Midlife-Crisis am Mittelmeer

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© Goldmann

Es scheint Konsens zu sein, dass Gianrico Carofiglio ein großartiger Autor ist. Das mag stimmen. Ich persönlich habe vor „Am Abgrund aller Dinge“ nie ein Buch von ihm in der Hand gehabt. Die Geschichte und das gelungene Cover haben mich aber förmlich angezogen, ich habe den Roman daher auch in meiner Jahresvorschau erwähnt. Kaum hatte ich ihn endlich zuhause und die erste Seite aufgeschlagen, war ich gepackt. Völlig von der Außenwelt isoliert. Sogwirkung? Strudel! Trotzdem, irgendwie bin ich mit dem Roman nicht warmgeworden. Und das hat Gründe.

In Bari, wo die meisten von Carofiglios Geschichten spielen, wird ein Mann bei einem Überfall erschossen. Enrico Vallesi, seines Zeichens Autor eines Buches, Lektor und Ghostwriter, liest davon in der Zeitung. Den Namen des Mannes, Salvatore Scarrone, kennt er nur zu gut. Sie sind zusammen zur Schule gegangen. Salvatore war um einiges älter als der Rest der Klasse und obendrein ein Linker. Außerdem wusste er sich damals schon zu wehren. Der junge Enrico, ein Außenseiter, hätte alles gegeben um zu sein wie er. Als Salvatore ihn eines Tages zu sich nach Hause einlud, um ihm die Kunst der Selbstverteidigung beizubringen, das Kämpfen, war Enrico natürlich Feuer und Flamme – aber da wusste er auch noch nicht, wie brutal sein Training verlaufen sollte.

Ich bin dreizehn Jahre zur Schule gegangen, habe also dreizehn erste Schultage gehabt, aber aus verschiedenen Gründen erinnere ich mich nur an drei. Der erste in der Grundschule ist mir vor allem wegen der Demütigung im Gedächtnis geblieben.

Vom Tod eines Menschen zu erfahren, den man kannte, wirft einen aus der Bahn. Meistens jedenfalls. Salvatore entscheidet sich, der Geschichte auf den Grund zu gehen. Dafür muss er zurück nach Bari, seinen Heimatort, zurück in seine Vergangenheit. In Rückblenden wird erzählt, wie Salvatore und Enrico zum ersten Mal aufeinandertreffen und was sie gemeinsam erleben. Es ist eine Coming of Age Geschichte. Auf den restlichen Seiten folgen wir Enrico auf seiner kleinen Odyssee. Am Anfang fällt es gar nicht so leicht, die beiden Erzählstränge miteinander in Verbindung zu bringen, so sehr hat Enrico sich verändert. Aus dem schüchternen, wehrlosen Jungen ist ein rechthaberischer, zynischer Mann geworden, der in einer Midlife-Crisis feststeckt. Ein regelrechter Unsympath.

Wichtig wäre, mal über die Art nachzudenken, wie du deine Mitmenschen und deine Umwelt siehst. Über deinen abgedroschenen, lächerlichen Möchtegernintellektuellen-Zynismus

Nun gibt es bestimmt Bücher, die trotz unsympathischer Protagonisten wunderbar funktionieren. Vor allem im Krimibereich. Man denke an einen x-beliebigen Roman von James Ellroy, Jim Thompsons „Der Mörder in mir“ oder, um ein aktuelleres Beispiel zu nennen, „Gone Girl“ von Gillian Flynn. Umgekehrt macht eine sympathische Hauptfigur noch lange keinen guten Roman. Enrico Vallesi ist aber so abgehoben, so pseudointellektuell, so derart wehleidig, dass es ein Grauen ist. Er badet permanent im Selbstmitleid und zitiert dazu alles herbei, was nicht bei Drei auf dem Baum ist. Das ist vom Autor mit Sicherheit genau so gewollt. Gedanken, Aussagen und Verhalten des Protagonisten sind lediglich dazu da, um später als schützende Hülle entlarvt zu werden. Ein Charakter muss sich verändern können, sonst ist er nicht interessant. Die Hülle zerbröselt vor den Augen des Lesers, um den Menschen darunter freizulegen. Den Enrico von damals. Völlig legitim und gut gemeint, es dauert nur viel zu lange.

Über weite Strecken des Buches muss man sich mit dem alten Enrico, dem Langweiler, zufrieden geben. Eine zermürbende Angelegenheit. Zumal der Erzähler, der ihn zwar ab und an mahnt, seine affektierte Art abzulegen, nicht viel besser ist. Auch er lässt öfter mal den Intellektuellen raushängen, ohne dass die Geschichte selbst es verlangen würde. Carofiglios Zitierwut hat nicht nur den Nachteil, dass sie lehrerhaft und wenig subtil daherkommt, sie deckt auch eine weitere Schwäche seines Romans auf: So schön der Autor auch schreiben mag, die gelungensten Sätze im Buch stammen nicht aus seiner Feder. Er findet zwar viele stimmige Bilder und schafft Übergänge, die so fließend sind, dass man sie kaum bemerkt, verliert sich aber zu oft in gestelzten Dialogen und den immerzu abschweifenden Gedanken seines Helden. Die Handlung macht diese Schwächen nicht wett. Mir war von Anfang an klar, dass es sich um ein ruhiges Buch handelt, aber nicht, dass SO wenig passiert. Der Krimi-Anteil ist auf ein Minimum reduziert und leider nicht mal wirklich spannend.

Wie geht dieser Satz von Fitzgerald noch? In einer wirklich dunklen Nacht der Seele ist es immer drei Uhr morgens.

Am Ende ist „Am Abgrund aller Dinge“ eine schwächere Version von „Nachtzug nach Lissabon“. Die beiden Handlungsstränge sind zwar schön miteinander verwoben, es fehlt jedoch, abgesehen von der Schreibe des Autors selbst, das treibende Element, dass den Leser bei der Stange hält. Die politische Dimension des Romans, die Reise in die Vergangenheit Italiens, ist gut gelungen, nimmt aber wenig Raum ein. Davon hätte ich gerne etwas mehr gelesen. So bleibt ein sehr gut lesbares, stilistisch unstrittiges Buch, das zumindest bei mir keinen bleiben Eindruck hinterlassen hat und letztlich an seinem Protagonisten scheitert. Es fehlt an Tempo, an Spannung, an zwingenden Formulierungen. Wirklich schade.

„Am Abgrund aller Dinge von Gianrico Carofiglio ist gerade bei Goldmann im Hardcover erschienen. Die Übersetzung aus dem Italienischen stammt von Verena von Koskull.

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