenhals auf den Asphalt, um sie zu öffnen. Der Alkohol fließt heraus. Ich hebe die Flasche vorsichtig hoch, über meinen Kopf, damit möglichst wenig rausläuft. Ich spritze mich überall damit voll.

Trotz aller Wut und Ablehnung ist das Viertel die Heimat von Abraham und Goran. Jeder kennt sie hier, so wie sie jeden kennen. Das wird ihnen zum Verhängnis, denn auch diejenigen, die sie überfallen haben, wohnen dort. Es dauert also nicht lange, bis jeder in einem Umkreis von einigen Kilometern weiß, wer das Ding gedreht hat. Sie werden gejagt. Beide wissen, dass sie im Falle einer Flucht alles aufgeben müssten. Sie müssten ihr Zuhause und damit ihre Identität zurücklassen. „Woanders sind wir ein Nichts“, heißt es im Roman. Sie bleiben lieber an dem Ort, den sie kennen, mit der Gewissheit, keine Zukunft zu haben, als woanders hin zu gehen, wo nur die Ungewissheit auf sie wartet. Paradox, ja, sogar leicht schizophren, aber allzu menschlich.

Ich lasse die Tasche fallen. Es bringt nichts davonzulaufen, denn ich bin selbst das Böse, vor dem ich weglaufen will. Selbst wenn ich bis ans andere Ende der Welt flüchte, wird das mein Leben nicht verändern. Ich schließe die Tür und verdufte, ohne irgendetwas mitzunehmen.

„Paris die Nacht“ ist ein kleines, feines Genre-Glanzstück und so „Noir“ wie es nur geht. So Noir, dass die Bilder in Schwarz-Weiß vor dem inneren Auge ablaufen. Zeitweise zerfließt man vor Melancholie, dann reißt einen die Kompromisslosigkeit der Erzählung wieder zurück in die harte Wirklichkeit. Es gibt keine Moral, es ist kein Lehrstück, es prangert nicht an. Jérémie Guez erzählt einfach. „Paris, die Nacht“ könnte der Realität entnommen sein, eben weil an diesem Roman nichts konstruiert wirkt. Sowohl der Autor (siehe Thekla Dannenbergs Nachwort), als auch seine Figuren lassen sich nicht auf eine simple Aussage reduzieren. Wenn überhaupt, dann würde diese lauten: Dinge passieren.

In diesem Moment, als wäre der Gedanke der Gipfel an Erkenntnis, wird mir klar, dass sich mein Leben hier abspielt und dass ich daran hänge, so gewalterfüllt und mittelmäßig es auch sein mag.

Jérémie Guez ist ein verdammt junger Autor. Nicht ganz so jung wie sein Kollege Ben Atkins, dessen „Stadt der Ertrinkenden“ ebenfalls im Polar Verlag erschien, aber mit seinen 26 Jahren noch relativ frisch im Geschäft. „Paris, die Nacht“, sein Debüt, hat er bereits mit 22 Jahren veröffentlicht. Es ist der erste Teil seiner Paris-Trilogie, die im Original mittlerweile vollständig vorliegt. Bleibt zu hoffen, dass die fehlenden zwei Bände auch hierzulande bald erschienen, denn eines hat Guez in seinem ersten Roman leider noch nicht geschafft: Seine eigene Stimme zu finden. Es fehlt das Alleinstellungsmerkmal, der Wiedererkennungswert. Wäre interessant zu erfahren, ob sich das bei den Nachfolgern geändert hat. So oder so haben wir es hier ohne Frage mit einem vielversprechenden Newcomer zu tun, den man im Auge behalten sollte.

„Paris, die Nacht“ ist bei Polar im Premium Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Cornelia Wend.

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2 Gedanken zu “Dem Eiffelturm so fern

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