Kollaps einer Millionenstadt

burke sturm new orleans

© Pendragon

Mit einem Gruß an seine deutschen Leser beginnt die deutsche Ausgabe von James Lee Burkes Roman „Sturm über New Orleans“ (im Original: „The Tin Roof Blowdown“). Nach dem großartigen „Regengötter“, für das er erst kürzlich den Deutschen Krimipreis in der Kategorie International erhielt, dürfte Burkes Fangemeinde hierzulande ordentlich gewachsen sein. Der richtige Zeitpunkt also, um die Reihe wieder zu etablieren, mit der er damals in den USA bekannt wurde. Zwölf Jahre sind seine Dave-Robicheaux-Romane nicht mehr ins Deutsche übersetzt worden, und so freut sich der Autor umso mehr darüber, dass der Pendragon-Verlag ausgerechnet diesen Roman für einen Neustart ausgewählt hat. Es sei sein wütendstes Buch, sagt er im Vorwort, und dass es ihm ganz besonders am Herzen liege. Genau wie sein Protagonist.

Der Hurrikan Katrina fegt über New Orleans hinweg und lässt kaum einen Stein auf dem anderen. Dave Robicheaux, der sich mittlerweile als Deputy des Sheriffs mit Frau und Tochter in New Iberia niedergelassen hat, soll in der überfluteten Stadt einen verschollenen Priester mit einer Vorliebe für Betäubungsmittel finden. Auf dem Wasser, das die Straßen unter sich begraben hat, herrscht die pure Anarchie. Wer konnte, hat New Orleans verlassen, unzählige Häuser stehen leer und aufgedunsene Leichen treiben in den unbarmherzigen Fluten. Diebesbanden auf Schlauchbooten fahren von Haus zu Haus, auf der Suche nach Wertgegenständen, denen das Wasser nichts anhaben konnte. Wie eine Viergruppe junger Afroamerikaner, die sich für ihren Raubzug leider die falsche Ecke ausgesucht hat. Sie steigen in das Anwesen des Gangsterbosses Sidney Kovick ein. Noch in derselben Nacht wird einer von ihnen erschossen. Auch darum muss sich Robicheaux kümmern.

Sie ertranken in Altenheimen, auf Bäumen und Autodächern, während sie hektisch den Helikoptern zuwinkten, die über sie hinwegflogen. Sie starben in Krankenhäusern und Pflegeheimen, an Dehydration und Hitzschlag, und sie starben, weil auch die fürsorglichste Schwester nicht stundenlang einen Ventilator halten konnte, ohne eine Pause zu machen.

Die alptraumhaften Schilderungen des Elends, der Verzweiflung und der Zerstörung sind ebenso eindringlich wie schwer zu schlucken. „Die große Schmuddlige“, wie Clete Purcel, der beste Freund von Robicheaux, die Stadt nennt, versinkt wortwörtlich im Chaos. Und Niemanden scheint es zu interessieren. James Lee Burke prangert schon im Vorwort das Versagen des Staates bei dieser Naturkatastrophe an, was sein Protagonist stellvertretend für ihn im Buch auch konsequent fortführt. Der Autor schafft es darüber hinaus aber nicht, dieses Versagen überzeugend in die Handlung seines Romans einzubauen. Es gelingt ihm nicht, den „Verrat an der eigenen Bevölkerung“ in Bilder zu übersetzen und ihn damit von der Metaebene herunter zu zerren. Die Regierung und ihre Stellvertreter bleiben in „Sturm über New Orleans“ daher die meiste Zeit so abwesend, wie sie es während der realen Katastrophe im Jahr 2005 waren. Seinen Figuren bleibt nichts weiter übrig, als das in Gesprächen und Gedanken zu beklagen.

„Schau dir diese Scheiße an. Wer braucht da noch Terroristen?“

Würde es nicht auf dem Cover stehen, man würde nicht vermuten, dass es sich bei dem vorliegenden Buch um einen Dave-Robicheaux-Roman handelt. Zu blass, zu reglos bleibt Burkes Protagonist. Man hat das Gefühl, er wäre nur eine Erweiterung der Sinne des Lesers, ein zweites Paar Augen, mit der Aufgabe, den Schrecken Katrinas ungefiltert in unsere Köpfe hineinzutragen. Gegen Ende bekommt zwar auch der Mensch hinter den Augen seinen Auftritt, ansonsten lässt er sich der trockene Alkoholiker und Vietnam-Veteran die Show entweder von seinem dauertrinkenden Kumpel, einem verschlossenen Familienvater oder einem unfähigen Kriminellen stehlen, den er eigentlich schleunigst aufs Revier bringen müsste. Wenn da noch Platz wäre. Die heimliche Hauptfigur, die dem Buch ihren Stempel aufdrückt, ist allerdings der Erzbösewicht. Diese mittlerweile antiquierte Bezeichnung muss an dieser Stelle sein. Ein Mann mit einem Gesicht wie die Hautfalten eines Fingerglieds und einer so unheimlichen Art, dass sich einem die Nackenhaare zu Stacheln aufstellen. Fantastisch.

Bertrand hatte noch nie von Dantes neuntem Kreis der Hölle gehört. Aber er sollte demnächst eine Führung bekommen.

Es ist nicht nur der überforderte Robicheaux, der den Gesamteindruck trübt. Das mag sich für Kenner der Reihe ohnehin ganz anders verhalten als für Neueinsteiger, die zum ersten Mal mit ihm in Kontakt kommen. Nein, auch die Geschichte selbst lässt manchmal etwas zu wünschen übrig. Man hat stellenweise fast den Eindruck, sie passe sich der chaotischen Umgebung an. Manche Erzählstränge saufen ab, andere plätschern ewig vor sich hin, wieder andere laufen nebeneinander her und nur wenige laufen am Schluss auf eine Weise zusammen, die einen nicht völlig unbefriedigt zurücklässt. Es sind ohnehin zu viele. Diesem Buch hätten hundert Seiten weniger und eine verdichtete Handlung sicherlich gut getan. Doch Burke ist ein großer Geschichtenerzähler, was er trotz allem mit diesem Roman wieder unter Beweis stellt, und große Geschichtenerzähler erzählen nun mal große Geschichten. Auch wenn es manchmal kürzer ginge.

Das alte Schreckgespenst des Südens war wieder da, nackt, roh und geifernd – der totale Hass auf die Ärmsten der Armen.

Am Ende bleibt ein Roman, der den Leser so intensiv an einem Ausnahmezustand teilhaben lässt, dass er gar nicht anders kann, als von ihm gefesselt zu sein. Handlung hin oder her. Es bleiben grausame Bilder, die einen auch noch über die letzte Seite hinaus verfolgen und ein Bösewicht, der möglicherweise das Zeug zur Kultfigur, ganz bestimmt aber das Zeug zur Hauptfigur diverser Alpträume hat. Paranoiker sollten einen Bogen um dieses Buch machen. Allen anderen kann ich nur empfehlen, diesen trotz kleinerer Schwächen großartigen Kriminalroman schnellstmöglich zur Hand zu nehmen und sich in die reißenden Fluten der Burk‘schen Bilderwelt zu begeben. Wer lieber erstmal mehr über Dave Robicheaux erfahren möchte, kann sich dem nicht minder nach Katastrophe klingenden „Neonregen“ aussetzen. Vorzugsweise auf Englisch, denn die Robicheaux-Romane steigen unaufhörlich im Kurs und sind dementsprechend schwer aufzutreiben. Ansonsten bleibt nur abzuwarten, welchen Band der mittlerweile zwanzigteiligen Reihe der Pendragon-Verlag als nächstes aus dem Hut zaubert.

Ich wollte etwas sagen, sie irgendwie aufrichten, aber manchmal sind Worte nichts wert.

„Sturm über New Orleans“ von James Lee Burke ist gerade bei Pendragon im Premium-Paperback erschienen. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Georg Schmidt.

Advertisements

9 Gedanken zu “Kollaps einer Millionenstadt

    • Ließ sich bei dem Buch auch gar nicht vermeiden 😉 Angeblich sind diese Schwächen bei den älteren Robicheaux-Romanen nicht vorhanden, weshalb ich mir jetzt unbedingt „Neonregen“ besorgen will. Und zwei Verfilmungen gibt es auch noch nachzuholen.

      Gefällt mir

  1. Pingback: Sendung vom 21.06.2015 | Der Schneemann

  2. Pingback: Die Bielefeld Connection | Der Schneemann

  3. Pingback: Sheriff’s back in town | Der Schneemann

  4. Pingback: Meine 10 Lieblingskrimis 2015 | Der Schneemann

  5. Pingback: Vorschau 2016: Teil 5 | Der Schneemann

  6. Pingback: Sonntagsfrühstück mit dem Krimi-Spezial vom Freitag (4) | Der Schneemann

Diesen Artikel kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s