Hamburg Hardboiled

gray kanaken blues

© Pendragon

Hamburg, 2000: Der Sohn des Polizeichefs wird ermordet, nur ein paar Meter von seinem Zuhause entfernt. Kaum wird der frisch zum Hauptkommissar ernannte Boyle mit dem Fall beauftragt, gibt es auch schon die nächste Leiche. Zusammen mit seinem Kollegen Tommy versucht Boyle herauszufinden, ob zwischen den Morden ein Zusammenhang besteht und wer für diese Blutspur, die sich durch die nächtliche Stadt zieht, verantwortlich ist. Dabei stößt er auf allerlei Widerstand, vor allem aus den eigenen Reihen. Denn der homosexuelle Tommy und der dunkelhäutige Boyle sind nicht gerade die beliebtesten Polizisten Hamburgs.

Die Stadt machte sich fit für eine neue Nacht: schminkte ihr Gesicht in den trügerisch sanften Farben von Irrenhauswänden.

In David Grays feinem Noir-Stück „Kanakenblues“ ist jeder korrupt. Schon zu Beginn werden wir per Rückblende Zeuge, wie Boyle zusammen mit seinem Freund, dem jüdischen Zuhälter Teddy, Informationen über eine Polizeiaktion an den Gangsterboss Premuda verkauft. Die Machtspielchen in- und außerhalb des Polizeipräsidiums überlagern stellenweise den eigentlichen Kriminalfall und sind obendrein oft auch noch spannender. Wer hat was gegen wen in der Hand? Immer wieder verschieben sich die Figuren auf dem Feld und es werden andauernd neue Karten auf den Tisch gelegt. Man kommt nicht umhin zu bemerken, dass hier jemand seinen James Ellroy genauestens studiert hat. Überhaupt steht der Roman des deutschen Autors in der Tradition amerikanischer Krimikultur.

„Die Leute meinen immer, wir seien so was wie eine Mauer, die sie vor dem Bösen schützt, von dem sie glauben, dass es ständig um sie herum aus den Gossen kriecht. Aber das ist naiv. Wir sind keine Mauer. Wir sind höchstens sowas wie Katalysatoren, die dafür bezahlt werden, das, was schief lief, durch unsere Hirne zu filtern und irgendwann in Form von Schlussfolgerungen und Beweisen in Gerichtsakten wieder auszukotzen.“

Hauptkommissar Boyle ist eine sehr interessante Hauptfigur. Einerseits der Vorzeige-Ausländer der Behörde, den man auf Plakatwänden in Szene setzt um Chancengleichheit vorzugaukeln, andererseits der intelligente Intrigant, der sein eigenes Wohl über Gesetze und Dienstvorschriften stellt. Da er nirgendwo wirklich dazugehört, streunert er zwischen den Welten hin und her, knüpft Kontakte und hält sich jede Option offen. Er ist ein Außenseiter in einer ihm feindlich gesinnten Umgebung, die ihn bei jedem noch so kleinen Fehler mit Freuden verschlingen wird. Sein Ehrgeiz ist ebenso groß wie er ziellos ist, da er nur aus dem Drang zu resultieren scheint, den Umständen, in die er hineingeboren wurde, mal ordentlich den Mittelfinger zu zeigen.

„Morgen, Arschloch“, prostete er durchs Küchenfenster dem Plakat auf dem Bauzaun gegenüber zu. Das Plakat zeigte ihn selbst, wie er breit lächelnd dem Betrachter eine Polizeimarke entgegenstreckte. Darunter stand in großen, vertrauenserweckend blauen Lettern: „EINER VON UNS.“

Die Polizei erhält den Hinweis, dass der Mörder ein Mann ausländischer Herkunft ist. Jemand hat die Tat beobachtet. Wie die Jagdhunde heften sich die Beamten auf die Fersen des, wie sie ihn nennen, „Kanakenmörders“ von Hamburg. Nehmen seine Fährte auf, im Wissen, dass sie nur noch wenige Stunden haben, bis die Presse Wind von der ganzen Sache bekommen wird. Dass der Sohn des Polizeipräsidenten zu den Opfern zählt, verleiht dem Ganzen natürlich zusätzliche Dringlichkeit. Überall angespannte Muskeln und entsicherte Waffen. Es dauert nicht lange, bis auch auf Seiten der Ordnungshüter die ersten Köpfe rollen. Und das sowohl im übertragenen, als auch im wörtlichen Sinne.

Wie der Titel schon vermuten lässt, spielt Rassismus in diesem Buch eine große Rolle. Mal werden alle Migranten pauschal mit „Ali“ angesprochen, mal von der Damenwelt zu exotischen Sexspielzeugen degradiert, selten aber als gleichwertige Mitbürger behandelt. Selbst als die Polizisten erkennen, welche politische Brisanz der Fall des „Kanakenmörders“ birgt, treibt sie höchstens für eine Sekunde die Sorge um, Neonazis könnten ihn für ihre Ausländerhetze instrumentalisieren. Die Vorstellung, alle Migranten Hamburgs könnten sich erheben und dagegen wehren, hat sich dagegen bereits in ihren Köpfen breit gemacht. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

„Der Hass, glaube ich, war schon immer da. Und dieser Traum von einem besseren Leben, der Ihrem Vater angeblich so viel Glück gebracht hat, was, wenn er von Anfang an sowieso nie mehr war als ein Bluff? Aber die meisten Leute, die ihn träumen, bisher einfach nur das Glück hatten, nie dahinterzukommen?“

Mit irrem Tempo erzählt David Gray in „Kanakenblues“ die Geschichte einer mörderischen Nacht im Schmelztiegel Hamburg. Die Haupthandlung spielt sich innerhalb von exakt 24 Stunden ab und wird abwechselnd in Kapiteln aus der Sicht von Boyle und dem von ihm gejagten Mörder erzählt. Ein Schelm, wer da an Frank Göhre denkt. 2011 wurde der Roman übrigens erstmals unter dem Titel „Glashaus“ als eBook vom Autor in Eigenregie veröffentlicht. Für die Neuausgabe bei Pendragon wurde nicht nur der Titel geändert, David Gray nahm sich auch die Zeit, die Geschichte zu ergänzen und noch einmal zu überarbeiten. Herausgekommen ist ein rasanter, düsterer, so überzeichneter wie unterhaltsamer Polizeithriller von einer markanten neuen Stimme der deutschen Kriminalliteratur. Bitte mehr davon.

„Die Leute meinen immer, wir seien so was wie eine Mauer, die sie vor dem Bösen schützt, von dem sie glauben, dass es ständig um sie herum aus den Gossen kriecht. Aber das ist naiv. Wir sind keine Mauer. Wir sind höchstens sowas wie Katalysatoren, die dafür bezahlt werden, das, was schief lief, durch unsere Hirne zu filtern und irgendwann in Form von Schlussfolgerungen und Beweisen in Gerichtsakten wieder auszukotzen.“

„Kanakenblues“ von David Gray ist gerade als Taschenbuch bei Pendragon erschienen. 

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