Als man Actionfilme noch auf VHS an der Tanke kaufte

Cold in July Screenshot 3

© Backup Media/Bullet Pictures

Als ich vor einiger Zeit las, dass Joe R. LansdalesCold In July“ verfilmt werden soll, war ich spontan begeistert. Auch wenn ich das Buch noch gar nicht kannte. Der texanische Schriftsteller zählt zu meinen Lieblingsautoren und hat mit „Bubba Ho-Tep“ bereits eine gelungene Filmadaption im Portfolio. Bis dato hatte ich zwar weder von dem Regisseur Jim Mickle, noch von  dem Drehbuchautor Nick Damici, mit dem er das Skript verfasste, je etwas gehört, der Trailer sah aber viel zu gut aus, um sich nicht darauf zu freuen.

Cold in July Screenshot 1

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Der Familienvater Richard Dane (mit amtlichem Schnauzer: Michael C. Hall) wird eines Nachts von Geräuschen in seinem Haus geweckt. Ein Einbrecher. Mit einer Waffe. Nach einer Schrecksekunde erschießt Richard den Mann in Notwehr. Undenkbar was hätte passieren können, immerhin sind im Obergeschoss seine Frau und der gemeinsame Sohn. Das Blut, das an den Wänden klebt, lässt sich am nächsten Tag wieder wegwischen, aber die Angst bleibt. Und wird sogar noch größer. Es stellt sich heraus, dass der Einbrecher der Sohn eines jähzornigen alten Verbrechers war, der gerade aus dem Knast entlassen wurde und auf Rache aus ist. Richard bangt um die Sicherheit seiner Familie. Er wendet sich an die Polizei.

Cold in July 5

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In meiner Rezension zu Lansdales Buch schrieb ich: „Das erste Drittel von ‚Die Kälte im Juli‘ gehört zu dem Besten, was ich jemals im Krimi-Genre gelesen habe.“ Auf den Film lässt sich das leider nicht übertragen. Natürlich müssen auf dem Weg von der Literaturvorlage zum fertigen Drehbuch einige Szenen umgeschrieben werden. Trotzdem halte ich die Änderungen, die hier vorgenommen wurden, teilweise für unnötig. Durch eine scheinbar minimale Abweichung vom Buch geht gleich zu Beginn ein erheblicher Teil der Intensität flöten. Trotzdem bleibt es natürlich nervenaufreibend spannend, immerhin wird hier das gutbürgerliche Familienidyll zur Zielscheibe der biblischen Rachefantasien eines Kriminellen. Die Polizei nutzt unterdessen die Danes als Köder, um Russel (Sam Shepard), den Vater des toten Einbrechers, auf frischer Tat zu ertappen.

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Nicht nur Michael C. Halls Schnauzer, nicht nur die liebevollen Details, die Mickle und Damici hier für den aufmerksamen Zuschauer versteckt haben, suggerieren, dass wir uns in den 80ern befinden. Nein, es ist vor allem der Film an sich, als Ganzes, der diesen lässigen, in Anbetracht heutiger Hochglanzproduktionen fast schon irritierenden Retro-Flair versprüht. „Cold in July“ ist ein astreines Low Budget Action B-Movie. Hier werden keine Menschen erschossen, hier werden Löcher in Statisten gestanzt. Score (großartig!) und Soundtrack (in den jeweiligen Szenen größtenteils grotesk) passen so wenig zueinander, dass es unsere von Hans-Zimmer-Orchester-Bombast verklebten Gehörgänge ordentlich durchpustet. Und der Plot bietet selbstverständlich einige Ungereimtheiten. Ob das jetzt noch zum Konzept gehört, oder nur zufällig das Gesamtbild abrundet, wissen nur die Autoren.

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Ich weiß ja, Literaturvorlage und Film, das sind zwei paar Schuhe. Trotzdem komme ich nicht umhin zu bemerken, dass hier einige Dinge schief laufen. Was meiner Meinung nach eindeutig am Drehbuch liegt. Die bereits angesprochenen Löcher im Plot zum Beispiel. Die haben zwar Charme, sind aber eine Folge des Adaptionsprozesses und wären damit vermeidbar gewesen. Und auch wenn die Besetzung, vor allem die von Don Johnson als in die Jahre gekommener Detektiv Jim Bob, außerordentlich gut gelungen ist, bekommt Danes Ehefrau Ann (Vanessa Shaw) viel zu wenige Leinwandzeit. Im Buch holt sie ihren Mann, der Cowboy spielen will, immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und vermeidet dadurch, dass die Geschichte zu weit in trashige Gefilde abrutscht. Im Film verhindert sie das nicht. Das mindert zwar nicht den Spaßfaktor, sorgt aber für weniger Identifikation mit dem Geschehen auf der Leinwand und schadet dadurch wieder ein bisschen der Intensität. Passt aber dafür zum Look.

Cold in July Screenshot 6

© Backup Media/Bullet Pictures

„Cold in July“ ist ein guter, ästhetisch stimmiger Genrefilm mit einigen kleineren Schwächen. Die Änderungen, die Mickle und Damici an Lansdales Geschichte vorgenommen haben, wirken manchmal etwas voreilig und ziehen einige Folgefehler nach sich, die möglicherweise hätten vermieden werden können. Trotzdem wurde die Stimmung von Joe R. Lansdales Roman sehr gut eingefangen. Der Autor selbst scheint mit dem Film, in dem er sogar einen kleinen Cameo-Auftritt hat, übrigens sehr zufrieden zu sein. So zufrieden, dass das Duo bereits an der nächsten Adaption arbeiten darf: Einer Fernsehserie, die auf seiner „Hap and Leonard“-Reihe basiert. Wenn das keine gute Nachricht ist.

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2 Gedanken zu “Als man Actionfilme noch auf VHS an der Tanke kaufte

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