Im Zoo

Lehmann Affen von Cannstatt

© Argument

Camilla Feh ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, weil ihre Mutter eine mit internationalem Haftbefehl gesuchte Kindsmörderin ist. Eine mehrfache Kindsmörderin, die vier ihrer eigenen Kinder getötet und beim örtlichen Friedhof verscharrt hat. Die Tat ihrer Mutter lastet wie ein Fluch auf der mittlerweile erwachsenen Frau, die als einziges Kind weiterleben durfte. Jetzt sitzt Camilla im Gefängnis. Sie soll ihren Ex-Freund und Chef Till Deutschbein ermordet haben. Er wurde im Stuttgarter Zoo von Bonobo-Affen getötet, nachdem ihn jemand dort nachts im Gehege zurückgelassen hat. Camilla hatte diese Tiere vor einigen Jahren für längere Zeit beobachtet und erforscht. Und nicht nur das: Sie war wahrscheinlich auch die letzte Person, die ihren ebenfalls verstorbenen Soziologieprofessor lebend gesehen hat – den Professor, der ihre Arbeit über die Bonobos nicht annehmen wollte.

Seit meiner Schulzeit höre ich Geflüster hinter mir. Oder bilde es mir ein. Das abartige Verbrechen meiner Mutter ist Teil meiner Identität, obwohl ich mich an sie nicht erinnere. Sie ist aus meinem Leben verschwunden, ehe ich sie bewusst wahrnehmen konnte.

Christine LehmannsDie Affen von Cannstatt“ ist ein untypischer Kriminalroman. Die Geschichte wird von der Protagonistin wechselnd in Form eines „Knastbuchs“ und einer schriftlichen Verteidigung erzählt, die sie anfertigt, um die Ereignisse zu rekonstruieren und ihre Unschuld zu beweisen. Die beiden Schriftstücke ergänzen sich wunderbar. Während das Knastbuch vom Alltag in der JVA Schwäbisch Gmünd erzählt, beschreibt das Endlos-Dokument „Verteidigung der Camilla Feh“ den Werdegang einer jungen Frau, die sich nun vor dem Gericht für eine Tat verantworten muss, die sie nicht begangen hat. Davon ist sie überzeugt. Auch wenn sie stellenweise selbst an ihrem Verstand und ihren Erinnerungen zweifelt.

Je öfter ich die Worte „unbegreifliche Tat höre, desto mehr habe ich das Gefühl, dass diese Moderatorinnen eigentlich genau wissen, warum Menschen andere Menschen töten, vor allem dann, wenn sie wehrlos sind. Nur ich weiß es nicht. Und sie sagen es mir nicht.

Christine Lehmann ist ein Argument-Eigengewächs. Sie ist vor allem durch ihre mittlerweile zehnbändige Reihe um Lisa Nerz, eine der ungewöhnlichsten Figuren deutscher Kriminalliteratur, bekannt geworden. „Die Affen von Cannstatt“ lässt sich als Spin-Off dieser Reihe begreifen. Die aufsässige Querulantin, die bereits auf dem Mond ermitteln durfte, tritt hier als die Person in Erscheinung, die Camilla für ihre Verurteilung verantwortlich macht. Als die Böse. Camilla nennt Lisa Nerz liebevoll „Die Hyäne“ und bereut, mit der Journalistin überhaupt jemals ein Wort gewechselt zu haben. Ein interessanter Ansatz, der nicht für Fans und Kenner der Reihe eine neue Perspektive eröffnet.

Was den Menschen vom Affen unterscheidet, ist nicht der aufrechte Gang, die Sprache oder das Lachen, es ist der Ekel, die Scham.

Die JVA Schwäbisch-Gmünd ist ein reines Frauengefängnis im Gebäude eines ehemaligen Klosters mit dem, aus heutiger Sicht, zynischen Namen „Gotteszell“. Die Schilderungen des Knastalltags erzählen von der Erniedrigung der Gefangenen, vom Verlust jeglicher Privatsphäre, von Gewalt, Hierarchie und dem Monster der Bürokratie, das unter den Pritschen lauert und es den Frauen unmöglich macht, ihre Menschenwürde zurückzuerlangen. „Die Affen von Cannstatt“ prangert diese Umstände an und kritisiert die Lücken und Tücken des deutschen Rechtssystems. Darüber hinaus wird dem Leser ein Blick hinter die Gitterstäbe gewährt, der mit jeder Verharmlosung des Gefangenen-Daseins sowie dem weit verbreiteten Irrglauben, im Knast würde man auf Staatskosten in hübschen Zellen mit Vollausstattung hausen, ein für alle Mal aufräumt.

Gerade eben beim Hofgang sind zwei Frauen mit Fäusten und Krallen aufeinander losgegangen. Wie im schlechten Film. Aber wenn es in Wirklichkeit passiert, kann man nicht amüsiert zugucken. Der Stress springt über. Die Geräusche der Gewalt stellen den Organismus auf Kampf.

Eine der Stärken von Christine Lehmanns Roman ist die Vielschichtigkeit. Hier wird nicht einfach nur eine spannende Geschichte erzählt, hier geht es auch um die Themen Tierschutz, Aktivismus, Herrschaftsstrukturen und feministische Theorie. Nicht umsonst spielen die im Matriarchat lebenden Bonobos eine zentrale Rolle. Die Menschenaffen, die Stresssituationen mit Geschlechtsverkehr begegnen, werden von der Protagonistin als männliche Utopie entlarvt, was auf wenig Gegenliebe stößt. Immer wieder scheucht sie ihre Gesprächspartner und damit auch die Leser auf die Meta-Ebene, wo es plötzlich um Fragen der Soziologie, Biologie oder Philosophie geht, um Emanzipation und die Dominanz des Mannes in der Gesellschaft. Dabei bleibt Camilla Feh stets nüchtern und sachlich, argumentiert ausführlich und fundiert und hinterfragt feministische Positionen ebenso wie die bestehenden Rollenbilder, ohne sich selbst in eine Rolle hineinzwängen zu lassen. Das mag manchmal ein wenig zu viel Raum einnehmen, bereichert das Buch aber ungemein und macht es zu einer anspruchsvollen, herausfordernden Lektüre.

Eindeutig hat bei den Hominiden das Konzept überlebt das auf der Fähigkeit der Männer basiert, im Kampf um die macht Allianzen zu schmieden, und auf der Unfähigkeit der Frauen, dies ebenfalls zu tun.

Wer denkt, nur weil Cannstatt im Titel vorkommt handle es sich hier um einen Regio-Krimi, der liegt gründlich daneben. Tübinger und Stuttgarter werden hier zwar einige Schauplätze wiedererkennen, doch Christine Lehmann gehört trotz Titeln wie „Vergeltung am Degerloch“ oder „Gaisburger Schlachthof“ mitnichten zur Flut der Autorinnen und Autoren, deren austauschbare Heimatfilm-Krimis seit Jahren den Markt überfluten. Wer auf der Suche nach einer heilen Welt ist, in der selbst Morde das vorherrschende Idyll nicht beschädigen können, der sollte sich fern halten. Dem Rest der Welt sei dieses Buch ganz besonders ans Herz gelegt, weil es zeigt, dass der Mut zum Ungewöhnlichen und glaubwürdige, mehrdimensionale Frauenfiguren dem deutschen Krimi ungeheuer gut zu Gesicht stehen. Christine Lehmann bringt nicht erst seit „Die Affen von Cannstatt“ jede Menge frischen Wind ins Genre. Schade, dass das immer noch nicht alle mitbekommen haben.

„Die Affen von Cannstatt“ von Christine Lehmann ist bei Argument in der Reihe Ariadne Krimis als Taschenbuch erschienen.

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2 Gedanken zu “Im Zoo

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