Wenn Welten kollidieren

Kröger Havarie

© Argument

Wir alle kennen die Bilder. Verängstigte Flüchtlinge in überfüllten Booten, die über das Mittelmeer schippern. Grenzschützer, Polizisten, Aktivisten, die ihnen die Hand reichen. In Decken gewickelte Frauen, Männer, Jungen und Mädchen. Die trostlosen Lager, in den sie meist vergeblich auf Asyl warten. Unerbittlich zeigen uns die Kameras der Nachrichtenreporter das Elend der Welt. Das Leid anderer ist Teil unseres Medienalltags, wir werden täglich damit konfrontiert und haben längst die Grenzen unserer Empathiefähigkeit erreicht. Dass es sich bei den zweidimensionalen Gestalten auf dem Bildschirm um echte Menschen handelt, Menschen mit einer Geschichte, können wir nicht ohne weiteres verdauen. Es isst sich einfach nicht so gut vor dem Fernseher, wenn Menschen ertrinken. Merle Kröger geht in „Havarie“ auf Kollisionskurs mit unserer Wegschau-Mentalität

Drei starten, eins kommt durch. Die Pech haben, ersaufen vor den Augen der Küstenwache. Algerisches Roulette.

Auf dem Mittelmeer, unweit der spanischen Küste, prallen ein Schlauchboot aus Algerien und ein Kreuzfahrtschiff mit dem symbolischen Namen Spirit of Europe aufeinander. An Deck 12 des Luxusliners bildet sich eine Traube aus Schaulustigen, die nichts Besseres zu tun haben, als zu filmen und einen Schwall Stammtischparolen abzusondern, während im Wasser unter ihnen ein Dutzend Menschen um ihre Zukunft bangen. Die spanische Seenotrettung ist bereits über den Vorfall informiert. Sie braucht etwa eineinhalb Stunden, um die Flüchtlinge zu erreichen. Dann droht ihnen bestenfalls die Abschiebung. Kapitän und Crew müssen sich nun die Frage stellen, wie sie in der Zwischenzeit mit ihnen verfahren sollen: Einfach im Wasser lassen oder doch an Bord holen?

„Warum können wir nicht weiterfahren? Wer will die schon hierhaben? Sollen doch ihre eigenen Leute kommen und sie rausfischen?“

Ob Wäscherei oder Bordbistro, ob Angestelltenpritsche oder Luxussuite mit Balkon, ob bordeigener Irish Pub oder Sonnendeck – Merle Kröger versammelt vom illegalen Arbeiter bis hin zum Firmenchef die unterschiedlichsten Persönlichkeiten in ihrem vielstimmigen Roman. Von der titelgebenden Havarie bis zum Eintreffen der Seenotrettung vergehen dabei gerade einmal 89 Minuten („Spielfilmlänge“), die in Kapiteln mit ständig wechselnder Perspektive in der Länge von Youtube-Filmchen aufgefächert sind. Selbst wenn man die Rahmengeschichte mitrechnet, sind es nur zwei Tage und Nächte, die der Autorin genügen, um ihr globales Kammerspiel vor uns auszubreiten. Dabei überschreitet sie Zeit- und Ländergrenzen im Sekundentakt, hangelt sich vom Nordirlandkonflikt zum spanischen Bürgerkrieg, von Aleppo nach Auschwitz, von Franco zu Hitler und vom Öl-Giganten Repsol zu indischen Hindutva-Bewegung. Alles hängt zusammen, daran lässt sie keinen Zweifel.

Sollen wir sie alle ins Land lassen? Wir haben die Krise, wir brauchen jeden Job. Sollen wir sie weiterschicken in die reichen Länder, die in Europa das Sagen haben? Nach Deutschland vielleicht, zu Frau Merkel. Geschähe ihr recht.

Merle Kröger schreibt nicht nur Krimis, sie ist auch Dramaturgin,  Produzentin und Filmemacherin im Bereich Dokumentar- und Essayfilm. Das merkt man ihren Büchern an. Bereits ihr letztes Buch, „Grenzfall“, über den Tod zweier Roma an der deutsch-polnischen Grenze, basierte auf den Recherchearbeiten zu dem Film „Revision“. Auch „Havarie“ liegt eine tatsächliche Begebenheit zugrunde und auch diese Geschichte wird, wenn alles läuft wie geplant, nächstes Jahr ihren Weg in die Kinos finden. Die Autorin hat die Orte bereist, von denen sie erzählt, war auf vergleichbaren Schiffen unterwegs und hat den Rest ihrer Fantasie überlassen. Dementsprechend kenntnisreich und authentisch ist ihr Buch geworden. Darüber hinaus kann man sich nur vor ihrer Kunstfertigkeit verneigen, ein komplexes Thema, dass sie über mehrere Jahre begleitet hat, auf eine 228-seitige Essenz einzudampfen. Herausgekommen ist ein Buch wie ein Eisberg, bei dem die scharfkantigen, knappen Sätze nur die Spitze ausmachen.

„Warum müssen wir hier warten, bis jemand den Müll abholt?“ „Selbst schuld.“ „Lass sie doch verrecken.“ „Ein paar mehr oder weniger.“

Die Kritiken überschlagen sich bereits und für viele ist schon sicher, dass Merle Kröger für „Havarie“ bereits zum zweiten Mal der Deutschen Krimipreis erhalten wird. Unklar ist jedoch, ob diese Genre-Bezeichnung überhaupt zu dem Roman passt. Es gibt zwar mysteriöse Todesfälle, doch die fallen angesichts der vielen handelnden Personen und der allgegenwärtigen Anspannung kaum ins Gewicht. Wenn auf dem Kreuzfahrtschiff jemand schwer krank ist oder gar stirbt, wird er für gewöhnlich einfach mitsamt Begleitung am nächsten Hafen unauffällig von Bord befördert. Nichts darf die Idylle stören, die Gäste haben immerhin für einen erholsamen Urlaub bezahlt. So gilt auch in diesem Fall: Nicht groß Staub aufwirbeln, sondern für Ablenkung sorgen. Diejenigen, die sich wirklich dafür interessieren, was vor sich geht, bilden, wie auch in der Realität, die Minderheit.

Ich fühle mich jedes Mal schäbiger, wenn wir wieder auf die Spirit of Europe zurückkehre. Ich möchte nicht mit diesem Monstrum in Verbindung gebracht werden. Ich nicht.

Ob wir es hier mit einem Kriminalroman zu tun haben, darüber lässt sich also trefflich streiten. Unstrittig ist aber, dass es in „Havarie“ um ein Verbrechen geht, das jährlich tausende Opfer fordert. Merle Kröger erzählt von den Menschen, die vor den Mauern von „Fortress Europe“ den Tod finden, ihrer Namen und ihrer Würde beraubt. Ihr Roman ist ein Prisma, in dem sich die Tragödien der globalisierten Welt brechen, ohne dass sie sich anmaßt, einen simplen, utopischen Lösungsvorschlag zur Bewältigung der dargestellten Problematik zu liefern. Außer Empathie. Sie dehnt die Genre-Konventionen bis aufs Äußerste um den Krimilesern einen erstklassigen Gesellschaftsroman unterzuschieben, der weh tut. Ganz schön subversiv! Man kann nur hoffen, dass sich viele Menschen dieses trojanische Pferd von Krimi ins Haus holen. Und der Film wird bitte im ZDF gezeigt. Dann, wenn eigentlich „Das Traumschiff“ laufen sollte.

„Havarie“ von Merle Kröger ist gerade beim Argument Verlag in der Reihe Ariadne Krimis als Hardcover erschienen.

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6 Gedanken zu “Wenn Welten kollidieren

  1. Die Diskussion, ob es ein Kriminalroman ist, wird das Buch wohl noch länger verfolgen. Mein Leseeindruck war durchaus ambivalent, aber damit scheine ich in der Minderheit zu sein.

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