Der alte Mann und das Meer

Schulz Onno Viets

© Galiani

Es beginnt, wie soll es auch anders sein, in einer Kneipe. „Facebook analog“. Christopher „Stoffel“ Dr. jur. Dannewitz trifft dort auf seinen Vetter Donald Maria Jochemsen. Vetter Donald ist Künstler und schrieb unter dem Pseudonym „DJ Sacknaht“ ein Theaterstück, das gerade Internet und Feuilleton im Sturm erobert. Jetzt möchte er erstmal eine Auszeit nehmen und seinen amourösen Verpflichtungen nachkommen. Er hat sich mal wieder eine viel zu junge Frau ausgeguckt, die es nun mit einem spontanen Besuch zu überraschen gilt. Seine Herzensdame arbeitet auf einem Kreuzfahrtschiff, der „Flipper IV“, da lässt sich doch Vergnügen mit Vergnügen verbinden. Aber Vetter Donald ist ein pillenfressender Neurotiker. Ohne Leibwächter traut er sich nicht aufs Meer raus. Und wer wäre für den Job besser geeignet als Onno „Noppe“ VIets?

Der Onno Viets. Ich dekompensier gleich.“

Frank Schulz hat Fans, keine Leser – und das nicht nur im Norden. Es gibt sogar eine „Liga zur Beförderung der Lektüre Frank Schulz’scher Schriften in Mittel- und Süddeutschland“, in deren Satzung unter anderem Folgendes geschrieben steht: „§ 8 Irreführenden dahingehenden Äußerungen, Frank Schulz könne nur von Norddeutschen verstanden werden, treten die Mitglieder in Wort, Schrift oder Tat energisch entgegen.“ Als eben jener Frank Schulz nach seiner vielbeachteten „Haagener Trilogie“ plötzlich den Tischtennis spielenden Hartz-IV-Detektiv Onno Viets auf die Welt losließ, gab es kein Halten mehr. „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ schafft es sogar auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2012. Ein lustiger Kriminalroman beim wichtigsten Literaturpreis des Landes. Davon kann man wahrscheinlich noch seinen Enkeln erzählen. Wer ihn nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen, denn ohne die Vorgeschichte ist „Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ nur halb so gut.

„Wenn ich schon all die konvexen Weiber sehe“, raunte er, „wie sie so casual durch die Gegend kegeln. Casual, sage ich.“

Man glaubt als Leser, einfach nur ein episches Tischtennismatch zu verfolgen. Dann überrollt einen die schlechte Nachricht: Onno leidet unter posttraumatischer Belastungsstörung. Sein letzter Fall lässt ihn nicht los. Er trinkt wieder viel. Er hat Angst, seine Frau Edda würde ihn betrügen. Seinem gutmütigen Grienen fehlt das Glitzern. Seine Freunde, allen voran Vetter Stoffel, haben die Hoffnung, dass sein Leibwächter-Job ihm die nötige Ablenkung verschaffen könnte. Eine Runde auf dem „schwimmenden Unterhaltungsknast“ und Onno ist wieder Alte. So weit die Theorie. Nun ist Vetter Donald aber ein übellauniger Kotzbrocken, der sich die meiste Zeit über in seiner eigenen Biographie suhlt und damit nicht unbedingt der perfekte Reisebegleiter.

Es gibt wieder Unterhaltung satt in diesem Roman. Frank Schulz ist ein Sprachjongleur, ein Virtuose auf dem Gebiet des guten Schnack, ein Autor, der mit offenen Ohren durch die Welt spaziert. Die Worte, mit denen er die Geschichte Onnos erzählt, sind wie kleine Torpedos, die auf die Lachmuskeln niederprasseln. Dazu kommen dann noch die scharfzüngigen Beobachtungen des Künstlers Donald, und man fühlt sich direkt heimisch. Neu ist das Zwischenspiel. Immer wieder werden Auszüge aus Donalds Stück, „Kasper Spackennacken. Arien und Szenarien aus Vulgarien“ eingestreut. Anzügliche Possen, wahlweise in Dialekt oder „politisch korrekter Hochsprache“ konsumierbar. Alleine die „Übersetzung“ zu verfolgen macht schon tierisch Spaß. Außerdem gelingt Frank Schulz etwas, was dem großartigen David Foster Wallace meiner Meinung nach nicht gelungen ist: Den Wahnsinn einer Kreuzfahrt unterhaltsam und witzig aufzubereiten, ohne dabei herablassend zu wirken.

Tatsächlich war nicht ganz abwegig die Frage, wer eine derartige polymorphe Geschmacklosigkeit an Innenarchitektur wohl verzapft haben mochte. „Den Entwurf: Ein gemütskranker Trekkie“, raunte Vetter Donald. „Gemütskrank, sage ich. Und die Umsetzung … die Umsetzung ein heillos zerstrittenes Kombinat. Mit signifikantem Anteil transsexueller Hobbyschreiner … likörsüchtiger Landfrauen … und farbenblinder Astrologinnen. Und für die Glitzerelemente eine Voliere Elstern.“

Onno Viets hat seine Leichtigkeit verloren, man kann es nicht anders sagen. Der geduldigste Mensch der Welt mit dem Herzen aus Gold wurde von der Realität heftig geohrfeigt. Es tut weh, ihn so zu sehen,  ihn und seine halbherzigen Versuche, sich Vetter Donalds Zynismus vom Leib zu halten. Man hat das Bild eines nassen Pudels vor Augen (das Tattoo, ihr wisst schon), der die Ohren hängen lässt und den Schwanz einzieht. Unermüdlich schleppt sich Onno zu den unterschiedlichsten Veranstaltungen, schaut sich die Städte an, in deren Häfen sie anlegen, übt sich mit Personal und Miturlaubern in der Kunst des Smalltalk. Er will Spaß haben. Ausspannen. Die Seele baumeln lassen. Doch der Leser wird das Gefühl nicht los, als hinge die ohnehin schon am seidenen Faden.

Wo Vetter Donald Fratzen sieht, erkennt Onno Leute. Hier und da versucht er, ins Gespräch zu kommen. Doch selbst bei beiderseitigem guten Willen – es versickert im Nichts.

„Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ ist trotz des überschäumenden Witzes, für den Frank Schulz dieses Jahr nicht zum ersten Mal den „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ erhielt, ein ernstes Buch. Es gibt ein Verbrechen, es gibt einen Fall, aber es ist nicht wirklich ein Kriminalroman. Die Ermittlungen, sofern sie diesen Namen verdienen, machen einen Bruchteil des Buches aus. Es ist vielmehr ein Roman über die Grausamkeit der Welt, über die Naivität der Gutmütigen, ein Roman, von dem der Leser schon zu Beginn weiß, dass er nicht gut ausgehen kann. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der ohne eine Rüstung aus Zynismus und Ironie gegen die Windmühlen der modernen Welt ankämpft. Nach der Lektüre fragt man sich: Wie viel Onno steckt noch in mir? Braucht unsere Welt nicht Menschen wie Onno? Will ich in einer Welt ohne Menschen wie Onno überhaupt leben? Es wäre schlimm, wenn Frank Schulz uns nach diesem sehr guten, extrem melancholischen Buch auf dem Trockenen sitzen lassen würde. Fortsetzung folgt. Hoffentlich.

„Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen“ von Frank Schulz ist gerade bei Galiani Berlin im Hardcover erschienen. Für die Übersetzungen aus dem Hamburger Dialekt in die „politisch korrekte Hochsprache“ zeichnet sich der Autor höchstselbst verantwortlich.

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4 Gedanken zu “Der alte Mann und das Meer

  1. Gute Nachrichten, bei der Lesung im Nochtspeicher vor ein paar Wochen hat Frank Schulz versprochen, dass es zumindest noch einen weiteren Onno geben wird, der zeitlich zwischen dem Irren und den baumelnden Seelen angesiedelt sein wird…gibt ja auch schon eine Andeutung im aktuellen Roman, dass da noch was vorgefallen sein muss…best, Marcus

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